Auch die AfD hat eine seltsame Neigung zu Nazi-Analogien

Nichts gegen einen guten Vergleich – er schärft den Blick für Unterschiede, gerade in historischer Perspektive.

Anders liegt die Sache bei gleichsetzenden Analogien. Und hier herrschte in den letzten Wochen Hochkonjunktur. Nach der Bundestagswahl wähnten sich nicht wenige kurz vor der „Machtergreifung“, Martin Schulz sah sich in der Elefantenrunde als Wiedergänger Otto Wels‘.

Sind diese Gleichsetzungen in einer politischen Auseinandersetzung des Jahres 2017 zielführend? Sicherlich nicht, unsere Demokratie ist in einer ganz anderen Lage als 1933 – Berlin ist nicht Weimar. Sind diese Analogien geschmacklos? Allerdings – und zwar den Opfern des Nationalsozialismus gegenüber.

In der konstituierenden Sitzung des 18. Bundestages wurde am vergangenen Dienstag ein neuer Tiefpunkt erreicht. Eine Warnung vortäuschend versuchte sich der Abgeordnete Bernd Baumann von der AfD nämlich an einem neuen Bild:

Der alte Bundestag aber änderte die Geschäftsordnung plötzlich so, dass nicht mehr der älteste Abgeordnete, sondern der mit der längsten Dienstzeit die erste Sitzung als Alterspräsident eröffnen sollte. Und das würde dann nicht mehr ein AfD-Abgeordneter sein. Sie begründeten dies damit, dass nur der dienstälteste Abgeordnete eine korrekte Sitzungsleitung sicherstellen könne. Das war das Argument. Aber, meine Damen und Herren, seit 1848 ist in Deutschland Tradition, dass die konstituierende Sitzung natürlich vom ältesten Mitglied der Versammlung eröffnet wird.

(Beifall bei der AfD – Dr. Marco Buschmann [FDP]: Traditionen wollten Sie doch direkt brechen!)

Das war eine Tradition von der Frankfurter Paulskirche bis Gustav Stresemann, von Adenauer über Brandt bis Kohl, ja bis zu der ersten Regierung Merkel. Alle Reichstage, alle Bundestage konnten dem Argument „Dienstalter“ nichts abgewinnen. Das ist ja auch klar. In 150 Jahren Parlamentsgeschichte blieb die Regel des Alterspräsidenten unangetastet.

(Christian Lindner [FDP]: Stimmt gar nicht!)

Unangetastet? Es gab eine Ausnahme: 1933 hat Hermann Göring die Regel gebrochen, weil er politische Gegner ausgrenzen wollte, damals Clara Zetkin.

(Beifall bei der AfD – Martin Schulz [SPD]: Da kennt ihr euch ja aus!)

Wollen Sie sich auf solch schiefe Bahn begeben? Kommen Sie zurück auf die Linie der großen deutschen Demokraten! Dazu fordere ich Sie hier auf.

(Hier geht’s zum Video des Bundestages; hier zum Protokoll.)

Wem die Ähnlichkeit zwischen Wolfgang Schäuble und Hermann Göring ebenfalls nicht ins Auge fällt, ist – meine ich – auf der sicheren Seite; beweist in jedem Fall Geschmackssicherheit. Und einmal mehr übrigens hat die FDP die besseren historischen Argumente: Der älteste Abgeordnete in der Paulskirche war Ernst-Moritz Arndt, als Alterspräsident wurde aber Friedrich Lang gewählt.

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Stehen wir vor der Machtergreifung?

Fragen für alle, die im Geschichtsunterricht nicht bloß Kreide geholt haben

Seit Sonntagabend, seit der Veröffentlichung der ersten Wahlprognosen liest man in den politischen Kommentaren bei Twitter, die AfD sei die NSDAP – beziehungsweise das demokratische Deutschland in derselben Lage wie 1933.

Diese Analogie wird bald noch an Relevanz gewinnen, wie ein Tweet des Spiegel-Korrespondenten Hasnain Kazim nahe legt:

(Ähnlich, obschon etwas differenzierter, äußerte sich bereits Micha Brumlik in der taz: Die Partei ist eine aktualisierte Wiedergängerin der NSDAP.“)

Spielen wir diese Gleichsetzung doch einmal weiter durch (Update von 21h57):

  • Haben Alexander Gauland und Alice Weidel vor circa zehn Jahren bereits einen Putschversuch unternommen? Haben sie dabei den bayerischen Ministerpräsidenten in Haft genommen und später – unterstützt von abtrünnigen Bundeswehreinheiten – einen als Marsch getarnten Sturm auf Regierungsgebäude unternommen, bei dem vier bayerische Polizisten getötet wurden? (Und hat Alexander Gauland, fragt Kollege T. interessiert, vielleicht bei dieser Gelegenheit seine Krawatte mit dem für sich sprechenden Jagdhund-Motiv erworben?)
  • Hat ein bayerisches Gericht nach dieser Angelegenheit wieder erleichterte Haftbedingungen angeordnet?
  • Ist Bernd Lucke eigentlich der Wiedergänger Erich Ludendorffs?
  • Geht Frauke Petry nach heute Morgen eher den Weg von Otto oder den von Gregor Strasser?
  • Haben Katja Kipping und Bernd Rixinger in den letzten beiden Jahren bereits mehrere (ebenfalls bewaffnete) Aufstandsversuche in Hamburg und Sachsen angezettelt?
  • Und trägt Frank-Walter Steinmeier heimlich die Uniform eines preußischen Generalfeldmarschalls?

Müssen Sie bei den Fragen leider mit dem Kopf schütteln? Das macht erst einmal nichts, man kann die Bezugspunkte ja auch einfach wenden:

  • War Deutschland bereits 1933 Mitglied einer Militärallianz, die mit Ausnahme der Schweiz und Österreichs (!) alle Nachbarstaaten umfasst?
  • Wo wir beim Thema sind: Versahen in Deutschland bereits 1933 ungefähr 40.000 gut ausgebildete US-Soldaten ihren Dienst?
  • Hatte Deutschland 1933 bereits eine über drei Generationen andauernde Erfahrung mit einem parlamentarisch-demokratischem System?
  • Gab es in der Weimarer Republik überhaupt a) eine Kanzlerin, die b) über zwölf Jahre eine stabile parlamentarische Mehrheit hatte?

Wenn Sie hier immer noch mit dem Kopf schütteln, müssen Sie es vielleicht doch mit Wolfgang Kubicki halten:

 

Die AfD hat genug zu bieten, an dem sich Demokraten abarbeiten können. Das reicht vom Einsatz privater Sicherheitsleute an Wahlkampfständen in der Münsteraner Innenstadt bis zu Reden ihres Fraktionsvorsitzenden im Thüringer Landtag, der sich recht unverhohlen bei Hitlers „Mein Kampf“ bedient. Da gibt es viel zu tun – an den Haaren herbeigezogene NS-Vergleiche werden dabei jedoch wenig helfen.

Im schlechtesten Fall sind sie ein Bild, das – frei nach Wittgenstein (Philosophische Untersuchungen §115) – gefangen hält und von den eigentlichen Auseinandersetzungen, gerade auch im Bereich der Geschichtskultur, ablenken wird.

Ein Jahrestag, ein Mathematiker und die Funktion der Geschichtskultur

In Nordrhein-Westfalen werden am 23. August die Flaggen gehisst, um an die Landesgründung im Jahr 1946 zu erinnern. Im europäischen Ausland hat die Beflaggung einen ganz anderen Hintergrund: Seit 2009 wird am 23. August an den Hitler-Stalin-Pakt beziehungsweise Molotow-Ribbentrop-Pakt erinnert (siehe dazu etwa einen entsprechenden Sammelband von Kaminsky/Müller/Troebst und weitere, frei abrufbare Veröffentlichungen; in Deutschland ist der Jahrestag nicht umunstritten und eben auch deshalb die Beflaggungspraxis ein andere – siehe dazu eine kleine Debatte zwischen Wolfgang Benz und Horst Schüler im Tagesspiegel).

Bundespräsident Steinmeier wird in Tallinn eine Gedenkrede halten, die der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorab vorliegt:

In einem friedlichen Europa herrscht die Stärke des Rechts – und nicht das Recht des Stärkeren. Der Hitler-Stalin-Pakt markiert den Tiefpunkt einer zynischen Politik von Einflusszonen und von Großmächten, die sich Staaten und Völker Untertan machen wie Figuren auf einem Schachbrett. Nie wieder dürfen wir dorthin zurück! Wir haben heute in Europa diese Politik überwunden. Ja, es gibt immer noch größere und kleinere Länder in Europa – aber es gibt ausschließlich gleichwertige Mitglieder der Europäischen Union, mit gleichen Rechten und gleichen Pflichten.

[…]

Und deshalb: Wer das Völkerrecht bricht, wer die Institutionen des Friedens gefährdet, der erntet unseren gemeinsamen Widerstand.

International anerkannte Grenzen dürfen nicht einseitig und gewaltsam verändert werden. Deshalb werden wir die völkerrechtswidrige Annexion der Krim durch Russland nicht anerkennen.

Ist das vielleicht auch ein Seitenhieb auf das liberale Duo Lambsdorff/Lindner?

Man erlebe Steinmeier zufolge in diesem Zusammenhang auch „mehr und mehr, dass Politiker die Geschichte zu Waffen schmieden.“

Rein zufällig stieß ich heute Morgen im aktuellen Merkur auf einen längeren Artikel Felix Philipp Ingolds, der die „Neue Chronologie“ vorstellt. Der „Neuen Chronologie“ zufolge ist die Antike eine Erfindung des Mittelalters – das wiederum sehr viel russischer geprägt gewesen sei, als wir heute glauben. Der bekannteste Vertreter dieser obskuren Lehre ist der Mathematiker Anatolij Fomenko. Bei ihm handelt es sich dabei nicht um einen Außenseiter: Er ist Mitglied der der Russländischen Akademie der Wissenschaften und Professor gleich an mehreren russischen Universitäten.

Für den Fall, einmal nach dem Sinn und Unsinn von Geschichtskulturen gefragt zu werden, könnte man auf diese Beobachtung verweisen.

Liegt die Krim im Baltikum?

BaltskýŘetěz

[Am 23. August 1988, dem 50. Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes protestierten über eine Million Esten, Letten und Litauer gegen die Annexion ihrer Staaten durch die Sowjetunion; hier ein Bild aus Litauen; Kusurija via WikiCommons; CC-BY-SA-3.0]

In Folge des Hitler-Stalin-Paktes wurden die drei baltischen Republiken Estland, Lettland und Litauen bereits 1939 von der Sowjetunion besetzt und im Jahr darauf – zwangsweise und nach der Verschleppung zigtausender Bauern und Intellektueller – in die UdSSR aufgenommen. Nach der Besatzung durch die Deutschen, die insbesondere in Lettland und Litauen Millionen Juden verfolgten und ermordeten, wiederholte sich die Annexion 1944/45. Im Westen machte man auch während des Kalten Krieges gute Miene zum bösen Spiel (die Briten beispielsweise übergaben der Sowjetunion die in London gelagerten baltischen Devisen) und waren nach 1988 auch alles andere als begeistert, als die Balten sich erst für eine größere Autonomie und dann nach 1990 für die Unabhängigkeit ihrer Länder einsetzten – in ihren Augen eben die bloße Wiederherstellung der Souveränität (was letztlich auch völkerrechtlich akzeptiert wurde, mit entsprechenden Folgen für die Mitglieder der russischsprachigen Minderheiten).

Für gewöhnlich wird dieser Aspekt des Kalten Krieges in Westeuropa kaum beachtet. Umso erstaunlicher ist das plötzliche Interesse der FDP an diesem Thema.

Christian Lindner schlug am Wochenende in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung vor, angesichts der Besetzung der Krim zu verfahren wie nach 1945 mit den besetzten baltischen Republiken. Die Außenpolitik der Europäer und Nordamerikaner doch reichlich verklärend (s.o. und s.u.) heißt es bei Lindner: Die Annexion der baltischen Staaten durch die Sowjetunion haben wir auch nie anerkannt, trotzdem konnten Staatsmänner wie Willy Brandt und Walter Scheel eine Ostpolitik entwickeln, die Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher fortgesetzt haben, bis hin zur deutschen Einheit.

 

Die Tageszeitung verweist jetzt darauf, dass diese Lehre im Sinne der historia magistra vitae zum einen nicht ganz den Tatsachen der bundesdeutschen Außenpolitik von 1990/91 entspricht. Bonn war nämlich von einer Desintegration der UdSSR alles andere als begeistert. (Siehe auch diese spannende MA-Thesis, die Heiko von Bremen jüngst an der Universität Tartu vorgelegt hat, und die Arbeiten seines Betreuers Heiko Pääbo, bei dem ich auch einige Seminare besuchen konnte.)

Zum anderen erfährt man im Artikel, dass die Parallele bereits vom FDP-Europaabgeordneten Alexander Lamsdorff gezogen wurde – und insofern die gängige FDP-Position zur Krimbesetzung darstellen könnte. Interessanterweise gehören die Lambsdorffs zu den deutschbaltischen Familien, die bis 1918/39 großen Einfluss in Lettland und Estland hatten – womit sich die Thematisierung der baltischen Frage vielleicht erklären lässt.

Gab es vor 1900 Theorien der Geschichtskultur?

Die meisten Werke, die einen Überblick geben auf die Entwicklung kulturwissenschaftlicher Theorien zum Zusammenhang von Geschichtskultur und kollektiver Identität, setzen mit den 1920er-Jahren ein. Astrid Erll beginnt mit den Theorien Maurice Halbwachs‘ und Aby Wineburgs (hier ein Link zum Volltext, der in einigen Uni-Netzen verfügbar ist) ; ebenso bereits Jan Assmann (hier das entsprechende Kapitel aus „Kultur und Gedächtnis“ von 1988). Ähnlich hielt es Lutz Niethammer 2000 in einer Monografie mit dem sprechenden Titel „Kollektive Identität. Heimliche Quellen einer unheimlichen Konjunktur“, denn er fokussierte sich ebenfalls auf Maurice Halbwachs, und daneben auf Carl Schmitt, Georg Lukács, Sigmund Freud, C. G. Jung sowie Aldous Huxley.

Gab es vor 1920 beziehungsweise 1900 keine Theorien der Geschichtskultur? Sind sie ein Produkt der klassischen Hochmoderne mit ihrer Massen- und Mediengesellschaft?

Der Begriff „Public History“ jedenfalls ist bereits für 1794 belegt (vgl. Public History Review 10 (2003), S. 5).  Und bereits Karl Marx hatte in seinem „Achtzehnten Brumaire des Louis Napoleon“ über den Geschichtsgebrauch geschrieben (hier zitiert nach der zweiten Auflage von 1869):

Hegel bemerkt irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Thatsachen und Personen sich so zu sagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce. Caussidiere für Danton, Louis Blanc für Robespierre, die Montagne von 1848–51 für die Montagne von 1793–95, der Neffe für den Onkel. Und dieselbe Karrikatur in den Umständen, unter denen die zweite Auflage des achtzehnten
Brumaire herausgegeben wird!

Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition aller todten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neue Weltgeschichtsscene aufzuführen.

Davon las ich heute Morgen bei Claus Leggewie, der in der jüngsten Ausgabe der Blätter für deutsche und internationale Geschichte über die Geschichtspolitik Emmanuel Macrons schrieb.

 

Helmut Kohl, das Ende der Bonner und die Geschichtskultur der Berliner Republik

Was seine Beerdigung über Deutschland und Europa verraten könnte

Helmut Kohl ist gestorben und mit ihm die Ära der Bonner Republik – so war es lagerübergreifend zu lesen:

Einen Politiker wie Kohl gibt es nicht mehr. Mit seiner Kanzlerschaft ging eine Ära der Nachkriegspolitik zu Ende: die Ära der Staatsmänner, deren ganzes Sinnen und Trachten auf ein vereintes Europa gerichtet war, weil sie selbst noch erlebt hatten, was die Europäer einander antun können. Kohl wollte die Einheit Deutschlands in Frieden und Freiheit. Er trug vor achtundzwanzig Jahren wie kein Zweiter dazu bei, dass den Deutschen dieses dreifache Glück zuteil wurde.

Ähnlich wie der hier zitierte Berthold Kohler, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, urteilte in einer ersten Reaktion am Freitagabend auch Bettina Gaus für die taz:

Helmut Kohl verkörperte den letzten Abschnitt der westdeutschen Geschichte – und den ersten Abschnitt der Geschichte des vereinigten Deutschlands. Wie kein anderer Regierungschef der deutschen Nachkriegszeit wurde er zum Prototyp des Machtpolitikers, an dem niemand vorbeikam und dem niemand gefährlich werden konnte.

Als das Leitmedium, das „stets ein besonderes Interesse an den Grünen hatte“ (so Gaus Anfang April), scheint die taz offenbar besonders mitgenommen vom Tode des Altkanzlers und entschuldigte sich inzwischen für ihr pietätloses Titelblatt vom Samstag.

Man könnte jetzt von Vaterkomplexen ausgehen, oder aber, mit Axel Schildt, eine allgemeinere Tendenz bei der Historisierung der Bonner Republik erkennen. Der Hamburger Historiker konstatierte 2011 in einem Beitrag für Aus Politik und Zeitgeschichte einen Hang zur Personalisierung von Geschichte:

Es ist faktisch nicht abzustreiten, dass – gemessen an der Ausgangslage – die „alte Bundesrepublik“ einen erfolgreichen Weg beschritten hatte. Dass daraus zum einen keine Glorifizierung der Akteure folgen muss, zum anderen auch innerhalb der „Erfolgsgeschichte“ falsche Weichenstellungen vorgenommen wurden, der Erfolg nicht zum Nulltarif zustande kam und außerdem die Feststellung des Erfolgs keine Garantie für dessen Fortsetzung in der Zukunft, sondern allenfalls eine Ressource für kommende Krisen sein mag, ist oft genug gesagt worden.

Elf Jahre zuvor hatte Schildt noch über fünf Möglichkeiten geschrieben, eine/die Geschichte der Bonner Republik zu schreiben – unabhängig von Einzelpersonen und auf strukturellerer Ebene. Die alte Bundesrepublik bis 1990 können demnach erscheinen als:

  • Erfolgsgeschichte: Die Bonner Republik ist ein Muster politischer Stabilität.
  • Misserfolgsgeschichte: Die Bonner Republik ist geprägt von der Nichtverarbeitung des NS-Unrechts, bzw. ein restauratives Projekt.
  • Modernisierungsgeschichte: Die Bonner Republik der 1980er-Jahre war das Ergebnis umfangreicher soziologischer Umwandlungen.
  • Belastungsgeschichte: Die Bonner Republik hat u.a. durch „1968“ die Ausgangslage, die „düsteren“ 1950er-Jahre, überwunden. (Gewissermaßen eine verspätete Erfolgsgeschichte?)
  • Westernisierungsgeschichte: Die Bonner Republik ist im transatlantischen Wertesystem angekommen.

Zwei Jahrzehnte später kommt noch eine weitere Erzählmöglichkeit in Frage (siehe etwa eine Ringvorlesungsreihe an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf aus dem letzten Wintersemester): Nämlich jene, die nach der (Selbst-)Repräsentation der Bonner Republik fragt. Wie sah ‚Bonn‘ sich im Vergleich zu ‚Weimar‘? Wie war nicht nur das Verhältnis zum ‚Dritten Reich‘, sondern auch zum Kaiserreich und zum Alten Reich?

Schließlich: Wie erinnert die Berliner Republik an die Bonner Republik? Wo knüpft sie an die Zeit am Rhein an, wo distanziert sie sich von ihr?

Damit wären wir wieder bei Helmut Kohl – beziehungsweise bei einem Vorschlag, den sein politischer Wegfährte Jean-Claude Juncker unterbreitet hat: Kohl verdiene als Erster einen europäischen Staatsakt. Sein Leichnam soll dem Vorschlag des EU-Kommissionspräsidenten zufolge von Straßburg/Strasbourg über den Rhein nach Speyer überführt werden.

Käme es zu dieser Zeremonie auf dem  Rhein, wäre das in mehr als einer Hinsicht von großer symbolischer Bedeutung. Ging es doch Kohl, und was wäre in Zeiten Trumps und des Brexits naheliegender, daran zu erinnern, um „die Konstruktion eines in Opposition zum anglophonen Kapitalismus – auch dies eine vereinfachende Konstruktion – stehenden „rheinischen Kapitalismus“.  Außerdem wurde schon einmal ein Bundeskanzler auf diesem „Schicksalsstrom“ überführt: Konrad Adenauer im Jahr 1963, der erste Kanzler der Bonner Republik. Damit würde sich ein Kreis schließen. Aber auch die Frage stellen, ob jemals ein Kanzler/eine Kanzlerin der Berliner Republik am Rhein das letzte Geleit erführe?

 

Geschichte, Politik und Hans-Werner Sinn – ein kleines Experiment

Historia Magistra Vitae oder wenn Sch(l)üsse nach hinten losgehen.

Flugblatt 1648

[Flugblatt von 1648, gescannt von Gudrun Meyer via WikiCommons und auf Grund des Alters wohl gemeinfrei]

In einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung meint Hans-Werner Sinn heute:

Wer nun speziell der Eurozone als Reaktion auf den Brexit zu mehr Staatlichkeit verhelfen will, spaltet den Norden und Osten ab, zieht eine Trennlinie quer durch Mitteleuropa und macht Deutschland zum Anhängsel und Zahlmeister einer neuen lateinischen Münzunion.

Dass Frankreich die zwei Geschwindigkeiten will, wundert nicht. Die Spaltung Mitteleuropas ist seit Richelieu ein zentrales Ziel der Politik dieses Landes.

Man könnte jetzt mal ein Experiment anstellen und den Gebrauch von Geschichte als Argument untersuchen, indem man selbst auf die Geschichte zurückgreift. Hans-Werner Sinn etwa sähe nicht sehr gut aus, wenn man ihn neben zwei Münsteraner Bürgermeister stellte, die sich angesichts des hiesigen Friedenssaales im Münsteraner Rathaus über die französische Außenpolitik äußerten. Solche Reden, wie auch Sinns Argument, hängen mit zwei nationalen Symbolen zusammen: dem Dreißigjährigen Krieg und dem Westfälischen Frieden von 1648, der diesen beendete – und den Richelieu schon nicht mehr erlebte.

1898 etwa rechnete Münsters Bürgermeister Jungeblodt ganz ähnlich mit Frankreich ab:

Hülflos und kraftlos blieben die deutschen Lande zunächst lange Zeit eine leichte Beute des aufstrebenden Frankreichs und eine leichte Beute des aufstrebenden Frankreichs und der Feldherrn Ludwig des XIV., welche die Greuel des Krieges erneuerten.

Im Krieg von 1870/71 habe man diese Schmach endlich getilgt und mit der Gründung des Kaiserreiches den Grundstein für ein Wiedererstarken Deutschlands gelegt (womit man im katholischen Münster elegant über so manche Wirren des Kulturkampfes hinwegging):

War vor 1870 deutscher Handel, deutsche Industrie im Auslande kaum bekannt, so sehen wir heute schon, nach kaum 25 Jahren, an der Eifersucht der Engländer, daß Deutschland auf so vielen Gebieten ihnen den Welthandel streitig macht. (Zitate nach dem Westfälischen Merkur vom 4. Oktober 1898)

Deutlicher wären die Parallelen noch beim NS-Oberbürgermeister Hillebrand, der den Friedensaal als „Schmerzensstätte deutschen Schicksals“ bezeichnete, kurz auf Richelieu einging und dann festhielt:

Teile und herrsche!; dieser Grundsatz war die Losung der politischen Klassiker Frankreichs  ebenso wie der Väter von Versailles. (Zitiert nach dem Münsterischen Anzeiger vom 8. April 1938, der einen ‚Gastbeitrag‘ anlässlich des ‚Anschlusses‘ Österreichs druckte.)

Gewinnen wir mit einer solchen Suche nach vermeintlich historischen Vorbildern irgendetwas? Wohl kaum. Sie verstellt den Blick sowohl auf Geschichte als auch auf Gegenwart, weil sie überall historische Bedingtheiten und Kontinuitäten sieht – aber nirgends die Unterschiede, etwa in den Interpretationen Jungeblodts, Hillebrands und Sinns oder zwischen den außenpolitischen Idealen Macrons, de Gaulles und Richelieus. Was wir mit solchen Gleichsetzungen verlieren, ist der Blick auf die Nuancen und damit eben auch auf die Handlungsspielräume in unserer Gegenwart! Damit jedoch ist im Augenblick niemanden geholfen.

Tatsächliche Vergleiche – nicht Gleichsetzungen der Form historia magistra vitae – könnten den Blick auf die Gegenwart dagegen schärfen. (Anders als im 17. Jahrhundert befinden sich US-amerikanische Stützpunkte in Europa, anders als die lateinische Münzunion basiert die Eurozone eben nicht auf einem Goldstandard.)

Wenn man in der Geschichte keine Lehrmeisterin sucht, fallen überdies die Urteile gleich differenzierter aus. Das gilt auch für Richelieu, wie etwa der Katalog zeigt, der zur letzten großen Münsteraner – und sehr europafreundlichen – Friedensausstellung von 1998 erschien (hier online).