Forschen und Lehren in Archiven (ii): Praxis

Archives nationales (Paris) Grands dépôts (salle de l'Armoire de fer)

[Grands Dépôts der Archives nationales in Paris – Lesesäle sehen aber meist prosaischer aus; Archives nationales via WikiCommons, CC-BY-SA-3.0]

Kommen wir endlich zur Praxis des Arbeitens in Archiven. Was diese betrifft, so erleichtern einem Vorbereitungen so ziemlich alles:

Sofern man als Lehrender mit einer Lerngruppe das Archiv besichtigen (oder mit ihr dort forschen) möchte, sollte man meiner Erfahrung nach einige Monate Vorlaufzeit einkalkulieren, da es sehr viele solcher Anfragen gibt – gerade bei den entsprechend ausgestatteten Einrichtungen. Für alles Andere gibt es in diesem Bereich wohl keine generalisierbaren Ratschläge; außer den, den Besuch nicht mit zu vielen Aufgaben zu überfrachten und sich (auch in diesem Punkt) auf die Erfahrungen der Archivpädagogen vor Ort zu verlassen.

Archivbesuchern, die für Haus- oder Abschlussarbeiten bisher unveröffentlichte Quellen suchen, könnten folgende Tipps jedoch weiterhelfen – vor allem, wenn sie eher zeitgeschichtlich unterwegs sind (für andere Epochen kann Freund D. vielleicht noch einmal weiterhelfen?):

1. Auch hier ist Vorbereitung alles, das betrifft insbesondere die Recherche in/mit den beiden wichtigsten Hilfsmitteln: Findbüchern und Datenbanken

Findbücher listen die Bestände eines Archives auf. Die Ordnung der Signaturen folgt – besonders bei amtlichem Archivgut – den Verwaltungsstrukturen. Diese sollte man im Groben kennen (allein schon, um auch das ‚richtige‘ Archiv zu finden). Für den Raum Westfalen siehe die Literaturhinweise des LWL. Faustformel für die Arbeit mit Findbüchern daher: Wenn man die passende Behörde gefunden hat, sucht es sich sehr gut.

Die Alternative zu den Findbüchern sind Datenbanken, die wie Suchmaschinen funktionieren. Daher gilt in diesem Fall, dass es sich sehr gut sucht, wenn man passende Schlagwörter verwendet. (Hilfestellungen geben auch hierbei Archivare.)

Am besten kombiniert man beide Zugänge.

In einigen Häusern, wie etwa dem Stadtarchiv Münster, sind die Datenbanken nur vor Ort im Lesesaal des Archivs nutzbar (im genannten Fall hat man online jedoch Zugriff auf die Findbücher). Das macht einen Besuch von auswärts entsprechend kompliziert bzw. verlängert ihn – zumal man zudem nicht sicher sein kann, dass einschlägige Quellen überhaupt vorliegen. (In diesen Fällen sollte man jedoch gerade als Auswärtiger einfach mal zum Telefon oder Kugelschreiber greifen.)

Wenn eine Aufstellung derjenigen Archivgüter aufgestellt ist, die für die eigene Fragestellung interessant scheinen, sollte man eine Arbeitsliste erstellen, nach der die Akten durchgesehen werden. Möglich wären chronologische Reihenfolgen, aber auch sachsystematische bzw. solche nach Vorkenntnissen. In jedem Fall spart ein solcher Arbeitsplan ein sehr rares Gut im Archiv: Zeit.

2. Apropos: Suche nach Editionen und Digitalisaten

Bevor man ins Archiv fährt, möglicherweise noch in eine andere Stadt (mit entsprechenden Kosten), sollte man noch einen wichtigen Schritt tun: prüfen, ob die entsprechende Akte vielleicht schon veröffentlicht wurde – entweder in transkribierten Form als Edition oder gar als Digitalisat, d.h. Scan. Man munkelt, Google soll sich dabei bewährt haben… Seriöser und auch für die Recherche schon hilfreich ist im Hinblick auf Digitalisate das Archivportal Europa.

3. Exkurs: Notwendige Vorkenntnisse

Neben den (äußeren) Verwaltungsstrukturen sollte man außerdem auch ein wenig über die inneren Abläufe wissen. Wer ist wann für was zuständig? Wer hat im Zweifel das letzte Wort? Wann ist ein Entwurf genehmigt? All diese Fragen bündeln sich im Medium des Aktenvermerkes. Hier ist  schon die Farbwahl entscheidend, siehe dazu einen Beitrag auf dem auch sonst sehr empfehlenswerten Blog Aktenkunde.

Solche Details wurden zumeist erst in der Weimarer Republik geregelt und auch erst in dieser Zeit kommen Schreibmaschinen auf. Ältere Schreibschriften lesen zu können, wäre also ein großer Vorteil, zumal die Aktenvermerke ja ohnehin handschriftlich sind. Entweder man besucht relativ früh im Studium einen einschlägigen Lesekurs im Archiv vor Ort, oder man versucht sich an einem entsprechenden Angebot zur „Digitalen Schriftkunde“ der Staatlichen Archive Bayerns.

4. Wenn die Quellen gefunden und ausgehoben sind, das heißt im doppelten Sinne vorliegen…

… geht man mit ihnen sehr sorgfältig um, da man sie schließlich für die Forschung erhalten möchte. In dem Zusammenhang wird man häufig auf einen Einlegezettel hinter dem Deckblatt stoßen, auf dem sich die Benutzer der Akte einzutragen haben – was auch erledigt werden sollte. Im besten Fall erhält man so schon einen kleinen Einblick in den Forschungsstand zum vorliegenden Archivgut und kann etwa über die Personensuche weitere Recherchen anstellen (oder man stellt eben ziemlich sicher fest, Erstnutzer zu sein).

Niemals wird die Akte beschriftet! Notizen erfolgen am besten auf durchnummerierten Zetteln oder in einem eigenen Archivheft und per Bleistift; oder direkt am PC. Einzelne Seiten kann man in der Akte mit einfachen Heftstreifen markieren, die man an den Aufsichten erhält.

Sofern man nun in der Akte einzelne, für die eigene Forschung belangreiche Dokumente gefunden hat, könnte man diese nun abtippen oder aber vom Archiv kopieren lassen. In ganz selten Fällen sind sogar eigenhändige Fotografien möglich, das ist der absolute Jackpot, bei dem man den folgenden Abschnitt überspringen kann.

Auch wenn die Kopien Zeit und Geld kosten – etwa zwei bis vier Wochen, je nach Auftraggröße, und dann ca. 50 Cent pro Seite plus Grundgebühr – , würde ich zu diesem Verfahren raten, da sich sonst sehr viele kleine Fehler einschleichen dürften, die sich eben nicht mal schnell aufdecken/überprüfen lassen. Außerdem dauert das Tippen zu lange und die Übernachtungskosten sind halt auch ein Faktor. Mein Tipp daher: Kopieren lassen – es sei denn, das Archiv ist schnell und kostengünstig zu erreichen.

Sofern ein solcher Kopierauftrag gestellt wird (oder man das Glück hat, fotografieren zu dürfen), sollte man selbst noch eine Liste anlegen, um die Sachen nach der Lieferung/Übertragung zweifelsfrei zuordnen zu können. Am besten setzt man auf diese Liste auch schon einzelne Schlagworte, da man während der Akkordarbeit im Archiv doch schnell den Überblick verliert, wenn es um Fragen der Relevanz geht. Sofern man kopieren lässt, wird man dies zumeist im schwarz-weiß-Format erledigen lassen, hier gilt dementsprechend: Farbe der Vermerke auf die Liste setzen!

5. Sorgt für eine optimale Verpflegung

Wie vermutlich trotz aller Dezenz deutlich geworden sein dürfte, ist Archivarbeit immer auch eine Geld- und Zeitfrage. Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist dabei die Selbstverpflegung mit Kaffee, Tee und Wasser sowie Festspeisen. Ich schreibe da aus der leidvollen Erfahrung desjenigen, der einmal in Wiesbaden eine Stunde für ein belegtes Brötchen unterwegs war. Am besten habt Ihr Euch mit Verpflegung versorgt, bevor Ihr Euch an der Pforte anmeldet (denn nur wenige große Einrichtungen wie das Bundesarchiv haben eigene Kantinen, die auch Besuchern zugänglich sind; Kaffeeautomaten gibt es dagegen immer häufiger).

Zum Schluss: Vorbereitungen und Vorgespräche machen die Archivarbeit wesentlich einfacher, ein paar Grundkenntnisse über Behördenstrukturen und -abläufe sind unabdingbar. Auch Schriftkenntnisse sollten vorhanden sein, sofern man zur schreibmaschinenlosen Zeit forscht. Vor allem aber gilt: Archivarbeit lohnt sich. Sie ist spannend, verhilft zu neuen Einsichten in die Arbeitsweisen der Historischen Forschung und ist eben auch in kleinerem Rahmen, während des Studiums, durchaus umsetzbar. Ad fontes!

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Forschen und Lehren in Archiven (i): Theorie

Carl Johann Peyfuss Erster Archivbesuch Kaiser Franz Joseph[Kaiser Franz Joseph besucht am 18. April 1904 das kürzlich erbaute Haus-, Hof- und Staatsarchiv (Mitte: der Kaiser mit grünem Federhut, ihm gegenüber Archivdirektor Hofrat Dr. Gustav Winter, zwischen ihnen Außenminister Graf Goluchowski), Ausschnitt eines Wandgemäldes im Stiegenhaus des Haus-, Hof- und Staatsarchivs von Karl J. Peyfuss (vollendet 1908); Österreichisches Staatsarchiv via WikiCommons]

Unter allen Institutionen, die Macht erhalten und Herrschaft sichern, ist das Archiv die wohl unscheinbarste. Den angeblich verstaubten Kartons traut man wenig zu. Ganz selten ist einmal in den Medien von ihnen zu hören – dann, wenn in Köln das Stadtarchiv beim U-Bahn-Bau einbricht oder wenn die Stasi-Unterlagenbehörde grundlegend reformiert (oder gar aufgelöst) werden soll etwa. Dass etwa das dreiste Schreddern von Akten im Zusammenhang mit dem sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrund“ auch ein erheblicher Verstoß gegen Archivgesetze sein dürfte, konnte man allenfalls in Lokalzeitungen erfahren.

Ihre Macht gründet seit Jahrtausenden auf zwei Mechanismen. Zum einen kontrollieren sie den Zugang zum Archivgut. Zum anderen entscheiden die Archive – oder besser: die Archivare – darüber, was überhaupt als solches Archivgut gilt. „Unsere Hauptaufgabe ist das Wegwerfen. Was übrig bleibt, wird übernommen“, soll der damalige Vorsitzende des Verbandes deutscher Archivarinnen und Archivare, (VdA), Michael Diefenbacher, laut Wikipedia dem Kölner Stadtanzeiger 2009 in die Blöcke diktiert haben. Überprüfen könnte man diese Aussage zuverlässig nur an einem Ort: im Pressearchiv.

Kein Wunder, dass Machttheoretiker wie Foucault und Derrida auf Archive abfuhren (hier ein kurzer Aufsatz von Marlene Manoff). Aber darum soll es hier in den nächsten Tagen nicht gehen – sondern eben darum, wie man mit und in Archiven arbeiten kann; und zwar in Forschung und Lehre. Zur Zielgruppe zähle ich mich selbst: nämlich Archivanfänger, die über zeithistorische Themen forschen. In den letzten Jahren habe ich dabei allerdings einerseits einige schlechte Erfahrungen gemacht, die sich ja nicht unbedingt wiederholen müssen. Andererseits gab es auch sehr viele positive Momente, von denen ich gern berichten möchte.

Archivanfänger – das dürften vor allem Studierende sein. Oft hört man, dass ihnen von Seiten der Lehrenden abgeraten wird, für Haus- und Abschlussarbeiten ins Archiv zu gehen. Das sei zu aufwendig; vor allem dann, wenn sich die erhofften Perspektiven und Inhalte in den Quellen nicht finden. Bei Fragestellungen, die die Zeit nach 1800 verhandeln, würde ich das kalkulierte Risiko dennoch eingehen. Zumindest dann, wenn man vor Ort oder in Reichweite des Semestertickets ein einschlägiges Archiv besuchen kann. Sofern man keine aussagekräftigen Quellen aufspürt, kann man mit nur wenigen Tagen Zeitverlust immer noch umdisponieren…

Sollte sich aber etwas Passendes finden, so schreibt sich die Arbeit meiner Erfahrung nach sehr viel einfacher, als wenn man einer schon hundertmal gestellten Frage auf Grund schon hundertfach analysierter (edierter) Quellen nachgeht. (Was jetzt aber kein Plädoyer gegen edierte und in Sammlungen veröffentlichte Quellen sein soll, bei innovativen Fragestellungen hat das auch durchaus seinen Reiz. Mir persönlich graute es in der vorlesungsfreien Zeit halt immer vor allzu enzyklopädischen Arbeiten; und dagegen gibt es ja durchaus verschiedene Mittel und Wege.)

Aber auch  später, etwa als Tutor oder Referendar, haben Archive ihren Reiz. Sie sind nämlich nicht allein Forschungswerkstätten sondern mittlerweile oft auch Orte historischen Lehrens und Lernens. Wo sonst lässt sich besser nachvollziehen, dass Geschichte eben nicht vom Himmel fällt sondern erst einmal geschrieben werden muss? Woher bekommt man sonst so gut aufbereitetes Material zur Stadtgeschichte, die Lernende meistens besonders interessiert? Und wo sonst lässt sich Vergangenheit mit allen Sinnen erfahren? Das Lernen im Archiv ist spannend, wie auch ein Beispiel von Christiane Artmann zur Vermittlung der Stadtgeschichte Dülmens der 1960er-Jahre zeigt.

Der zweite Teil der Reihe wird von einigen Hindernisse handeln, die sich in der Arbeit in und mit Archiven ergeben können, die aber zum Glück umschiffbar sind.