Geschichte (spontan) digital unterrichten – ein erster Erfahrungsbericht nach sieben Tagen

Smartphones backVorab: Das sind die neuen Hauptarbeitsgeräte für den Unterricht – nicht etwa Standrechner oder Laptops – Bildrechte: Maurizio Pesce from Milan, Italia / CC-BY-2.0 via wikimedia

Seit dem 16. März kann ich meine beiden Fächer Deutsch und Geschichte (als Referendar) nur noch digital unterrichten. In Hamburg hatten wir vor der Schulschließung gar Skiferien – ob das die Umstellung eher erleichtert oder eher erschwert hat, weiß ich nicht.

Kurz wollte ich hier aber meine ersten Erfahrungen festhalten, die ich bei der recht spontanen Digitalisierung gemacht habe, unten dann einige wichtige Ratgeber nennen.

Folgende Grundsätze waren für mich bisher hilfreich:

  1. Alle Aufgaben müssen auch nachholbar sein – für diejenigen Schüler, die jetzt gerade (verständlicherweise) andere Dinge im Kopf haben. Asynchrones Lernen scheint mir besonders wichtig – ironischerweise gerade auch, damit am Ende der Phase wieder eine Lerngruppe zusammenfinden kann.
  2. Alles – wirklich alles – muss auch am Smartphone funktionieren. Das ist eben jenes Gerät, auf das die Schüler (fast) immer Zugang haben. Wichtig ist auch, an das zum Teil begrenzte Datenvolumen zu denken. Nicht jeder kann Dutzende Videos anschauen oder an Koferenzen teilnehmen.
  3. Die Potentiale des Digitalen sollten genutzt werden. Im Fach Geschichte heißt das z.B.: endlich Zeit für echte Recherchen (vor allem in Bezug auf gegenwärtige geschichtskulturelle Quellen), für Videos, Tondokumente und eine vertiefte Auseinandersetzung mit Fotografien und Gemälden. Mit der Klassenraumtechnik sind diese Zugänge ja nur beschränkt; außerdem gibt es dort eine erzwungene Synchronizität.
  4. Lapidar, aber wichtig: Alle Beteiligten müssen verlässlich erreichbar sein. Mein Auftrag daher an die Schüler: Einmal am Tag sind die Mails zu checken. (Ich selbst versuche natürlich schneller zu reagieren.)

Momentan setze ich dabei auf vier Kanäle und zwei Speicherformate

  1. Die alte Tante Email: Zwar irgendwie nur eine Postkarte, aber unverzichtbar für den Erstkontakt und gerade auch noch für den Datenaustausch.
  2. Padlet: Eine Art digitale Pinnwand, wobei man in der Free-Version leider nur drei Datensätze eröffnen kann. Ich nutze sie wie eine Hausaufgabentafel im Klassenraum, ergänzt um einige Hinweise auf Filme, Serien, Bücher, Hörspiele und Vertiefungsangebote, die einem vielleicht die Zeit vertreiben. (Vielen Dank an Herrn B. für den Tipp!) (Kollegin M. erzählte, Trello sei eine gute Alternative, die mehrere Datensätze ermöglicht, aber das kann ich nicht beurteilen.)
  3. Eine Kombination aus Youtube und Powerpoint: Unter „Bildschirmpräsentation“ – „Bildschirmpräsentation aufzeichnen“ kann man in Windows beliebter Foliensoftware mit Hilfe (Laptop-)Webcam und eines (zugehörigen) Mikrofons kleine Erklärvideos drehen. Das Video erscheint dabei als kleiner Kasten am Rande der Präsentation. Die Ergebnisse („Speichern unter“ – „Speichern als: MPEG-4“) lade ich bei Youtube hoch. Schon aus datenschutzrechtlichen Gründen werden sie von mir mit der Einstellung „nicht gelistet“ versehen, sodass sie nur per Zugangslink geöffnet werden können. Riesenvorteil an der Nutzung von Powerpoint: Man kann die Präsentation nicht nur als Videodatei (eben MPEG-4), sondern auch als PDF speichern. So sparen die Schüler im Zweifelsfall nicht nur Zeit und Datenvolumen, sondern können auch nochmal nachschlagen und heranzoomen. (Danke an C., dass Du mich auf die Powerpoint-Lösung gebracht hast.)
  4. Eine Cloud-Umgebung für die langfristige Speicherung von Daten. (Wird uns hier in Hamburg von den Schulen zur Verfügung gestellt, das datenschutzrechtlich wieder optimal ist.)

Für diese Kanäle nutze ich eben PDF-Dateien (mobile first!) sowie manchmal ergänzend Dokumente im doc-Format (Word 1997-2003). Hierbei handelt es sich ebenfalls um eine alte Tante, die sich aber, anders als die junge Cousine .docx (Word 2007ff.) mit fast jedem Textverarbeitungsprogramm öffnen und beschreiben lassen. Solche Textverarbeitungsprogramme funktionieren auch an Smartphones (Word, Pages, Google docs und noch einige andere, die dann aber auch zum Teil mit dem Speicherformat .rtf operieren…). Zur Not kann aber auch jeder Schüler zu Stift und Papier greifen und mir ein Handyfoto schicken.

Inhaltlich bin ich gerade eher im Modus der erarbeitenden Unterrichts unterwegs, basierend auf den Einweisungen in den Youtube-Videos, denen Arbeitsblätter folgen. Hoffentlich kann ich bald projektorientierter vorgehen. Aber das ist ein anderes Thema, ebenso wie die Materialrecherche…

Heute sollte es ja eben um’s Notfallprogramm gehen. Mal sehen, wie es sich weiter bewährt und wie lang es sich bewähren muss. Ich halte Euch auf dem Laufenden.

Hier noch meine Informationsquellen:

Neben der Zeit an der Uni konnte ich bei den ersten Schritten vor allem auf einige Twitter-Kanäle zurückgreifen, denen ich folge. Ich würde dabei einen Besuch folgender Accounts empfehlen: @Noelte030, @echte_Lehre, @blume_bob, @janinefunke, @mediendidaktik_, @phwampfler, @ivi_unterricht, @FlippedMathe, @ciffi, @geschichte21, @U203D, @ChBunnenberg. Einige haben ihre Standbeine eher in der Hochschuldidaktik, andere in ganz anderen Fächern, aber viele Anregungen sind eben doch übertragbar. Es nervt nur manchmal, dass subkutan die Fetzen fliegen*, aber so ist das wohl.

(*Funktioniert das als Metapher?)

Bei den ganz praktischen Dingen hat mir aber besonders ein Blogbeitrag von frolleinflow geholfen.

Geschichtsdidaktisch besonders einschlägig: Hilke Günther-Arndt: Ein neuer geschichtsdidaktischer Medienbegriff angesichts des digitalen Wandels? In: Christoph Pallaske (Hrsg): Medien machen Geschichte. Neue Anforderungen an den geschichtsdidakti-schen Medienbegriff im digitalen Wandel. Berlin 2015, S. 17-36, hier als Volltext.


Ergänzung vom 7. April 2020:

Nutzer von Windows 10 haben mit der „Xbox Gamebar“ bereits ein Tool vorinstalliert, mit dem sich Bildschirmvideos leichterhand aufnehmen lassen. Ursprünglich für diejenigen Nutzer gedacht, die das Betriebssystem auf einer Xbox nutzen und dort Spielsequenzen mitschneiden wollen, kann so zum Beispiel ein Word-Dokument vorgestellt werden.

 

Ergänzung vom 16. April 2020:

Noch etwas (allgemeindidaktischer) Input zum Thema Erklärvideos:

  • An der Uni Bremen erschien jünst ein Sammelband zu diesem Thema, insbesondere auch zur Problematik, fremde Videos zu übernehmen und den damit verbundenden Kompetenzerwartungen; aber auch den Vorteilen der Asynchronizität. Hier eine Kurzvorstellung seitens der Herausgeber, hier eines der Verlages mitsamt eines Interviews, in dem auch die Schattenseiten benannt werden (Abhängigkeit von einer kommerziellen Plattform wie YouTube).
  • Philippe Wampfler, Lehreraus- und -fortbilder aus der Schweiz, erklärt, warum er seine Videos „Quick ’n‘ Dirty“ dreht.
  • Bob Blume, Lehrer und Bildungsreferent aus Baden-Württemberg, erläutert in einem Blogbeitrag, wie man eine Videokonferenz vorbereitet. Und zeigt damit auch auf, wie viel Aufwand ein solches synchrones Verfahren bedeutet.

Ergänzung 24. April 2020:

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