Walter Benjamins „Über den Begriff der Geschichte“

Walter Benjamin, von dessen Tod auf der Flucht vor den Nationalsozialisten ich gestern kurz berichtete, schrieb lange, unter anderem auch noch im Sommer 1940, „Über den Begriff der Geschichte“. Dabei handelt sich um eine unabgeschlossene Aphorismensammlung, verfasst in Zeiten der Verfolgung und des Pakts zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und der UdSSR.

Am bekanntesten ist wohl die erste These vom scheinbaren Schachautomaten, die hier in folgender Fassung zitiert wird:

Bekanntlich soll es einen Automaten gegeben haben, der so konstruiert gewesen sei, daß er jeden Zug eines Schachspielers mit einem Gegenzuge erwidert habe, der ihm den Gewinn der Partie sicherte. Eine Puppe in türkischer Tracht, eine Wasserpfeife im Munde, saß vor dem Brett, das auf einem geräumigen Tisch aufruhte. Durch ein System von Spiegeln wurde die Illusion erweckt, dieser Tisch sei von allen Seiten durchsichtig. In Wahrheit saß ein buckliger Zwerg darin, der ein Meister im Schachspiel war und die Hand der Puppe an Schnüren lenkte. Zu dieser Apparatur kann man sich ein Gegenstück in der Philosophie vorstellen. Gewinnen soll immer die Puppe, die man historischen Materialismus‹ nennt. Sie kann es ohne weiteres mit jedem aufnehmen, wenn sie die Theologie in ihren Dienst nimmt, die heute bekanntlich klein und häßlich ist und sich ohnehin nicht darf blicken lassen.

Die folgenden Thesen lesen sich dann wie eine Verteidigung dieses Schachspielers und auch der (jüdisch-messianischen) Theologie, wobei an der grundsätzlichen Offenheit der Geschichtskonstruktion meistensteils festgehalten wird (explizit in dieser Fassung: XIV, XVII und besonders III). Das nicht immer widerspruchsfreie Kreisen um die Grundfragen, ob Geschichte einen vorgezeichneten Verlauf hat und zu welchem Zweck man sie schreibt, fasziniert.

Ich verweise hier bloß auf eine entsprechende Veranstaltungsankündigung aus dem Jahr 2013 und einige kritische Bemerkungen zu den bisherigen Editionen seitens Wolfgang Matz‘, der inhaltlich zudem besonders die Unabgeschlossenheit betont.

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