1972 und die Gegenwart

Die Neue Zürcher Zeitung berichtetet von einem diplomatischen Vorstoß des serbischen Präsidenten Aleksandar Vucic: Er fordert eine Beilegung des seit 1912 schwelenden Konfliktes um die Unabhängigkeit des Kosovo. Als Vorbild soll der Grundlagenvertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR dienen, der 1972 abgeschlossen wurde. (Ein Blick in das Urteil des Bundesverfasssungsgerichts vom 31. Juli 1973 lässt den Vorbildcharakter m.E. indessen etwas fraglich erscheinen…)

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Zum 100. Jahrestag der (Dritten) Flandernschlacht

In Ypern gedenken seit gestern Belgier, Deutsche, Briten und andere Nationen des Commonwealth einer der grausamsten Schlachten an der Westfront des Ersten Weltkrieges. Bundesaußenminister Gabriel fragt zudem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nach den Lehren aus diesen Verheerungen – vor allem wohl in Anbetracht der nahenden Bundestagswahl:

Wir wissen, dass eine Steigerung von Militärausgaben nicht gleichbedeutend mit mehr Sicherheit ist. Wir wissen, dass die großen Konflikte und Krisen unserer Zeit nicht militärisch, sondern nur politisch zu lösen sind. Deshalb setzen wir das Thema Abrüstung auf die internationale Agenda, wo andere in Ost und West wieder nur auf Aufrüstung setzen. Deshalb werden wir nicht aufgeben, beharrlich und geduldig daran zu arbeiten, den Konflikt in der Ostukraine mit den Mitteln der Diplomatie zu überwinden und dafür immer wieder um Unterstützung unserer Partner zu werben.

 

 

Geschichtskultur im Fußball

Freund D. machte mich auf die Arbeiten Markwart Herzogs aufmerksam, der unter anderem untersucht, wie im Fußball  die Vergangenheit thematisiert wird. Eine Schlüsselrolle spielen dabei nicht die Vereine und Verbände, sondern die Fans, wie Herzog der Gerda-Henkel-Stiftung berichtete. (Preußen Münster wartet übrigens, anders als die Frankfurter Eintracht oder der FCK, auf sein Vereinsmuseum.)

 

Das Reformationsjubiläum – ein geschichtskultureller Flop?

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung berichtet vom mangelnden Publikumsinteresse am Reformationsjubiläum. Dem Artikel zufolge könnte die fehlende theologische Profilierung der Grund sein (zitiert wird Friedrich Wilhelm Graf, dem sein Merkur-Artikel aus dem Mai 2016 hoffentlich allmählich Leid tut).  Andernfalls komme, so heißt es bei der F.A.S. weiter, auch schlichtweg eine Übersättigung nach einer ganzen Dekade des Luthergedenkens in Frage (das hatte bereits Achim Landwehr prognostiziert, Stichwort: „Jubiliäumitis“).

Nachtrag zu „Finis Germania“

In der Jüdischen Allgemeinen seziert Volker Weiß den in diesem Blog schon einmal kurz erwähnten Essayband „Finis Germania“ Hans Peter Sieferles: Das „Pamphlet strotzt vor völkischen und judenfeindlichen Aussagen – und stürmt die Bestsellerlisten“.

Weiß ist mit der Materie bestens vertraut, sein Buch über die „Autoritäre Revolte“ ist eine herausragende Analyse jenes neurechten Diskurses, der sich bei Pegida, der Jungen Freiheit, dem Institut für Staatspolitik und auch der AfD findet. Denn die Studie bringt sehr klare Befunde zum Biologismus, Antirepublikanismus (beides S. 115) und NS-Kult der Szene (S. 114ff.) (in dem Punkt irrte Jörg Retterath in seiner Rezension auf HSozKult) – und all das ist umso überzeugend-erschreckender dargestellt, als Weiß auf den bei diesem Thema üblichen Duktus von 3Sats „Kulturzeit“ verzichtet.

Perlen der Wikipedia (v)

Der Film kostete den Südwestfunk etwa 10 Millionen DM (umgerechnet ca. 5 Millionen €). Das war für die damaligen Verhältnisse teuer, was auch später der Rechnungshof Baden-Württemberg monierte. So hinterfragte er unter anderem, ob es wirklich notwendig gewesen sei, für die Dreharbeiten eine aufwändig handgestickte Regimentsfahne zu verwenden.

(Lemma „Lenz oder die Freiheit“)

Gab es vor 1900 Theorien der Geschichtskultur?

Die meisten Werke, die einen Überblick geben auf die Entwicklung kulturwissenschaftlicher Theorien zum Zusammenhang von Geschichtskultur und kollektiver Identität, setzen mit den 1920er-Jahren ein. Astrid Erll beginnt mit den Theorien Maurice Halbwachs‘ und Aby Wineburgs (hier ein Link zum Volltext, der in einigen Uni-Netzen verfügbar ist) ; ebenso bereits Jan Assmann (hier das entsprechende Kapitel aus „Kultur und Gedächtnis“ von 1988). Ähnlich hielt es Lutz Niethammer 2000 in einer Monografie mit dem sprechenden Titel „Kollektive Identität. Heimliche Quellen einer unheimlichen Konjunktur“, denn er fokussierte sich ebenfalls auf Maurice Halbwachs, und daneben auf Carl Schmitt, Georg Lukács, Sigmund Freud, C. G. Jung sowie Aldous Huxley.

Gab es vor 1920 beziehungsweise 1900 keine Theorien der Geschichtskultur? Sind sie ein Produkt der klassischen Hochmoderne mit ihrer Massen- und Mediengesellschaft?

Der Begriff „Public History“ jedenfalls ist bereits für 1794 belegt (vgl. Public History Review 10 (2003), S. 5).  Und bereits Karl Marx hatte in seinem „Achtzehnten Brumaire des Louis Napoleon“ über den Geschichtsgebrauch geschrieben (hier zitiert nach der zweiten Auflage von 1869):

Hegel bemerkt irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Thatsachen und Personen sich so zu sagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce. Caussidiere für Danton, Louis Blanc für Robespierre, die Montagne von 1848–51 für die Montagne von 1793–95, der Neffe für den Onkel. Und dieselbe Karrikatur in den Umständen, unter denen die zweite Auflage des achtzehnten
Brumaire herausgegeben wird!

Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition aller todten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neue Weltgeschichtsscene aufzuführen.

Davon las ich heute Morgen bei Claus Leggewie, der in der jüngsten Ausgabe der Blätter für deutsche und internationale Geschichte über die Geschichtspolitik Emmanuel Macrons schrieb.