Mit wehenden Fahnen

Am Kürassier-Denkmal sah ich heute die Fahnen der Deutschen Kommunistischen Partei. An den Kollegen denkend, der seine Arbeit über Kriegerdenkmäler in Westfalen schreibt, schoss ich schnell ein Foto aus der Hüfte.

Die Ampel an der großen Kreuzung vorm Aasee schaltete grün, ich trat in die Pedale, weil ich schnell zur Bibliothek wollte, wo ich – ausgerechnet – eine Quelle zum Ausbau der innerdeutschen Grenze suchte und blieb dann doch erst einmal auf der anderen Straßenseite stehen. Beim Überqueren der B54 hatte ein Banner mein Interesse geweckt: „Mörder“ war darauf zu lesen. Es hing direkt über der mittleren der drei Reliefplatten des Denkmals. Es sind diese drei Darstellungen, die das Monument für mich zum interessantesten Kriegerdenkmal in Münster machen – neben dem Umstand, dass es sich mittlerweile um seine dritte Version handelt. Doch der Reihe nach und zunächst einmal in den Worten der Stadtverwaltung:

Der gemauerte Querblock wird durch drei Bildtafeln optisch gegliedert. Auf der rechten Bildtafel wird ein Ausschnitt aus einer Patrouille mit einem Kürassier zu Pferde und ein neben dem Pferd stehender Soldat mit Fernglas abgebildet. In der mittleren Bildtafel ist ein Kürassier zu Pferd vor einem Grab zu sehen. Die linke Bildtafel zeigt eine heroisierende Szene mit vier Soldaten: Kürassiere im direkten Panzerkampf in der Champagne 1918. Auf den Seiten sind Ehrentafeln mit Namen der zwischen 1914 und 1920 gefallenen Soldaten des Regimentes angebracht. 

Es ist ein durch die städtische Denkmalbehörde eingetragenes Baudenkmal.

Man hat es mit einer Art Comic zu tun, oder einem Triptychon, das in seiner hilflosen Verherrlichung des Grabenkrieges – mit Lanzen und Granaten gegen Panzer – geradezu makaber wirkt.

[Stefan Brüggemann via WikiCommons, CC-BY-SA 2.5]

Das heutige Denkmal wurde 1964 eingeweiht. Es basiert weitgehend auf der zweiten Denkmalfassung von 1930, die einen Vorgängerdenkmal von 1924 ablöste. Die Metallplatten der Fassung von 1930 waren nämlich 1942 eingeschmolzen worden – womit diese Verklärung des Grabenkrieges (für ein Bild und weitere Informationen siehe erneut die städtische Informationsseite) dasselbe Schicksal ereilte wie etwa auch Wilhelm Boltes fast vergessenes Friedensdenkmal von 1907, das zu Ehren (!) des Westfälischen Friedens errichtet worden war und das nach 1945 (und bis zum letzten Sommer) seltsamerweise niemand wieder errichten wollte. Anders lag die Sache eben beim Kürassier-Denkmal, das 1964 auf Betreiben ehemaliger Regimentsmitglieder – mit Unterstützung der Stadt Münster und unter der Patenschaft des Panzerbataillons 194 der Bundeswehr – wieder eingeweiht wurde.

Warum, fragte ich mich auf der anderen Straßenseite, versammeln sich gerade dort am Abend des 15. Januar die nicht besonders zahlreichen Kommunisten Münsters, neben Menschen mit Fahnen der Linkspartei und der Friedensbewegung? Ein Redner verriet es über die Lautsprecher: Es ging um das „Gedenken an Rosa und Karl“ – Luxemburg und Liebknecht -, die auf den Tag genau vor 100 Jahren in Berlin von Mitgliedern der Freikorps ermordet wurden (hier ein Beitrag vom Deutschen Historischen Museum mit weiterführenden Informationen und zeitgenössischen Reaktionen). An der Niederschlagung des Spartakus-Aufstandes waren auch die Kürassiere vom 4. Regiment beteiligt. Den im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten des Regiments ist das Denkmal bis heute gewidmet.

Von der Beteiligung der Münsteraner Kürassiere am Bürgerkrieg las ich erst zuhause auf der städtischen Homepage – nachdem ich zu Fuß über die Ampel geeilt war, um ein Foto aus der Nähe zu schießen; nachdem ich mich still darüber amüsierte, dass vor dem Singen der Internationale Textzettel verteilt wurden und dass der Redner darauf sogar noch eigens hinwies (man sei heute ja nicht mehr so „textsicher“); nachdem es mich, obwohl ich diese Hymne früher selbst gesungen habe (Grüße an Wurzel), schauderte, als ich gerade hier die Passage vom „letzten Gefecht“ hörte. Ich dachte an die Toten, an die man im und um das Denkmal erinnerte, an die Unterschiedlichkeit dieser Tode und an die Frage, wann Gedenken in Missbrauch umschlägt. Schnell stieg ich dann aufs Rad und war froh, keinem Lanzenreiter zu begegnen.

Gedenken an NS-Verfolgte in Münster – Neue App vorgestellt

Wie in vielen anderen Städten erinnern in Münster sogenannte Stolpersteine an Menschen, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden. Gestern wurde eine App vorgestellt, mit deren Hilfe sich diese Form des Gedenkens leichter erschließen lässt.

In eigener Sache

In den letzten Wochen – naja, ehrlich gesagt: Monaten – ist es ziemlich ruhig geworden um „geschichtskultur(kuratieren)“. Das hat zwei Gründe: Zum einen bin ich bei meiner Dissertation mittlerweile in der heißen Phase angekommen. Und zum anderen habe ich ein „Herzensprojekt“ (J.W.) verfolgt, das eben die Wochenenden und Feierabende in Anspruch nahm, an denen ich sonst am Blog gewerkelt hatte.

Am Freitag habe ich die Belegexemplare meines ersten Buches namens Der „Wiedertäufermythos“ erhalten. Es ist im Aschendorff Verlag erschienen (und für 19,90 Euro zu erstehen). Und der Klappentext spricht hoffentlich für sich:

Warum hängen mit den drei Eisenkörben in Münster bis heute Hinrichtungszeugnisse am Kirchturm von St. Lamberti und ist dies wirklich angemessen für die „Stadt der Wissenschaft und Lebensart“? Eine Suche nach den Hintergründen dieses einzigartigen Denkmals führt zum schauspielenden Zoodirektor Hermann Landois, zum Karneval, zu Bischof von Galen und seinen nationalsozialistischen Widersachern, zu Reichs- und Bundeskanzlern, zu Punkern, Dritte-Welt-Aktivisten und Offizieren der US Navy. Denn sie alle nutzten die Täufer als Wertmaßstab und schufen den „Wiedertäufermythos“, von dem dieses Buch handelt. So entsteht eine etwas andere Stadtgeschichte. Sie handelt davon, wie sich Münster sieht beziehungsweise was Menschen von außerhalb darin erkennen. Und sie ist die Grundlage für ein Plädoyer, die Körbe am Turm von St. Lamberti zu lassen – aber anders zu nutzen.

Was den Blog betrifft, hoffe ich – sofern es die Arbeit zulässt – hier bald wieder öfter schreiben zu können.

Preußen Münster und die Geschichtskultur (iv) – heute: das neue Vereinswappen

Wenn der Adler vermarktet wird

Ein Trauerspiel war es lange, was der SC Preußen 06 e.V. Münster mit seinem Vereinswappen anstellte. Genauer gesagt zwischen den 1990er-Jahren und dem hundertjährigen Vereinsjubiläum im Jahre 2006. Der preußische Adler sah in diesen (antimilitaristischen) anderthalb Jahrzehnten nämlich aus wie eine Friedenstaube.

Datei:Preussen Munster.png

(http://www.wikiwaldhof.de/index.php/Preussen_M%C3%BCnster)

Das wurde, und das war das einzig erfreuliche im kombinierten Abstiegs- und Jubiläumsjahr, geändert – der Adler kehrte zurück.

Vereinswappen von Preußen Münster

(https://de.wikipedia.org/wiki/Preu%C3%9Fen_M%C3%BCnster)

Im nächsten Jubiläumsjahr, dem 111., durfte sich die Hamburger Agentur Jung van Matt an den Preußen auslassen. Für lau, wie man hört, da es da wohl gewisse Kontakte zu den Gebrüdern Metzelder gibt (Malte ist seit April 2017 Manager, Christoph sitzt im Aufsichtsrat). Da Qualität nun halt nunmal kostet, firmierte die Preußen die letzte Saison als „Torschützenverein“ und standen für so geistreiche Claims wie:

Das Wappen immerhin ließ man fast unangetastet, bloß der Schild wurde ein wenig erweitert.

Bis heute Nachmittag.

Da schlug diese Bombe im Preußen-Universum ein: Der SCP bekommt ein neues Logo, das der Rechte wegen hieren nicht eingebunden, sondern nur verlinkt wird.

Der Adler sieht jetzt aus wie ein Huhn.

Allein schon deshalb klingt der ebenfalls neue Claim „Preußen Münster. Tradition mit Zukunft“ wie Hohn. Doch ist es ja nicht genug:

  • Im Januar 2018 wurde der Profifußballabteilung des Vereins in eine GmbH & Co. KG aA umgewandelt. Der erste Großinvestor ist da, bloß seinen Namen will er nicht verraten.
  • Seit dem Frühjahr haben die beiden Ultragruppierungen, die im Sinne der Traditionspflege sogar wieder zusammengerückt waren, deshalb den Spielsupport eingestellt. Die „Deviants“ haben mittlerweile grundsätzlich die „Einstellung der Aktivitäten im Stadion“ mitgeteilt. Jener Teil der Fanszene, der – vor allem auch bereits vor dem Wechsel in der Führungsebene 2016/17 – immer kritisch auf die Vereinsführung geschaut hat, der zudem das Vereinsleben trug und die Erinnerung an Helden im Adlerdress hochielt – dieser Teil schweigt nun.
  • Das hat auch viel damit zu tun, dass die neue Vereinsführung unbedingt ein neues Stadion bauen möchte. Das geht am bisherigen Stadion an der Hammer Straße aber nicht, zumindest nicht im gewünschten – da renditeträchtigen – Umfang mit einer Kapazität von mehr als 20.000 Zuschauern. Der neue Präsident, Christoph Strässer, saß bis vor Kurzem für die SPD im Bundestag, der starke Mann im Hintergrund, Walter Seinsch, gab seine Karriere als Finanzbeamter auf, um Takko und KiK zu gründen (und später den FC Augsburg von der vierten in die Bundesliga zu hieven). Beides beeindruckende Karrieren – nur mutmaßlich doch denkbar schlechte Voraussetzungen, um mit der konservativen schwarz-grünen Mehrheit in Münsters Stadtrat zu verhandeln. Nun will man die Stadtgrenzen verlassen, wahrscheinlich Richtung Senden, das aufwärts des (Dortmund-Ems-)Kanals liegt. Ob es gut gehen wird?

Doch zurück zum neuen Logo. Geändert wurde es, orakeln die üblichen Verdächtigen, wohl um es auf Merchandisingprodukten besser reproduzieren zu können.

Carsten Schulte (westline) hat bereits auf das dahinter stehende vereinsdemokratische Problem verwiesen:

Eine Spedition muss ihr Logo nicht groß mit Kunden diskutieren. Ein Verein schon. Änderungen am Wappen sind Operationen am Herzen. Das Wappen ist nicht nur ein Bildchen. Es ist das äußere Zeichen der Verbundenheit, ein Symbol für Klub und Fans. Änderungen am Wappen sollten nicht hinter verschlossenen Türen stattfinden.

Mir indessen stellten sich nacheinander vier Gedanken ein. Wie wenig Geschmack kann man – erstens – haben? Schon das scharfe „ß“ passt nicht zur Typographie. Zweitens (und man traut es sich kaum auszusprechen): Wäre so ein unangekündigter Tradtionswandel einem Thomas Bäumer, bei all seinen Eigenwilligkeiten im Umgang mit den Vereinsmitgliedern, jemals eingefallen. Schnell wieder zur Typographie kommend: Wann kommt jemand – drittens – wohl auf die Idee, das „ß“ durch das bei Kapitälchen viel leichter zu realisierende „ss“ zu ersetzen?

Und viertens, einmal ernsthaft: Glauben die Verantwortlichen allen Ernstes, dass ihr am Ende dann völlig durchkommerzialisiertes Produkt – ohne Verein, ohne Ultras, ohne Stadion in Münster – am Markt bestehen wird? Schalke und Dortmund liegen vor der Haustür – wer sich für Hochglanzprodukte interessiert, der geht nicht zum Preußen. Viele der letzten Treuen wird man aber mit diesem Marketing verspielen, ob sie nun (noch) Vereinsmitglieder sind oder nicht. Und wenn es dann mit dem Stadion und der Rendite nicht klappt, wird man höchstwahrscheinlich vor einem Scherbenhaufen stehen, zwangsabsteigen und dergleichen.

Aber lieber (wieder) Oberliga Westfalen als einen Stadionweg, der sich nicht mehr gemütlich mit dem Rad fahren lässt – und diesen gerupften Adler.

 

Update: Der Verein hat auf die Proteste reagiert und verwendet das neue Logo nicht mehr.

Geschichtskultur über Geschichtskultur

Münster nennt sich stolz „Friedensstadt“. Dass das nicht immer so war, zeigt eine Sonderausstellung im Stadtmuseum, die dort bis zum 2. September 2018 zu sehen ist. Ihr äußerer Anlass sind drei Jahrestage: Ausbruch und Ende des Dreißigjährigen Krieges sowie der Waffenstillstand des Ersten Krieges. (Und in der Rezeptionsgeschichte des Westfälischen Friedens sah man nach 1919 durchaus so einige Parallelen….)

Da hier im Blog ja eigentlich das auftauchen soll, was gerade nicht auf dem Dienstschreibtisch liegt, folgt jetzt keine Rezension oder Analyse, sondern nur ein paar Hinweise auf die Highlights:

  • Bis zum Zweiten Weltkrieg stand in Münster ein Friedensdenkmal, dass dann von den Nationalsozialisten eingeschemolzen wurde. Zumindest eine fotografische Reproduktion ist jetzt im Stadtmuseum wieder zu sehen; außerdem erfährt man von den dahinterliegenen Streitereien im Stadtrat.
  • Ebenfalls großformatig gezeigt werden Fotoaufnahmen aus einer Ausstellung, die Münster Stadtarchivar Eduard Schulte 1940 – auf eigene Faust, aber im Auftrag Berliner Behörden – geschaffen hatte.
  • Mein persönliches Lieblingsexponat ist ein Film-Ausschnitt aus dem Jahr 1948, der die damaligen Jubiläumsfeierlichkeiten zeigt, die unter nicht ganz einfachen Umständen (und umso werbewirksamer) umgesetzt wurden.

Inhaltlich würde ich weiterhin an meiner These festhalten, dass der Westfälische Friede in Münster auch nach dem Ersten Weltkrieg nicht durchgängig schlecht beleumundet war (siehe dazu den Beitrag „Erinnerungsorte in Münster“, erschienen in den Westfälischen Foschungen, Jahresband 2015).

Das jedoch nur am Rande – und jetzt vielleicht doch eine Miniaturrezension: Man erfährt als Besucher viel über Münster und sein Marketing, die Gestaltung ist sehr ansprechend und abwechslungsgreich, der gesamte Bereich im besten Sinne überschaubar (wir reden letztendlich von einem großen Raum). Ein Besuch ist lohnenswert – zumal der Eintritt nichts kostet und auch der schöne Begleitband nur mit 9,80 Euro zu Buche schlägt.

 

 

 

 

Geschichte, Politik und Hans-Werner Sinn – ein kleines Experiment

Historia Magistra Vitae oder wenn Sch(l)üsse nach hinten losgehen.

Flugblatt 1648

[Flugblatt von 1648, gescannt von Gudrun Meyer via WikiCommons und auf Grund des Alters wohl gemeinfrei]

In einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung meint Hans-Werner Sinn heute:

Wer nun speziell der Eurozone als Reaktion auf den Brexit zu mehr Staatlichkeit verhelfen will, spaltet den Norden und Osten ab, zieht eine Trennlinie quer durch Mitteleuropa und macht Deutschland zum Anhängsel und Zahlmeister einer neuen lateinischen Münzunion.

Dass Frankreich die zwei Geschwindigkeiten will, wundert nicht. Die Spaltung Mitteleuropas ist seit Richelieu ein zentrales Ziel der Politik dieses Landes.

Man könnte jetzt mal ein Experiment anstellen und den Gebrauch von Geschichte als Argument untersuchen, indem man selbst auf die Geschichte zurückgreift. Hans-Werner Sinn etwa sähe nicht sehr gut aus, wenn man ihn neben zwei Münsteraner Bürgermeister stellte, die sich angesichts des hiesigen Friedenssaales im Münsteraner Rathaus über die französische Außenpolitik äußerten. Solche Reden, wie auch Sinns Argument, hängen mit zwei nationalen Symbolen zusammen: dem Dreißigjährigen Krieg und dem Westfälischen Frieden von 1648, der diesen beendete – und den Richelieu schon nicht mehr erlebte.

1898 etwa rechnete Münsters Bürgermeister Jungeblodt ganz ähnlich mit Frankreich ab:

Hülflos und kraftlos blieben die deutschen Lande zunächst lange Zeit eine leichte Beute des aufstrebenden Frankreichs und eine leichte Beute des aufstrebenden Frankreichs und der Feldherrn Ludwig des XIV., welche die Greuel des Krieges erneuerten.

Im Krieg von 1870/71 habe man diese Schmach endlich getilgt und mit der Gründung des Kaiserreiches den Grundstein für ein Wiedererstarken Deutschlands gelegt (womit man im katholischen Münster elegant über so manche Wirren des Kulturkampfes hinwegging):

War vor 1870 deutscher Handel, deutsche Industrie im Auslande kaum bekannt, so sehen wir heute schon, nach kaum 25 Jahren, an der Eifersucht der Engländer, daß Deutschland auf so vielen Gebieten ihnen den Welthandel streitig macht. (Zitate nach dem Westfälischen Merkur vom 4. Oktober 1898)

Deutlicher wären die Parallelen noch beim NS-Oberbürgermeister Hillebrand, der den Friedensaal als „Schmerzensstätte deutschen Schicksals“ bezeichnete, kurz auf Richelieu einging und dann festhielt:

Teile und herrsche!; dieser Grundsatz war die Losung der politischen Klassiker Frankreichs  ebenso wie der Väter von Versailles. (Zitiert nach dem Münsterischen Anzeiger vom 8. April 1938, der einen ‚Gastbeitrag‘ anlässlich des ‚Anschlusses‘ Österreichs druckte.)

Gewinnen wir mit einer solchen Suche nach vermeintlich historischen Vorbildern irgendetwas? Wohl kaum. Sie verstellt den Blick sowohl auf Geschichte als auch auf Gegenwart, weil sie überall historische Bedingtheiten und Kontinuitäten sieht – aber nirgends die Unterschiede, etwa in den Interpretationen Jungeblodts, Hillebrands und Sinns oder zwischen den außenpolitischen Idealen Macrons, de Gaulles und Richelieus. Was wir mit solchen Gleichsetzungen verlieren, ist der Blick auf die Nuancen und damit eben auch auf die Handlungsspielräume in unserer Gegenwart! Damit jedoch ist im Augenblick niemanden geholfen.

Tatsächliche Vergleiche – nicht Gleichsetzungen der Form historia magistra vitae – könnten den Blick auf die Gegenwart dagegen schärfen. (Anders als im 17. Jahrhundert befinden sich US-amerikanische Stützpunkte in Europa, anders als die lateinische Münzunion basiert die Eurozone eben nicht auf einem Goldstandard.)

Wenn man in der Geschichte keine Lehrmeisterin sucht, fallen überdies die Urteile gleich differenzierter aus. Das gilt auch für Richelieu, wie etwa der Katalog zeigt, der zur letzten großen Münsteraner – und sehr europafreundlichen – Friedensausstellung von 1998 erschien (hier online).