Die Libertines, James Bond und der Brexit

Was Geschichtsbilder in der britischen Popkultur mit dem Referendum vom 23. Juni zu tun haben könnten…

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Am 23. Juni 2016 wird in Großbritannien über die Zukunft der Europäischen Union entschieden, denn es steht ein „Brexit“ im Raum. Stimmen die Wahlberechtigten im Referendum für einen Austritt aus der Union, verlöre diese ihre zweitgrößte Volkswirtschaft, das Land, das 2050 unter den gegenwärtigen Mitgliedstaaten die größte Bevölkerung haben dürfte sowie eine Atommacht mit Sitz im UN-Sicherheitsrat – von der ungewissen Zukunft Schottlands im Falle eines Austrittes und der Signalwirkung auf andere Mitgliedsstaaten ganz zu schweigen.

Eine historische Entscheidung also, die zum Teil auch nur historisch erklärbar ist. Dominik Geppert, Professor an der Universität Bonn und vormals langjähriger Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut London, merkte dazu schon vor einigen Monaten in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung an: „Die Gründungsgeschichte der europäischen Integration handelte vom Wiederaufstieg des Kontinents aus den Trümmern zweier verheerender Kriege, von der Überwindung der Feindschaft zwischen den Nationen, der Sicherung der Zukunft durch Zusammenarbeit. Großbritannien dagegen blieb auch deswegen stets ein schwieriger Partner in der europäischen Gemeinschaft, weil dem Land das Erlebnis der Niederlage ebenso fehlte wie die Erschütterung der politischen Institutionen und der Vertrauensverlust in die nationale politische Führung, wie ihn die meisten kontinentaleuropäischen Völker erlitten hatten.“

Dieser Ansatz, britische Vorbehalte gegenüber ‚Brüssel‘ geschichtskulturell zu erklären, lässt sich meines Erachtens noch erweitern, indem man untersucht, welcher Blick von der Insel aus auf die Antike geworfen wird. Die Antike eignet sich in der gegenwärtigen Situation besonders für Versuche, Sinn über Tradition zu stiften, da sie nicht wenigen – vor allem in Gestalt des Römischen Reiches – als Vorläufer der supranationalen EU scheint. Als Quellen für die kurze Untersuchung dienen dabei im Folgenden zwei Ikonen der britischen Popkultur, die zudem echte Exportschlager sind: The Libertines und James Bond.

„There are fewer more distressing sights than that of an Englishman in a baseball cap“ – um markige und durchaus nationalistische Textzeilen waren die Libertines, wie hier in „Time for Heroes“ (2002), noch nie verlegen und ebenso wenig um Auftritte in Uniformröcken. Aus ihrer antirassistischen Grundhaltung machen sie jedoch ebenfalls keinen Hehl. Am deutlichsten artikulierte sich diese wohl in „Arbeit macht frei“. Letzteres erschien auf dem Album „The Libertines“, das 2004 im Vereinigten Königreich die Spitze der Charts erklomm und auch in Deutschland immerhin noch einen 20. Platz erreichte.  In Bezug auf die Antike ist vor allem die dortige letzte Nummer interessant, „The Good Old Days“.

Pete Doherty beschwört darin eingangs den großen Aufstand der Kelten in Britannien gegen die relativ junge römische Herrschaft im Jahr 61 nach Christus: „If Queen Bodecia is long dead and gone / Still then the spirit in her children’s children’s children it lives on.“ Man mag sich das einmal in Deutschland vorstellen: Ein Nummer-Eins-Album, in dem vom Sieg in der Hermannsschlacht die Rede ist… (Selbst in Frankreich – so vermute ich zumindest – nähme man das Pendant, eine Eloge auf die Belagerung von Alesia, spätestens seit „Asterix und der Avernerschild“ nicht mehr ernst.)

Die nächsten Passagen dagegen sind dem Heroin und dann Dohertys anderer Hassliebe gewidmet, nämlich dem besten Freund beziehungsweise dem Gitarristen der Band, Carl Barât: „If you’ve lost your faith in love and music / Oh the end won’t be long / Because if it’s gone for you then I too may lose it / And that would be wrong.“ Verquickt wird diese schwierige Beziehung abschließend wieder mit gesellschaftlichen Fragen. Das Lied endet nämlich mit einer Hymne auf die Seefahrernation Großbritannien:

The arcadian dream has all fallen through /
But the Albion sails on course /
So let’s man the decks and hoist the rigging /
Because the pig mans found the source /
And theres twelve rude boys on the oars

Wie genau dieser „arkadische Traum“ aussieht, deutet sich in einem weiteren, mit „Albion“ betitelten Song an. Offiziell veröffentlicht wurde die Nummer zwar erst auf dem Debüt des zwischenzeitlichen Libertines-Surrogat The Babyshambles („Down in Albion“ (2005), Platz 10 in den UK-Charts; Platz 8 für die Single). Die Libertines hatten es jedoch schon bereits zuvor gespielt, hier eine Sessionversion:

„Albion“ ist der keltische Name für die britischen Inseln und gefeiert werden unter dieser Bezeichnung nun allerlei Ikonen der britischen Popkultur: Gin in Teebechern, Reeboks und vieles mehr (hier eine echte Analyse im Guardian). Besonders interessant sind dabei die Auftaktverse:

Oh Down in Albion /
They’re black and blue /
But we don’t talk about that /
Are you from ‚round here? /
How do you do? /
I’d like to talk about that

Reichlich mitgenommen und verdroschen ist also dieses Land, das sich seine Wunden lecken will, indem es wieder auf sich selbst und seine Traditionen bezieht.

Womit wir beim nächsten und jüngeren Beispiel wären: James Bond beziehungsweise dem bisher vorletzten Film der Reihe, „Skyfall“ (2012). Vom dessem geschichtskulturellen Anspruch zeugt die Szene, in der Bond und sein Tüftler Q sich in der National Gallery treffen:

Das Gemälde, das den beiden als Vergleichsfolie für Bonds Situation dient, ist William Turners „Fighting Temeraire“ von 1839. Vor Trafalgar hatte sie 1805 noch zum Sieg der Royal Navy beigetragen, 1838 wurden Temeraire abgewrackt.

Ebenfalls aus den 1830er-Jahren stammt das Gedicht „Ulysses“, das M vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss vorträgt:

We are not now that strength which in old days /
Moved earth and heaven, that which we are, we are; /
One equal temper of heroic hearts, /
Made weak by time and fate, but strong in will /
To strive, to seek, to find, and not to yield

 

Dreierlei findet sich, wie schon in den anderen Beispielen, auch in diesen Zeilen: Der Aufruf, an alte Größe anzuknüpfen. Das Bekenntnis zur Navy und dem Inseldasein Britanniens – immerhin zieht es Ulysses/Odysseus nach Ithaka. Und, beides kombinierend, eine mythische Zukunftsvision für das Vereinigte Königreich, das sich darin seiner Widerstandstraditionen wieder bewusst wird.

Ich möchte von diesen kleinen Beobachtungen nicht zu weit schließen, aber mir scheint, dass dies der Nährboden ist, auf dem der Wunsch nach einem Brexit gedeiht, sind doch die Libertines und  James Bond keine Randphänomene der britischen Popkultur.

Prognosen für den 23. Juni zu treffen, fällt vielleicht auch wegen dieser diffusen aber weitverbreiteten mythischen Geschichtsbilder schwer. Es sieht jedenfalls nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen aus.

 

Nachträge:

Die Rezension von FM4 (ORF) zum letzten Album der Libertines „Anthems for Doomed Youth“ (2015) geht ebenfalls auf Geschichtsbilder der Band ein.

Zur Rolle der Kulturschaffenden in der Brexit-Diskussion siehe zudem einen Artikel in der NZZ.

Weltkriegserinnerung und Nahostpolitik

Sykes-Picot-1916 german[Sykes-Picot Agreement 1916. Reproduced from http://www.passia.org with permission (Mahmoud Abu Rumieleh, Webmaster). Free to use with acknowledgement]

Der Erste Weltkrieg wurde auch im Nahen Osten ausgetragen. Dort kämpften Großbritannien, Frankreich und Russland gegen das Osmanische Reich. Dessen Niederlage antizipierend teilten die Briten und Franzosen sein Herrschaftsgebiet 1916 auf – und in großen Teilen unter sich.

Der nach seinen Erfindern benannte Sykes-Picot-Plan wurde zwar nie vollständig realisiert. Er prägt aber die Konflikte in dieser Weltregion bis heute; zum einen, indem er völlig neue Staaten schuf, die bis heute bestehen; zum anderen als Symbol des europäischen Imperialismus.

Die Neue Zürcher Zeitung berichtete am Wochenende sehr ausführlich davon.

Russlands Vergangenheiten

Vor kurzem fand in St. Petersburg eine deutsch-russische Konferenz statt, in deren Mittelpunkt die Frage stand, welches Verhältnis Russland zu Europa hat. Bei der Spurensuche kamen die Teilnehmer immer wieder auf die Geschichte zu sprechen – und deren Folgewirkungen und Rezeption in der Gegenwart (#1054, #1917, #1991). Weitere Diskussionspunkte waren die russische Außenpolitik, die Beziehung zwischen Staat und orthodoxer Kirche sowie die Lage (oppositioneller) Künstler. Ausführlich von der Tagung berichtete die Neue Zürcher Zeitung in ihrer Ausgabe vom 27. Mai.

Die Perlen der Wikipedia (i)

1934 wurde das Urheberrecht auf 50 Jahre nach dem Tod des Autors verlängert. Wie bereits im Ersten Weltkrieg gab der Verlag auch zu Beginn des zweiten eine tragbare Feldbibliothek heraus. Es handelte sich dabei um stoßfeste Kästen, die 100 verschiedene Reclam-Ausgaben enthielten, so dass der Wehrmachtssoldat auch an der Front nicht auf Goethe oder Kant verzichten musste.

(Artikel Reclam-Verlag)

Hörspieltipp – Virginia Woolf: „Orlando“

Liebesbrief, große Literatur, Plädoyer für Geschlechtergerechtigkeit, Reflexionsversuch über die Gattung Biographie; aber eben auch ein Beitrag darüber, was Geschichte ist und sie leisten soll – Virginia Woolfs „Orlando“ aus dem Jahr 1927 ist das alles und noch einiges mehr. Der Bayerische Rundfunk strahlt in seinem zweiten Radioprogramm ab heute Abend, 20.00 Uhr, eine Hörspielbearbeitung aus (in Übersetzung).

Nach- und vorzuhören zudem auch hier.

Tausend Meilen durch Italien

Vom 19. bis zum gestrigen 22. Mai fanden die Mille Miglia statt. Eigentlich handelt es sich dabei um eine Ausgabe der Mille Miglia Storica. Das historische Vorbild war ein Sportwagenrennen, das zwischen 1927 und 1957 ausgetragen wurde – und zwar auf der Strecke Brescia-Rom-Brescia, die insgesamt etwa 1.600 km lang ist oder umgerechnet eben 1.000 Englische Meilen. Nach einem – weiteren – tödlichen Unfall verboten die Behörden das Rennspektakel in den 1950er-Jahren. 1977 wurden die Mille Miglia dann als Oldtimerrennen reanimiert; also zu der Zeit, als in Europa generell ein Retro-Trend einsetzte.

Über die diesjährige Ausgabe berichteten unter anderem und meines Erachtens am schönsten:

https://www.classicdriver.com/de/article/autos/es-ist-zeit-fur-die-mille-miglia

http://gtspirit.com/2016/05/18/live-blog-mille-miglia-2016/