Stehen wir vor der Machtergreifung?

Fragen für alle, die im Geschichtsunterricht nicht bloß Kreide geholt haben

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Seit Sonntagabend, seit der Veröffentlichung der ersten Wahlprognosen liest man in den politischen Kommentaren bei Twitter, die AfD sei die NSDAP – beziehungsweise das demokratische Deutschland in derselben Lage wie 1933.

Diese Analogie wird bald noch an Relevanz gewinnen, wie ein Tweet des Spiegel-Korrespondenten Hasnain Kazim nahe legt:

(Ähnlich, obschon etwas differenzierter, äußerte sich bereits Micha Brumlik in der taz: Die Partei ist eine aktualisierte Wiedergängerin der NSDAP.“)

Spielen wir diese Gleichsetzung doch einmal weiter durch (Update von 21h57):

  • Haben Alexander Gauland und Alice Weidel vor circa zehn Jahren bereits einen Putschversuch unternommen? Haben sie dabei den bayerischen Ministerpräsidenten in Haft genommen und später – unterstützt von abtrünnigen Bundeswehreinheiten – einen als Marsch getarnten Sturm auf Regierungsgebäude unternommen, bei dem vier bayerische Polizisten getötet wurden? (Und hat Alexander Gauland, fragt Kollege T. interessiert, vielleicht bei dieser Gelegenheit seine Krawatte mit dem für sich sprechenden Jagdhund-Motiv erworben?)
  • Hat ein bayerisches Gericht nach dieser Angelegenheit wieder erleichterte Haftbedingungen angeordnet?
  • Ist Bernd Lucke eigentlich der Wiedergänger Erich Ludendorffs?
  • Geht Frauke Petry nach heute Morgen eher den Weg von Otto oder den von Gregor Strasser?
  • Haben Katja Kipping und Bernd Rixinger in den letzten beiden Jahren bereits mehrere (ebenfalls bewaffnete) Aufstandsversuche in Hamburg und Sachsen angezettelt?
  • Und trägt Frank-Walter Steinmeier heimlich die Uniform eines preußischen Generalfeldmarschalls?

Müssen Sie bei den Fragen leider mit dem Kopf schütteln? Das macht erst einmal nichts, man kann die Bezugspunkte ja auch einfach wenden:

  • War Deutschland bereits 1933 Mitglied einer Militärallianz, die mit Ausnahme der Schweiz und Österreichs (!) alle Nachbarstaaten umfasst?
  • Wo wir beim Thema sind: Versahen in Deutschland bereits 1933 ungefähr 40.000 gut ausgebildete US-Soldaten ihren Dienst?
  • Hatte Deutschland 1933 bereits eine über drei Generationen andauernde Erfahrung mit einem parlamentarisch-demokratischem System?
  • Gab es in der Weimarer Republik überhaupt a) eine Kanzlerin, die b) über zwölf Jahre eine stabile parlamentarische Mehrheit hatte?

Wenn Sie hier immer noch mit dem Kopf schütteln, müssen Sie es vielleicht doch mit Wolfgang Kubicki halten:

 

Die AfD hat genug zu bieten, an dem sich Demokraten abarbeiten können. Das reicht vom Einsatz privater Sicherheitsleute an Wahlkampfständen in der Münsteraner Innenstadt bis zu Reden ihres Fraktionsvorsitzenden im Thüringer Landtag, der sich recht unverhohlen bei Hitlers „Mein Kampf“ bedient. Da gibt es viel zu tun – an den Haaren herbeigezogene NS-Vergleiche werden dabei jedoch wenig helfen.

Im schlechtesten Fall sind sie ein Bild, das – frei nach Wittgenstein (Philosophische Untersuchungen §115) – gefangen hält und von den eigentlichen Auseinandersetzungen, gerade auch im Bereich der Geschichtskultur, ablenken wird.

Sinnvolle Vergleiche? Antike und Gegenwart

„Stehen China und die USA vor einem bewaffneten Konflikt?“, fragte gestern der Politikwissenschaftler Stefan Bierling in der Neuen Zürcher Zeitung. Dabei ging es überraschenderweise auch um das Verhältnis von Antike und Gegenwart, das in dieser Sammlung bereits öfter Thema war. Denn Bierling, Professor für Internationale Politik an der Universität Regensburg, bezog sich dabei unter anderem auf geschichtswissenschaftliche Erkenntnisse:

Der griechische Historiker Thukydides ist dafür Kronzeuge. Er schrieb über den Ausbruch des Peloponnesischen Kriegs im 5. Jahrhundert vor Christus: «Es waren der Aufstieg Athens und die Furcht, die das in Sparta auslöste, was den Krieg unausweichlich machte.» Graham Allison von der Harvard-Universität hat in seinem neuen Buch «Für Krieg bestimmt: Können Amerika und China der Thukydides-Falle entkommen?» sechzehn vergleichbare Rivalitäten der vergangenen 500 Jahre analysiert. Das Ergebnis: Bis auf vier endeten alle mit Krieg. Allison hält einen militärischen Konflikt zwischen den USA und China in den kommenden Jahrzehnten für wahrscheinlich.

Solche Vergleiche – präziser vielleicht: Analogiebildungen – kritisiert dagegen der Althistoriker Roland Steinacher in einem Interview mit der Taz; wobei der Bezugspunkt ein anderer ist, geht es doch (einmal mehr) um die Völkerwanderung.

Slime wird denkmalwürdig

Am Hamburger Dammtor wurde 1936 ein Kriegerdenkmal errichtet, dass den Soldatentod im Ersten Weltkrieg aus nationalsozialistischer Perspektive (v)erklärt: „Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen.“

Fünfundvierzig Jahre später machte die Punk-Rocker von Slime daraus aus ihren einzigen großen Hit: „Deutschland muss sterben, damit wir leben können.“ (Wiederum neunundzwanzig Jahre später, 2000, fällte das Bundesverfassungsgericht ein Urteil, demzufolge das Stück unter die Kunstfreiheit fällt.)

Mittlerweile sind die Punker so alt geworden, dass ihnen die FAZ in ihrem neuen Magazin (Quarterly) selbst eine Art Denkmal setzt.

Sendetipp: Fußball und Geschichtskultur

„Nie mehr erste Liga? – Traditionsvereine nach dem Absturz“ heißt eine Dokumentation, die Das Erste heute Nacht um 23.45 Uhr bringt. Vorab heißt es:

Die Autoren Alexander Cierpka und Marc Schlömer begeben sich dazu nicht nur in München, Essen und Magdeburg auf Spurensuche. Sie begleiten die Fans der Klubs auf ihren Auswärtsfahrten bis in die Fußballprovinz und sprechen mit Verantwortlichen und Klublegenden über den Kampf zurück an die Spitze. Der verläuft bei den Vereinen unterschiedlich: Bei 1860 München müssen die noch verbliebenen oder neuen Verantwortlichen derzeit die Scherben nach dem Absturz in die Regionalliga zusammenkehren. Der 1. FC Magdeburg dagegen ist in der 3. Liga nach der knapp verpassten Relegation in der vergangenen Spielzeit erneut ein Kandidat für den Aufstieg. 

[…]

Zumindest eines teilen die Klubs aber trotz aller Unterschiede: eine große Gemeinde an verbliebenen Fans, Mitgliedern und Unterstützern, die ihrem Verein weiterhin die Treue halten. In der Hoffnung, ihn irgendwann doch wieder in der Fußball-Bundesliga gegen Bayern München oder Borussia Dortmund spielen zu sehen. Aber hilft eine ruhmreiche Tradition bei diesem Weg – oder ist sie eher hinderlich? Und ist es in Zeiten der Kommerzialisierung für einen tief gefallenen, einstigen Spitzenklub überhaupt möglich, wieder an die Erfolge von damals anzuknüpfen?

 

Denkmal im Weltraum

Die NASA schickte 1977 zwei Sonden durch das Sonnensystem, die sie Voyager 1 und 2 taufte. Sie haben ihre Zielobjekte längst passiert, Messdaten übermitteln sie aber bis heute (siehe einen tollen Bericht auf faz.net von gestern, zum Jahrestag des Raketenstarts).

Voyager 1 und Voyager 2 sind dabei nicht allein fliegende Labore, sondern auch Denkmäler.

An Bord befindet sich nämlich jeweils eine goldene Schallplatte. Gespeichert sind darauf unter anderem die Aufnahmen von 55 Menschen, die in ihrer Muttersprache grüßen, sowie große Musik – etwa von Bach und Beethoven. Eine Bedienungsanleitung für etwaige außerirdische Finder liegt übrigens bei.

Das schönste Denkmal der Menschheit –  eines, das auch dann noch an erinnern wird, wenn sie ausstirbt –  irrt in ein paar Jahren durch den Weltraum.

Eine etwas profanere Kopie kann man jetzt auch käuflich erwerben:

Perlen der Wikipedia (vi)

Besondere poetische Leistungen lieferte Albert Wilkens in Gedichten und kleinen Epen, die sich um einen Lustgarten, das „Bagno“ rankten, den der Nottulner Dechant Vehoff in einem Bruch-Tal nahe dem Dorfe angelegt hatte. Möglicherweise liegt in diesem wildromantischen Garten die wesentliche Quelle der Wilkens’schen Innovationen. Hier verortete er ganz nebenbei auch noch die Varus-Schlacht. Nicht unwahrscheinlich ist, dass Wilkens zum wesentlichen Teil seiner Erfindungen und poetischen Ergüsse im Freundeskreis der Kleriker und Stiftdamen des ehemaligen Damen-Stiftes Nottuln inspiriert wurde.

(Aus dem Lemma über den Nottulner Kaplan und Heimatforscher Albert Wilkens (1790-1828))