Dreißigjähriger Krieg und Westfälischer Frieden im Jahr 2018

Lassen sich Linien und Lehren ziehen aus den Jahren 1618-1648 bis in das Jahr 2018? Die Meinungen gehen auseinander:

Der damalige Außenminister und heutige Bundespräsident Steinmeier sah 2016 bei den Osnabrücker Friedensgesprächen und auch auf dem Hamburger Historikertag – bei aller Vorsicht – gewisse Parallelen und Anhaltspunkte. Für Herfried Münkler liegt die Sache (mal wieder?) ganz klar.

Dass man nicht jeder Geschichtsthemensetzung aus Politik und Politologie folgen muss – dafür aber vielleicht die aktuelle Forschung lesen -, hat der Historiker Volker Reinhardt schon vor einiger Zeit in der NZZ herausgestellt. Mit Peter Wilson legt ein weiterer Fachmann nach – in einem lesenswerten Interview mit der taz.

 

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„This opportunistic instrumentalization of history…“

James Kirchick ist ein Journalist und Publizist, dessen Expertise auf der Außenpolitik liegt – und ein ziemlicher Freigeist. Als Neokonservativer unterstützte er Hillary Clinton, bei einem Interview mit dem Kreml-Sender „Russia Today“ spricht er auch gern einfach mal mehrere Minuten – ungefragt – über die Diskriminierung von Homosexuellen in Russland.

 

Zum Jahresende hat er sich auf politico die deutsche Außenpolitik vorgeknöpft, die er für nationalistisch hält und scheinheilig. In von Faz.net heute veröffentlichten Übersetzung heißt es:

Heute sind die Deutschen die einzigen, die Angst vor Deutschland haben. Diese opportunistische Instrumentalisierung der Geschichte – wonach Pazifismus und nicht die Bekämpfung von Diktaturen die wichtigste Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg darstellt – bietet ihnen ein bequemes und moralistisches Alibi gegenüber der Pflicht, globale Verantwortung zu übernehmen.

 

 

Ist die Treuhand ein ostdeutscher Erinnerungsort?

Dieser Frage gingen Constantin Goschler und Marcus Böick (Ruhr-Universität Bochum) nach, und zwar im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. Die (auch methodisch sehr spannende) Studie kann man direkt auf der Ministeriumsseite herunterladen.

Vom Geschichtsbild Jaroslaw Kaczynskis

Auch wenn er kein Regierungs- oder Staatsamt inne hat – Jaroslaw Kaczynski dürfte Polen faktisch regieren. Umso interessanter ist der Einblick in sein Geschichtsbild, den der Vorsitzende der Partei PiS Konrad Schuller von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gewährte. Darin spielt nicht nur Marschall Pilsudski – Polens starker Mann der Zwischenkriegszeit – eine wichtige Rolle, sondern auch Niccolo Machiavelli und Carl Schmitt.

 

Der Holocaust, nicht mehr als ein Lehrbeispiel?

Auf Faz.net erschien heute ein Interview mit dem Soziologen Harald Welzer. Als ausgewiesener Kenner – unter anderem war er Mitverfasser des Publikumserfolges „Opa war kein Nazi“ – sprach er über den großen geschichtskulturellen Bruch, der vor einem Vierteljahrhundert begann und langsam an sein Ende gerät: Das Sterben der Zeitzeugen, die im direkten Gespräch an die Verbrechen des Nationalsozialismus erinnern können.

Vielleicht wurde Welzer nur unglücklich zitiert/zusammengefasst. Oder ich bin hypersensibel. Aber die Aussage, „auch die Geschichtsbearbeitung“ werde durch diesen Verlust „etwas freier“, befremdet mich. Zumal wenn es dann in der direkten Folge heißt:

Ich finde Geschichtspädagogik immer dann richtig, wenn Transfers hergestellt werden können. Das ist eher möglich, wenn es keine Zeitzeugen von beiden Seiten mehr gibt, auf die man aus Gründen der Würde Rücksicht nehmen muss.

Der Holocaust, in Zukunft bloß noch ein transferfähiges Lehrbeispiel?

Das verstört. Gerade angesichts der individuellen Schicksale derjenigen, auf deren Würde keine Rücksicht genommen wurde, die die Nationalsozialisten vor 1945 verfolgten und ermordeten.

„Sara Schloss, Seligenstadt, Kennort: Landkreis Offenbach a/M., Kennummer A00991“. Sara Schloss, 1868 geboren, wurde als Jüdin nach Theresienstadt verschleppt und dort ermordet.  Mehr steht nicht auf ihrem einfachen Pappkoffer, den das RegioMuseum Seligenstadt seit kurzem ausstellt (auch davon berichtete Faz.net).

Auch den Toten, oder hier genauer: der ermordeten Sara Schloss, sollte man die Würde lassen. Geschichte ist mehr als Gegenwartsinteresse.

Wenn ein Einzelner die Erinnerung wach halten muss

Faz.net bringt ein tolles Portrait von Marģers Vestermanis, der 1925 in Riga geboren wurde. Als Sohn einer deutschsprechenden jüdischen Familie überlebte er das Rigaer Ghetto, die lettischen KZ, Todesmärsche und schließlich auch die Zeit als Partisan im kommunistischen Widerstand – er überlebte als Einziger seiner Familie und einer der wenigen Juden in Lettland überhaupt. Nach dem Krieg erforschte und erinnerte Vestermanis an das Schicksal der Juden in Lettland, trotz aller Repressionen, und auch noch als 92jähriger.