Geschichte auf Facebook

Moritz Hoffmann und Charlotte Jahnz erklärten auf der 10. Ausgabe der re:publica, warum (dumme) Kommentare auf Facebook zur Legitimation der Geschichtswissenschaftswissenschaft beitragen. Außerdem schlugen sie vor, eine Art digitale Historiker-Taskforce zu gründen, um Rechtsradikalen im Internet Paroli zu bieten.

Der Vortrag ist jetzt verschriftlicht und veröffentlicht worden.

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Geschichtsbilder von der Antike als Modell für die jungen USA?

WashMonument WhiteHouse
[Washington Monument; Foto: By U.S. Air Force Tech. Sgt. Andy Dunaway (Public domain), via Wikimedia Commons]

Zur Frage, ob und inwieweit die (römisch-griechische) Antike im Nordamerika des 18. Jahrhunderts als historisches Vergleichsbild diente, erschien 2011 ein Beiheft der Historischen Zeitschrift, das diese Woche auf H-Soz-Kult rezensiert wurde (inklusive Forschungsüberblick).

Münsters Kiepenkerl-Denkmal (i) – Zeit der Errichtung (um 1896)

Wie kein anderes Denkmal in Münster kann der Kiepenkerl von der Stadtgeschichte erzählen – und das seit seit fast 120 Jahren.

Muenster Kiepenkerl 5972[Das Kiepenkerl-Denkmal in seiner aktuellen Fassung von 1953; Foto: Rüdiger Wölk für Wiki Commons; CC-BY-SA-2.5]

„Ein Denkmal ganz eigener Art“ sei am 16. Oktober 1896 in Münster eingeweiht worden, berichtete der Münsterische Anzeiger am folgenden Tag. Dabei handelte es sich um den Kiepenkerl, der noch heute am Spiekerhof steht. Dass diese Skulptur einmal das populärste Denkmal der Stadt werden sollte, war 1894 noch nicht abzusehen. Damals beauftragte der sogenannte „Verschönerungsverein“ den Bildhauer August Schmiemann mit dem Werk, um dieses dann zwei Jahre später der Stadt zu schenken. Wie und warum das Kiepenkerl-Denkmal in den nächsten 120 Jahren seine erstaunliche Karriere machte, möchte ich hier im Blog schrittweise erklären.

Mit Blick auf die damalige Zeit war die Motivwahl tatsächlich außergewöhnlich. Um die Jahrhundertwende hatten nämlich vor allem Denkmäler für Herrscherpersönlichkeiten Konjunktur, etwa für die Kaiser Wilhelm I. und II. beziehungsweise den „Eisernen Kanzler“ Otto von Bismarck. Ein junger Mann vom Lande, der in der Stadt mit allerlei Frischwaren hausiert, fügte sich nicht so ganz in diese Reihe.

Warum also ließ eine durch und durch (bildungs-)bürgerliche Vereinigung den Kiepenkerlen ein übermannshohes Standbild errichten?

Die Ursachen liegen in den tiefgreifenden Veränderungen, die Münster damals erlebte. 1890 war der Hauptbahnhof eröffnet worden, der den seit etwa 40 Jahren bestehenden Eisenbahnverkehr wesentlich vereinfachte. 1899 folgte der Hafen am Dortmund-Ems-Kanal, um den sich erstmals nennenswert Industrie ansiedelte. (Aus diesem Grund befinden sich die Stadtwerke bis heute dort.) Ab 1901 fuhr eine Straßenbahn durch Münster. Die Bevölkerungszahl war zudem rasant gestiegen: Am 1. Dezember 1871 hatte die Stadt ca. 25.000 Einwohner, am 1. Dezember 1900 waren es bereits fast 64.000. Münster wurde also allmählich zur Großstadt und dehnte sich auch administrativ erstmals über den heutigen Hansa- und Hohenzollern-Ring aus.

Der schroffe Gegensatz zwischen dem katholischen Milieu der Bischofsstadt und dem protestantisch dominierten Zentralstaat verlor dagegen an Bedeutung. Vom Kulturkampf der 1870er-Jahre war nur noch wenig zu spüren. Nicht umsonst wurde 1904 die wiederbegründete Universität nach Kaiser Wilhelm benannt und 1906 der heutige Fußballdrittligist „Preußen Münster“ gegründet (allerdings als F.C.).

Politisch bewegt waren die Zeiten in Münster dennoch. Erstens professionalisierte sich die katholische Zentrums-Partei.  Zweitens hatte man wegen der Industrialisierung und der neuen Verkehrsanbindung Furcht davor, dass sich eine neue, politisierte Unterschicht entwickeln würde – das Proletariat, das vielleicht eines Tages die SPD an die Macht bringen könnte.

Grundsätzlich begrüßten Münsters Deutungseliten die allmähliche Ankunft der Moderne, allerdings wollte man sie hier konservativ moderieren. Dazu bedurfte es gewisser Vorbilder, die Orientierung stifteten. Der Kiepenkerl – als ehrlicher Kaufmann und als Vermittler zwischen Stadt und Land – war dafür der perfekte Kandidat.

So gedachte der Landgerichtsrat Offenberg laut Münsterischem Anzeiger vom 17. Oktober 1896, „in einigen Worten der früheren Bedeutung des ‚Kiepenkäls‘, wie er bei Sturm und Schnee, bei Hitze und Sonnenschein getreulich seines Amtes gewaltet und dadurch seinen Stand zu einem gewissen Ansehen gebracht habe. Bei den modernen Communicationsmitteln, welche es dem Bauersmann selbst ermöglichen, seine Producte zum Markt zu bringen, sei der Kiepenkäl überflüssig geworden, und gehöre sein Dasein nun fast der Vergangenheit an. Um die Erinnerungs daran nicht ganz aussterben zu lassen, sei von unserm Mitbürger Herrn Bildhauer Schmiemann sein Modell entworfen und von der Württemberg.[ischen] Metallwaren-Fabrik zu Garslingen ausgeführt [worden], wie es treffender nicht hätte sein können. Nunmehr übergab [der] Redner das Denkmal der Stadt und schloß mit einem Hoch auf unsere gute alte Vaterstadt Münster. Während die umstehende Menge, wohl 3-400 Personen, in das Hoch begeistert einstimmte, fiel die Hülle und zugleich spie der an der Spiekerhof-Frontseite angebrachte Löwenkopf seinen Wasserstahl in das am Fuße des Postaments angebrachte Wasserbecken.“

Mit einigen Dankesworten seitens der Stadtverwaltung, so der Zeitungsartikel weiter, und einem weiteren, dreimaligen Hoch auf die Stadt „endete denn eine Feier, welche, so einfach sie auch ist, doch einzutragen werden verdient in die unserer an historischen Besonderheiten so reichen Vaterstadt.“

Literaturhinweise:

Ein Blogbeitrag von Bernd Thier (Stadtmuseum Münster) vom 3. Dezember 2013 informiert bereits ausführlich über die Geschichte des Denkmals. Dort sind auch zahlreiche Abbildungen zu sehen. Des Weiteren werden Kiepenkerl-Denkmäler außerhalb Münsters vorgestellt. Ebenda findet sich zudem ein ausführliches Literaturverzeichnis. Unter den dort aufgeführten Titeln sind besonders hervorzuheben:

Hans-Peter Boer, Der westfälische Kiepenkerl. Eine problematische Traditionsfigur?, in: Fritz Dieckmann/Gisbert Strotdees (Hgg.), Münster. Zentrum der Landwirtschaft. Gestern und heute, Münster 1993, S. 110-113.

Wolfgang Gernert, Der vergessene Bildhauer August Schmiemann (1846-1927), in: Westfalen 89 (2011), S. 273-300.

Dietmar Sauermann, Der Kiepenkerl. Eine problematische Erfindung, in: Heimatpflege in Westfalen 4 (1991), S. 1-4.

Analysiert wird der Kiepenkerl daneben auch in: Jan Matthias Hoffrogge, Erinnerungsorte in Münster. Die Droste, die Täufer, der Westfälische Friede und der Kiepenkerl zwischen Weimarer und früher Bonner Republik, in:  Westfälische Forschungen 65 (2015), S. 395-422.

München, Punks und der Sommer von 1981

Bundesarchiv B 145 Bild-F054524-0019, München, CSU-Wahlkongress, Strauß
[Feindbild der Aktivisten: Franz-Josef Strauß; Bundesarchiv, B 145 Bild-F054524-001, CC-BY-SA 3.0]

Der Bayerische Rundfunk sendete am Samstag ein Radio-Feature über ein fast vergessenes Kapitel der Bonner Republik: die Jugendrevolte „Freizeit 81“ in München (hier nachzuhören oder für die Smartphonenutzer lieber hier). Es geht um Atomkraft, Mietpreissteigerung, Oktoberfestattentat und NATO-Doppelbeschluss, aber eben auch um linksradikale Gewalt; es geht um Ideale und die Frage, was aus ihnen wurde – und um eine Subkultur, deren Codes heute den Mainstream prägen und deren Techniken das Bloggen vorwegnahmen. Dazu gibt’s noch ne Menge tolle Musik. Anspieltipp!

 

Grabenkämpfe in der Altertumswissenschaft

MaskeAgamemnon[Die Maske Agamemnons; aufgenommen von DieBuche für Wikipeida, CC-BY-SA-3.0]

Am Freitag veröffentlichte die Neue Zürcher Zeitung einen Artikel über Eberhard Zanggers neue These, beim Untergang Trojas habe es sich um eine Art antike Weltkriegs-Schlacht gehandelt. In den 1990er-Jahren hatte Zangger große Kritik seitens der universitären Forschung geernete, als er eine neue Theorie über Atlantis vorstellte. Auch jetzt hält sich die Begeisterung in Grenzen.

Warum Troja ein so zentraler Erinnerungsort ist und mit welchen Tricks sich Archäologen und Historiker Konkurrenz vom Hals halten, kann man unter folgendem Link erfahren.

Walter Benjamins „Über den Begriff der Geschichte“

Walter Benjamin, von dessen Tod auf der Flucht vor den Nationalsozialisten ich gestern kurz berichtete, schrieb lange, unter anderem auch noch im Sommer 1940, „Über den Begriff der Geschichte“. Dabei handelt sich um eine unabgeschlossene Aphorismensammlung, verfasst in Zeiten der Verfolgung und des Pakts zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und der UdSSR.

Am bekanntesten ist wohl die erste These vom scheinbaren Schachautomaten, die hier in folgender Fassung zitiert wird:

Bekanntlich soll es einen Automaten gegeben haben, der so konstruiert gewesen sei, daß er jeden Zug eines Schachspielers mit einem Gegenzuge erwidert habe, der ihm den Gewinn der Partie sicherte. Eine Puppe in türkischer Tracht, eine Wasserpfeife im Munde, saß vor dem Brett, das auf einem geräumigen Tisch aufruhte. Durch ein System von Spiegeln wurde die Illusion erweckt, dieser Tisch sei von allen Seiten durchsichtig. In Wahrheit saß ein buckliger Zwerg darin, der ein Meister im Schachspiel war und die Hand der Puppe an Schnüren lenkte. Zu dieser Apparatur kann man sich ein Gegenstück in der Philosophie vorstellen. Gewinnen soll immer die Puppe, die man historischen Materialismus‹ nennt. Sie kann es ohne weiteres mit jedem aufnehmen, wenn sie die Theologie in ihren Dienst nimmt, die heute bekanntlich klein und häßlich ist und sich ohnehin nicht darf blicken lassen.

Die folgenden Thesen lesen sich dann wie eine Verteidigung dieses Schachspielers und auch der (jüdisch-messianischen) Theologie, wobei an der grundsätzlichen Offenheit der Geschichtskonstruktion meistensteils festgehalten wird (explizit in dieser Fassung: XIV, XVII und besonders III). Das nicht immer widerspruchsfreie Kreisen um die Grundfragen, ob Geschichte einen vorgezeichneten Verlauf hat und zu welchem Zweck man sie schreibt, fasziniert.

Ich verweise hier bloß auf eine entsprechende Veranstaltungsankündigung aus dem Jahr 2013 und einige kritische Bemerkungen zu den bisherigen Editionen seitens Wolfgang Matz‘, der inhaltlich zudem besonders die Unabgeschlossenheit betont.

Portbou

EstacioPortbou[Bahnhof von Portbou; Reproduktion von David Roca für Wiki Commons]

Im Zusammenhang mit dem Beitrag über die Einstellung der Nachtzugverbindungen habe ich nach passenden Bildern gesucht, aber keines gefunden. Wohl aber stieß ich bei der immer weitere Kreise ziehenden Recherche auf ein Foto, mit dem ich spontan sehr viel verband.

Oben ist der Grenzbahnhof von Portbou zu sehen, das im spanischen Teil Kataloniens liegt. 1872 eingeweiht, wurde er 1929 im Zuge der Weltausstellung von Barcelona modernisiert und um die Glaskuppel erweitert.

Portbou ist ein fast vergessener europäischer Schicksalsort, denn die Grenze war nicht immer offen. Hierher, in die erste Stadt auf spanischem Boden, flohen 1940 zahlreiche deutschstämmige Exilanten, als die Wehrmacht in Frankreich einfiel. Unter ihnen war Walter Benjamin, der dort an einer Überdosis Morphium starb. Die genauen Umstände werden sich wohl nie klären lassen: War es ein Suizid, weil ihm das mittlerweile von Franco beherrschte Spanien eine Abschiebung angedroht hatte und damit – angesichts Benjamins jüdischer Herkunft und seiner marxistisch orientierten Kulturphilosophie – auch den wahrscheinlichen und dann grausamen Tod? Oder verübten Gestapo-Leute einen Mordanschlag auf ihn, möglicherweise unter den Augen der spanischen Behörden?

 

Memorial Walter Benjamin Portbou 001

[Denkmal „Passagen“ in Portbou; Foto von Wamito für Wiki Commons]

1994 wurde das von Dani Karavan entworfene Denkmal „Passagen“ in Portbou eingeweiht. Es erinnert ebenso an Walter Benjamin wie das folgende Lied der Gruppe „Ja, Panik“: