Warum Jan Böhmermann nervt – auch aus geschichtskultureller Perspektive

Von einem Geschichtsbewusstsein, das viele liken, und das irgendwann einmal dialektisch zurückschlagen könnte.

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Jan Böhmermann zu bashen, ist in. Die Frankfurter Allgemeine macht es (http://www.faz.net/-gqz-8fph9), als dortige Gastautoren auch ehemalige Mannschaftsmitglieder der Titanic (http://www.faz.net/-gpf-8fzhp). Die Taz basht auch irgendwie (http://www.taz.de/!5295335/) und Bernd Lucke sowieso (http://www.faz.net/-gpf-8fzv7).

Mir geht es im Folgenden um einen Aspekt, der bisher jedoch kaum eine Rolle spielte, nämlich um Jan Böhmermanns Geschichtsbewusstsein – das langfristig gefährlich werden könnte, momentan aber leider ziemlich gut ankommt.

Als erstes Beispiel sei ein Tweet vom 20. Januar 2016 genannt:

Das Argument, Vorschläge aus dem Nachbarland seien nicht immer gut, weil es mal einen Adolf Hitler gab, ist an Denkfaulheit kaum zu überbieten: Erstens behauptet Andreas Scheuer nirgends, dass die Idee gut sei, weil sie aus Österreich kommt. Und zweitens argumentiert er in seinem Tweet nicht historisch. Böhmermann wählt eigenständig und ohne Not den (klugerweise: impliziten) NS-Vergleich, weil es so schön einfach ist; einfacher anscheinend, als sich an Scheuers eigentlicher und gegenwartsbezogener These von der „Macht des Faktischen“ abzuarbeiten, gegen die es genug einzuwenden gäbe, etwa Österreichs geographische Lage auf der sogenannten Balkan-Route, nämlich ‚vor‘ Deutschland.

Dieselbe rhetorische Figur der reductio ad hitlerum (gibt’s wirklich als Fachbegriff) begegnet uns – doppelt indirekt – 11 Tage später.

Um es hier gleich klarzustellen: Ich lehne so ziemlich alle Positionen ab, die Beatrix von Storch vertritt. Aber das ist ebenfalls argumentativ lösbar und zwar ohne Rückgriffe auf Verwandtschaftsbeziehungen. Böhmermanns Prinzip dagegen bleibt simpel: Man finde eine Teilmenge mit dem Nationalsozialismus (Österreich oder den Reichsminister in der Ahnenreihe) und bringe ihn dann einfach mal als Strohmann ins Spiel.

Ende März wurde der Ansatz mit „Be deutsch!“ auf die Spitze getrieben:

Ich überspringe einfach ein paar Szenen, vor allem die etwas – nennen wir es einmal wohlwollend: schwierige – Analogisierung von ‚Reichskristallnacht‘ und Gunpowder Plot ganz zu Beginn. Spätestens an den Stellen „We are here to remind you, that we have once been stupid, too“ (min 2.05) und „We’ve learned our lessons, so take our advice“ (min 2.33) stellen sich mir die Nackenhaare auf.

Jetzt könnte man von Ironie ausgehen; davon, dass Böhmermann einfach nach allen Seiten austeilt und insbesondere etwas aufs Korn nimmt, das Jeffrey Olick mal als „Sühnestolz“ der Deutschen bezeichnete. Dieser Erklärungsansatz greift jedoch nicht. Denn was der Kulturschaffende später durch die Figur des kleinen Gretchens vortragen lässt, ist eine ernst gemeinte republikanische Botschaft und in der Gesamtschau erscheint die Truppe unter der EU-Flagge durchaus als sympathisch. Das „Be deutsch!“ ist also ehrlich gemeint – die Ironie im Beitrag beschränkt sich auf die ramsteinige Vortragsweise sowie die birkenstockige Bildebene und erstreckt sich nicht auf den Liedtext und dessen politischer Botschaft.

Die Tendenz ist klar: Wie angeblich die mustergültige Bundesrepublik Deutschland muss man aus der Vergangenheit lernen. Und zwar, indem man wie im Clip gegenwärtige Phänomene – darunter fallen sowohl eindeutige Verbrechen (Schutzsuchende zu bedrohen) als auch politisch missliebige Entscheidungen (für Trump oder eben, wie oben, seitens Scheuer) – eins zu eins gleichsetzt mit Entwicklungen aus der Vergangenheit. Jörn Rüsen spräche von einem exemplarischen Geschichtsbewusstsein. Die Vergangenheit hat darin keinen Eigenwert, sondern dient bloß als beispielgebende Lehrmeisterin für die Gegenwart, deren Mehrdeutigkeit überdies dadurch auch noch geleugnet wird.

Geschichte ist folglich nicht länger Gegenstand von Interpretationen bzw. nicht länger ein Vermittlungsversuch zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Vielmehr wird jeder Unterschied zwischen zwei Zeiten nivelliert und zugleich so etwas wie die eine historische Wahrheit gepachtet. Diese Weltsicht ist nicht bloß intellektuell unterkomplex, sondern gefährdet einen Meinungspluralismus, den der Satiriker doch eigentlich verteidigen wollte.

Seine wiederholt betriebene Form historisch-politischen Denkens bricht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit allen Prinzipien des Beutelsbacher Konsenses (http://www.bpb.de/die-bpb/51310/beutelsbacher-konsens). Sie öffnet langfristig Menschen, die es weitaus weniger gut meinen als Böhmermann, Tür und Tor zur Manipulation des Geschichtsbewusstseins der Zuschauer. Denn was uns ‚die‘ Geschichte lehren sollte, ist, dass es nicht die eine historische Lehre gibt.

71 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges

Unrunde Jahrestage machen nachdenklich. Eine kleine Analyse über die Bonner Republik und ihre Schwierigkeit, an den 8. Mai 1945 zu erinnern.

V-E-Day Stars and Stripes No 285 Paris 8 May 1945[The Stars and Stripes, die Zeitung der US-Armee, vom 8. Mai 1945 (Ausgabe Paris); Foto: US Army, gemeinfrei]

Am 7. Mai 1945 unterzeichnete Generaloberst Alfred Jodl in Reims die bedingungslose Kapitulation des Deutschen Reiches. Ab dem 8. Mai 1945, 23.01 Uhr, sollten alle Kampfhandlungen in Europa eingestellt werden. Seitdem feiert man in Westeuropa und Nordamerika am 8. Mai als „Tag der Befreiung“. In Moskau wurde die Kapitulation erst einen Tag später verkündet, sodass in der Sowjetunion und auch heute in Russland der 9. Mai als eigentlicher Jahrestag des Kriegsendes gilt. (Und nein, das ist keine kalendarische Petitesse, sondern Ausdruck des Streits darüber, welcher Nation der Verdienst gebührt, das ‚Dritte Reich‘ niedergerungen zu haben. Passender Nachtrag vom 9. Mai 2016: http://www.faz.net/-gpc-8guc1)

In Deutschland war dieser Jahrestag lange umstritten. So recht funktionierte die Befreiungslogik nicht für diejenigen, die den 8. Mai 1945 als Zeitzeugen erlebt hatten. Warum das so war/ist/sein wird, erklärte Reinhart Koselleck vor einigen Jahren in seinem kurzen Text „Der 8. Mai zwischen Erinnerung und Geschichte“ (wiederabgedruckt in: Reinhart Koselleck, Vom Sinn und Unsinn der Geschichte, hrsg. von Carsten Dutt, Berlin 2010, S. 254-265).

Erstens gebe es ein Problem der Nachvollziehbarkei von Ereignissen. Koselleck spricht von „Eigenerfahrungen“, die „in den Leib gebrannte Erfahrungen“ seien, welche nur die Zeitzeugen haben können. Sie „verschließen sich dem Nachbarn, mehr noch den Nachgeborenen.“ (255) Die Nachgeborenen haben demnach nur „Sekundärerinnerungen“, „erlernte Wissensbestände über Erinnerung und Erfahrung jener Menschen, deren Eigenerfahrung eben nicht erlernbar sind.“ (256) (Ob dieses Modell tatsächlich tragfähig ist, werde ich wohl im theoretischen Teil meiner Dissertation untersuchen.)

Was sich damit abzeichnet – Koselleck argumentiert nicht ganz so explizit, und ich fasse nun im Folgenden zusammen -, ist ein Konflikt zwischen zwei Modi des Erinnerns oder vielmehr ein Generationenkonflikt zwischen denjenigen, die den Krieg erlebt haben und den Nachgeborenen. Die Krux liegt eben darin, dass es soziologisch betrachtet kein „Handlungssubjekt“ gibt (im Sinne etwa des deutschen Volkes), das sich ‚wirklich‘ erinnern könnte, sondern immer nur „kollektive Bedingungen der je eigenen Erinnerungen“ (257). Eben um diese Bedingungen wird geschichtspolitisch gestritten.

Im Hinblick auf die „Eigenerfahrungen“ führt Koselleck dann zweitens aus, wie unterschiedlich diese am 8. Mai 1945 waren. Auszumachen sind dabei drei Gruppen: „Die Überlebenden des deutschen Terrorsystems fanden sich, einmal befreit, auf seiten der Sieger. Sie selbst zu den ‚Siegern‘ zu zählen, verbietet sich. Hiergegen sprechen die völlig anderen Erfahrungsgehalte derjenigen, die dem Terror entkommen sind. Und eben deshalb verbietet es sich, die Deutschen, einmal besiegt, zu den in gleicher Weise Befreiten zu rechnen.“ (259) Denn ihre Opfer seien lange Zeit „aktiv“ gewesen, „gedacht für das Vaterland“ und nicht „passiv erlittene“ (259).

Koselleck benennt noch eine dritte Schwierigkeit: Das auch Deutsche Opfer wurden im Kontext von Flucht und Vertreibung, der Luftangriffe sowie der Vergewaltigungen. Im Fall der – nach seiner Zählung – 18 Millionen Vertriebenen „von ‚Befreiung‘ zu sprechen“ sei unangemessen. „Besiegte waren sie allemal, oft dafür haftend, was andere an Verbrechen begangen hatten, einer Rache ausgeliefert für Taten, die nicht die ihren waren.“ (261) (Kosellecks Familie stammte übrigens aus Schlesien, er selbst verbrachte einige Monate in sowjetischer Kriegsgefangenschaft – er schrieb eben auch über die eigenen, „in den Leib gebrannten“ Erfahrungen.)

So viel zur grundsätzlichen Problemlage und zur Frage, warum der 8. Mai in Westdeutschland nie wirklich gefeiert wurde. In der DDR handelt es sich zwischen 1950 bis 1967 (!) und nochmals 1985 um einen gesetzlichen Feiertag. In der BRD hielten die Bundespräsidenten Heinemann (1970), Scheel (1975) und Weizsäcker (1985) Reden zum Jahrestag. Heinemanns Rede ist, soweit ich das überblicke, so gut wie vergessen. An Scheels Rede erinnert immerhin noch seine Partei (https://www.liberale.de/content/walter-scheel-spricht-als-bundespraesident-ueber-den-8-mai-1945). Weizsäckers Ansprache dagegen „gilt als eine der wichtigsten Reden der deutschen Nachkriegszeit“ (http://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/205925/befreiung-vom-nationalsozialismus).

Ernst-von-Weizsäcker[Richard von Weizsäcker (links) im Alter von 28 Jahren als Strafverteidiger seines Vaters Ernst von Weizsäcker (rechts) während des Wilhelmstraßen-Prozesses; Foto: Telford Taylor Papers, gemeinfrei]

Ich verzichte an dieser Stelle auf eine längere Analyse. Der Schlüsselsatz jedenfalls lautete: „Und dennoch wurde von Tag zu Tag klarer, was es heute für uns alle gemeinsam zu sagen gilt: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“ (http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Richard-von-Weizsaecker/Reden/1985/05/19850508_Rede.html)

So furchtbar neu war das alles gar nicht, die Amtsvorgänger Heinemann und Scheel (und davor noch Heuss) hatten sich schon ähnlich geäußert. Dass Weizsäckers Rede eine solche Wirkung hatte, liegt vielmehr an ihren Umständen: Erstens hatte sich endgültig ein Generationenwandel vollzogen. Der Bundeskanzler war 1945 noch minderjährig gewesen, die Weltkriegsteilnehmer verabschiedeten sich allmählich in Pension und Rente. Zweitens gehörte Richard von Weizsäcker eben noch zu dieser Generation, er verfügte über reichlich Eigenerfahrung: als Wehrmachtsoffizier, Diplomatensohn und Strafverteidiger im Wilhelmstraßen-Prozess. Einen besseren (da nationalkonservativen Kreisen unverdächtigeren) Eisbrecher hätte man kaum finden können. Drittens formulierte der Bundespräsident eine Art Minimalkonsens in geschichtspolitisch turbulenten Zeiten. Dem sozial-liberalen Lager, das 1982/83 in Bonn die Mehrheit verloren hatte, graute es vor der „geistig-moralischen Wende“, die Bundeskanzler Kohl angekündigt hatte.

Ehrenfriedhof bitburg[Ehrenfriedhof in Bitburg; Foto: Smiss für Wiki Commons, gemeinfrei]

Drei Tage vor Weizsäckers Rede, am 5. Mai 1985, hatte der Bundeskanzler gemeinsam mit dem US-Präsidenten Ronald Reagan die Kriegsgräberstätte Bitburg besucht und einen Kranz niedergelegt. Pikanterweise waren in Bitburg jedoch auch Mitglieder der Waffen-SS bestattet worden… (https://de.wikipedia.org/wiki/Bitburg-Kontroverse) Die Angst vor einem Rückfall in Sachen „Vergangenheitsaufarbeitungen“ war ein ganz zentrales Thema der späten Bonner Republik (siehe dazu auch https://docupedia.de/zg/Historikerstreit).

Wie sieht es heute aus, in der Berliner Republik, 71 Jahre nach dem Kriegsende?

Ich habe heute um 15.30 Uhr die Homepages der auflagenstarken, überregionalen deutschen Zeitungen abgesucht. Weder taz, noch SZ, Zeit, Welt und FAZ haben einschlägige Berichte auf der Frontseite. Spiegel online bringt aber eine spannendes Gespräch mit Matthias Lohre: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/zweiter-weltkrieg-die-folgen-fuer-die-nachkriegskinder-a-1091027.html

Auch dieses Interview handelt davon, wie viel der Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg von der (alten) Bundesrepublik verrät.

 

Addenda:

http://www.tagesspiegel.de/meinung/8-mai-1945-ein-ende-das-ein-anfang-war/1817120.html (tolle Einführung aus dem Jahr 2010)

http://www.tagesspiegel.de/politik/die-deutschen-wissen-heute-wohl/606844.html (nochmals speziell zu den Bundespräsidenten)

Wenn ein fliegendes Schwein von der Geschichte erzählt

Schweine und Faschisten, oder: Warum nicht länger über einen meiner Lieblingsfilme gelacht werden sollte.

Ich gehöre zu denjenigen, die schallendes Gelächter ernten, wenn sie auf die Frage nach den persönlichen Lieblingsfilmen ehrlich antworten.

Das hat vor allem damit zu tun, dass ich in diesem Zusammenhang sehr schnell auf „Porco Rosso“ (Japan, 1992) zu sprechen komme. „Porco…?!“ – „Ja.“ – „Ein Schwein…?!“ – „Ja.“ – „Und das ist rot?!“ – „Nein, nicht direkt…“ – „Aber?“ – „Ähhm, sein Flugzeug.“

Kennengelernt habe ich den Film des Oscar-Peisträgers Hayao Miyazaki, als ich ein Praktikum bei Arte machte. Das ist etwa drei Jahre her und seitdem lässt mich dieses Kleinod im Zeichentrickformat nicht mehr los.

Von der Handlung ist rasch erzählt: Der Film spielt, das wird recht bald deutlich, in den 1920er-Jahren und zwar am adriatischen Meer. Luftpiraten treiben in dieser Gegend ihr Unwesen. Der Kopfgeldjäger Porco, ein Pilot in Schweinsgestalt, hält sie in Schach. Das auf einem ungeschriebenen Ehrenkodex basierende Gleichgewicht gerät jedoch bald doppelt in Gefahr: zum einen durch einen neuen Konkurrenten Porcos, zum anderen dadurch, dass die Luftwaffe des faschistischen Italien aufrüstet. In dieser Situtation muss das fliegende Schwein ein buchstäbliches Himmelfahrtskommando übernehmen…

Man kann „Porco Rosso“ einfach genießen und sich verzaubern lassen von dieser Geschichte, die nicht allein um Politik kreist, sondern auch um die Themen Freundschaft und Liebe. Oder man kann ihn, wie Markus Mähler für die Süddeutsche Zeitung, dekonstruieren und in dem Werk eine Abhandlung über das „männliche Prinzip“ sehen, das in der Zwischenkriegszeit in eine Krise geriet (http://www.sueddeutsche.de/medien/porco-rosso-auf-arte-schwein-mit-herz-1.1807402).

Abwegig ist das nicht: Porco ist versoffen, raucht zu viel, über seine Vergangenheit möchte er nicht sprechen, insbesondere nicht über seine Traumatisierung im Ersten Weltkrieg. Mit den Luftpiraten ritualisiert er eine merkwürdige Kameradschaft. Und die asketische/zölibatäre Nicht-Beziehung zu seiner großen Liebe Gina ist eigentlich ein Fall für den Paartherapeuten.

Einschlägiger für diesen Blog ist  die historische Einbettung dieses Sujets. Gerade wegen der Faszination, die „Porco Rosso“ auf mich ausübt, möchte im Folgenden kurz zwei Fragen nachgehen. Wie gelingt es dem Film, so etwas wie eine historisch-authentische Stimmung herzustellen? Und welche Wirkung entfaltet diese Stimmung bzw. welche politischen Grundannahmen liegen ihr zu Grunde und werden durch sie vermittelt? (Grundsätzlich haben wir es ja mit einer fiktiven Parallelwelt zu tun. Spannend ist nun zu sehen, mit welchen poetischen Verfahren Bezüge zur ‚Realität‘ hergestellt werden und was dadurch geleistet wird.)

Was die Authentizität – im Sinne einer Zuschreibung – betrifft, so ist schon das Thema zeitgenössisch. Die Luftfahrt war spätestens nach 1918 das große Ding und selbst Provinzkapitalen wie Münster hatten bereits einen eigenen Flugplatz. Besonders begeistert vom Fliegen waren der italienische Futurismus sowie der Faschismus, worauf zuletzt Fernando Esposito hingewiesen hat (Mythische Moderne. Aviatik, Faschismus und die Sehnsucht nach Ordnung in Deutschland und Italien, München 2011; siehe dazu kritisch: http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-15376). Zu nennen ist in diesem Kontext besonders die Stilrichtung der „Aeropittura“, also der Luftmalerei, von deren abstrakten Formen sich „Porco Rosso“ sich in seinem Anime-Stil jedoch deutlich abhebt (vgl. http://www.nytimes.com/slideshow/2013/12/06/books/review/08artbooks-3.html?_r=0 oder http://www.artnet.com/artists/tullio-crali/bombardamento-aereo-oh15WLW-Lf1f-FcY5NuAgQ2, letzteres ist übrigens fünf Jahre vor dem Luftangriff von Guernica entstanden).

Des Weiteren werden fortwährend einschlägige Hinweise dargeboten, die dazu reizen, sich das Geschehen als Zuschauer noch weiter auszumalen (furchtbar viel sieht man nämlich gar nicht von der lauernden Gefahr). Besonders auffällig wird das in der Passage, in der Gina „Le Temps des Cerises“ singt – der Chanson ist ein Liebeslied und das Requiem auf die Pariser Kommune zugleich.

Und auch die Erzählweise nimmt deutliche Anleihen an die zeitgenössische Kunst, genauer gesagt am magischen Realismus; in der schweinsköpfigen Metamorphose etwa, oder wenn Porcos getötete Kameraden im Traum zum Formationsflug ansetzen.

Gleichwohl kann man den Film natürlich nicht als Quellendokument auffassen, das von und aus der Zwischenkriegszeit berichtet. Quellenwert hat „Porco Rosso“ vielmehr für das Jahr 1992. Japans Wirtschaft geriet damals allmählich in die Depression. Und auf der anderen Seite des Pazifiks rief der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama das „Ende der Geschichte“ aus, weil die großen Ideologien, die das kapitalistisch-liberaldemokratische System des Westens herausgefordert hatten, untergegangen seien.

Wollte Hayao Miyazaki, ideologiekritisch gefragt, seinen Landsleuten in dieser politischen Großwetterlage nun die Männlichkeitsideale der klassischen Moderne als rettenden Anker präsentieren? Sein (zumindest offiziell) letzter Film, „Himmelwärts“ (Japan, 2014), trug ihm jedenfalls den Vorwurf der Indifferenz zumindest gegenüber der japanischen Spielart des Faschismus und dessen Heldenkult ein (http://www.tagesspiegel.de/kultur/der-anime-meister-hayao-miyazaki-himmelwaerts/10210540.html). (In dieses Bild fügte sich die Darstellung des US-amerikanischen Kopfgeldjägers Curtis in „Porco Rosso“, der nicht allein wegen seiner Kavallerie-Uniform wie die Karikatur eines Yankees wirkt.) Im vorliegenden Fall sprechen dagegen jedoch meines Erachtens die individualisierende Präsentation der Hauptfigur und ganz besonders die starken Frauenfiguren, die die naiven Männer mehr als einmal zur Raison bringen müssen.

Für mich ist es daher sehr viel plausibler, in „Porco Rosso“ eine Art Seitenblick zu sehen, der – am Ende des „Jahrhunderts der Extreme“ (Eric Hobsbawm) – historische Alternativen zum Faschismus aufzeigt, gerade hinsichtlich seiner frühen Jahre. Ich möchte nun nicht spoilern. Aber Konzepte wie Ehre, Mannhaftigkeit, Tapferkeit und Gemeinschaftssinn, die den Faschismus anleiteten, dürften den meisten Zuschauern am Ende des Films nicht mehr als taugliche Ordnungskategorien eines gesellschaftlichen Zusammenlebens erscheinen – dennoch wird der Faschismus, folgert man als historisch informierter Beobachter den Gang der Erzählung unwillkürlich weiter, vorerst gewinnen und die bessere Alternative unterliegen.

Weil die Figurationsphase des italienischen Faschismus durchaus künstlerisch geprägt war (und auch Hitler Künstler war, siehe Wolfram Pyta, Hitler. Der Künstler als Politiker und Feldherr, München 2015; dazu: http://www.faz.net/-gpf-82e84), drängt sich noch eine dritte und letzte Betrachtungsweise auf: „Porco Rosso“ als Reflexion über die Ästhetisierung und Darstellbarkeit von kriegerischer Gewalt anzusehen. Wie kann der Versehrte davon erzählen? Wann ist eine solche künstlerische Adaption Ausdruck einer individuellen Verarbeitungen und wann eines  – an sich schon wieder gewalttätig auf den einzelnen Betroffenen wirkenden – kollektiven Musters, mit dem Gemeinschaftlichkeit inszeniert werden soll? Welche Rolle spielen Metamorphosen und Tier-Allegorien im Erzählen von Krieg? Was meint Verfremdung in den bisher aufgeworfenen Fragen (#Schlkowski)? Und warum laufen solche Filme bei uns nur im – Entschuldigung nach Straßburg! – Spartenprogramm?

Vielleicht schaut Ihr Euch „Porco Rosso“ einfach mal an. Denn, wie gesagt, neben alldem ist er auch einfach ein sehr, sehr schöner Film.

Anmerkungen zu einer nationalkonservativen Betrachtungsweise deutscher Geschichte

Die Publizistin, Schriftstellerin und Historikerin Cora Stephan behauptet in der NZZ, die deutsche Flüchtkingspolitik folge einem falschen Geschichtsbild. Ich sehe das ganz anders und erkläre, warum der Ansatz falsch gewählt ist.

In ihrer Ausgabe vom 3. Mai 2016 druckte die Neue Zürcher Zeitung einen Gastkommentar der Publizistin, Romanautorin und promovierten Historikerin Cora Stephan. Unter dem Titel „Abschied von Deutschland – aber von welchem?“ will sie den Einfluss eines spezifischen Geschichtsbildes auf die deutsche Flüchtlingspolitik beschreiben. Der Kommentar artikuliert Ressentiments, die in meinen Augen weit verbreitet sind, und verdient daher eine Analyse und Kritik.
„Es ist ein Missverständnis der deutschen Geschichte, das Land auf das dreckige Dutzend Jahre von 1933 bis 1945 zu reduzieren. Und fragen wir doch einfach einmal die Nachbarn, was sie von einem destabilisierten Deutschland mitten in Europa halten.“ (http://www.nzz.ch/meinung/kommentare/die-folgen-der-masseneinwanderung-abschied-von-deutschland-aber-von-welchem-ld.16818)

Bis zur Formulierung dieser Kernthese wird ein argumentativer Dreischritt exerziert. Die meisten Migranten, die Deutschland im letzten Jahr erreichten, seien keine „Schutzsuchenden“ sondern „Einwanderer“, die der deutsche Sozialstaat anziehe. Dieser sei mit dieser Einwanderung zweitens überfordert, außerdem drohe bald allerorten Gewalt: „Was unsere Politiker (mit abnehmendem Enthusiasmus) begrüssen, wird das Land mitnichten weltoffener machen – bunter vielleicht, wenn man blaue Flecken dazurechnet.“ Dieser Enthusiasmus erkläre sich aus drittens aus dem eingangs zitierten „Missverständnis“, also einem falschen Geschichtsbild, das es zu korrigieren gelte.

So sei das Kaiserreich kein antisemtischer oder „präfaschistischer Staat“ gewesen, der den Ersten Weltkrieg verursacht habe. Die Weimarer Koalition sei an den Vorbehalten im Bürgertum und an an „der zögernden und zaudernden SPD“ gescheitert, Hitler jedoch nie von der Bevölkerungsmehrheit gewählt worden. Ebenso wenig sei die Zukunft des ‚Dritten Reiches‘ im Frühjahr 1933 abzusehen gewesen. Die Besatzungszeit sei in West- und Ostdeutschland grundlegend anders verlaufen. Auf der einen Seite Sicherheit und Wohlstand nach den „Hungerjahren“, auf der anderen die „Knute Stalins … ein Schicksal, das der sowjetische Teil Deutschlands mit anderen Völkern teilte, wie etwa den Polen, die im Krieg gegen Hitler einen hohen Preis bezahlten und dennoch verloren.“ Die Angst vor dem Atomkrieg habe später zur begrenzten Kooperation zwischen BRD und DDR geführt. (Als Grundlage wird interessanterweise das Trauma des Dreißigjährigen Krieges benannt, also ein weiteres Geschichtsbild bzw. ein weiterer Erinnerungsort.) Nach 1990 sei zwar nicht alles, aber  vieles gelungen und bis zur Flüchtlingskrise habe man ein „entspanntes Land“ gehabt, „das so ziemlich beste Deutschland, das es je gab“.

Nun drängt sich die Frage auf, wo man im Jahr 2016 noch von einem präfaschistischen Kaiserreich hört, einer deutschen Kriegsschuld im Sommer 1914 (verwiesen sei hier auf den Publikumserfolg von Christopher Clark), einer Stimmenmehrheit der Nationalsozialisten oder dem Glauben, bereits 1933 seien die kommenden Verbrechen determiniert gewesen. Daneben irritieren die zitierten Wertungen (die SPD stellte bis 1925 den Reichs- und bis 1932 den preußischen Ministerpräsidenten; Polen, die Tschechoslowakei oder die die Balten hatten die UdSSR eben nicht überfallen), aber auch die Leerstellen.

Jede Geschichtserzählung ist selektiv. Daran zu kritteln, hieße, den Charakter von Geschichte als Deutung zu verkennen. Aber man hätte im Artikel doch gern etwas gelesen zur „Nachweisung der beim Heere befindlichen wehrpflichtigen Juden“ von 1916, vom ‚Preußenschlag‘ 1932 und dem Tag von Potsdam im Jahr darauf, vom Überfall unter anderem auf die Tschechoslowakei, Polen und die Sowjetunion, von den großen Debatten in den ersten drei Nachkriegsjahrzehnten und davon, wie Helmut Kohl am 28. November 1989 das In- und das Ausland mit einem Zehn-Punkte-Programm zur deutschen Einheit überraschte.

Auch diese wichtigen Ereignisse und Entwicklungen in eine solche nationale Meistererzählung aufzunehmen, wäre das Mindeste gewesen.

Darüber hinaus hätte man diesem Kontext auch die Geschichte des Einwanderungslandes Deutschland erzählen können – also von der Arbeitsmigration in die westdeutschen Industriezentren um 1900, von der Aufnahme der ‚Volksdeutschen‘ nach 1918, dem Zwangsarbeitereinsatz während des ‚Dritten Reiches‘ und von den Millionen von Gastarbeitern nach 1950. Thematisierungsbedürftig sind ebenso das Verhältnis zu den Nachbarn und ebenso die Frage, welche Transfers in der populären und der politischen Kultur stattfanden. Was ist an an der deutschen Kultur so deutsch? Eine nationalkonservative Meinung, die in der öffentlichen Debatte ihr gute Daseinsberechtigung hat, wäre  sicherlich erhellend. Doch offenbar fällt Cora Stephan dazu nichts ein.

So recht erschließt sich mir der reichlich allgemein gehaltene Rückgriff auf die Vergangenheit also nicht, zumal auch nirgends versucht wird, nachzuweisen, dass eben dieses Geschichtsbild, gewissermaßen ein Schuldkomplex, die Flüchtlingspolitik im großen Stil beeinflusst.

Und hinsichtlich der Gegenwart dominiert ein Alarmismus, der nur zwei Farben kennt. Politische Entscheidungsfindungen werden zu Fragen des Seins oder Nichtseins. Deutschland schafft sich entweder ab oder es bleibt bestehen. Eine solche Denkschablone, die ähnlich geschnitten übrigens auch im linken Lager teilweise anzutreffen ist (Umwälzung oder Untergang), kennt keine Mittelwege, Alternativen und Kompromisse.

Mich persönlich beschleicht übrigens das Gefühl, dass eben diese Kultur des „Ganz oder gar nicht!“, die nach moralischer Überlegenheit trachtet und jedwede Diskussion über unsere Zukunft verunmöglicht, das eigentliche und schwierige historische Erbe Deutschlands ist.

Aber das ist eine Geschichte, die ein anderes Mal zu erzählen wäre.

Schweizer Gegenwart und Vergangenheit

Auf H-Soz-Kult veröffentlichte Michael Junker (Universität Luzern) eine Rezension zur Dissertation von Philippe Rogger über „Geld, Krieg und Macht“ (Baden 2015). Der Rezensent erläuert darin, wie sich in Vergangenheitsbetrachtungen politische Bedürfnisse der Gegenwart spiegeln. Konkret geht es dabei um das Eidgenössische Söldnerwesen im frühen 16. Jahrhundert, dessen ‚innenpolitsche‘ Wirkung und die ökonomische Einbindung der Schweiz in den Wirtschaftsraum Europa.

http://www.hsozkult.de/review/id/rezbuecher-24928?title=p-rogger-geld-krieg-und-macht&recno=5&q=&sort=&fq=&total=13738

Einen dystopischen Gegenentwurf zum nationalkonservativen Isolationismus der Marke SVP bietet bekanntermaßen Christian Krachts kontrafaktischer Geschichtsroman „Ich werde hier sein im Sonnenschein und Schatten“ aus dem Jahr 2008. Dieser wiederum ist nicht ganz ohne realhistorischen Hintergrund, siehe dazu die Arbeit von Lukas Zürcher, Die Schweiz in Ruanda, Zürich 2013 (rezensiert u.a. von http://www.hsozkult.de/review/id/rezbuecher-21786?title=test-url-titel).

Fantasy aus Japan, die Angelsachsen, die Krim, Austria und Adorno

Assoziationen zu einer Roman-Rezension

In der Neuen Zürcher Zeitung las ich eine sehr positive Rezension zu Kazuo Ishiguros Roman „Der begrabene Riese“ (NZZ, Internationale Ausgabe, 2. Mai 2016, S. 22 – bisher leider noch nicht online). Das Werk handelt von einer Heldenreise und zwar in einem phantastischen aber deutlich angelsächsisch konnotierten Britannnien, in dem ein furchtbarer Drache haust. Eingebettet ist die Geschichte in die Konflikte der Völkerwanderungszeit.

Der Rezensent, Martin Zähringer, sieht in dem Werk letztendlich eine Allegorie auf die Frage, ob „die kollektive Verdrängung eines historischen Massakers ein notwendiger zivilisationsbegründener Akt ist“?

Spontan kamen mir nach der Zeitungslektüre zwei Assoziationen:

Zum einen zu Christoph Ransmayrs Buch „Morbus Kitahara“, das ein Morgenthau-Plan-Land imaginiert, aus dem es nur einen Ausweg gibt. (Hätte ich Ressentiments, spräche ich von einer besonders österreichisch anmutenden Erzählung.)

Zum anderen zu einem Interview, das der Historiker Ulrich M. Schmid vor eineinhalb Jahren mit seinen beiden ukrainischen Kollegen Jaroslaw Hrytsak und Georgi Kasianov  führte (und zwar ebenfalls für die NZZ, veröffentlicht am 4. Oktober 2014 unter: http://www.nzz.ch/feuilleton/versoehnung-durch-amnesie-1.18396566). Hrytsak skizzierte darin zwei Wege der „Versöhnung“: ein „deutsches Modell“ (offenbar das der „Vergangenheitsaufarbeitung“) sowie ein spanisches, das auf „Amnesie“ abziele. Unabhängig davon, dass ich Hermann Lübbe und sein Raunen vom kommunikativen Schweigen der Nachkriegszeit nirgends trapsen höre und auch nicht Theodor W. Adornos entschiedene Zweifel an der Aufarbeitung; ebenso unabhängig davon, dass die nationalsozialistischen Verbrechen doch defintiv andere Dimensionen hatten (eben genozidal waren), kurzum: Unabhängig davon, dass ich Hrytsaks Argumentation nicht teile – Kalauer vermeide ich hier bewusst -, scheinen mir die Grundfragen erschreckend und spannend zugleich: Wie viel Amnesie braucht es in der Gegenwart? Ist diese Amnesie dann Ausdruck des (tendenziell passiven) Vergessens oder des (tendenziell aktiven) Verdrängens? Und in welcher Generation vollziehen sich diese Schritte?

Womit wir dann wieder bei Adorno wären und ich persönlich bei der letzten Frage, wann ich Zeit finde für den soeben entdeckten Artikel Ben Watsons über „Fantasy and Judgement. Adorno,Tolkien, Burroughs“ (Historical Materialism, 10/4 (2002), S. 213 – 238). Kazuo Ishiguros Roman interessiert mich zugegebenermaßen deutlich weniger – obschon der Titel ja durchaus inspiriert.

 

Nachtrag: Jaroslaw Hrytsak argumentiert freilich in Bezug auf die gegenwärtige Lage in der (Ost-)Ukraine und entwickelt gewissermaßen zwei geschichtspolitische Optionen. Da er dabei idealtypisierend verfährt, geht meine (‚empirische‘) Kritik wohl zum Teil ins Leere.

Schulklassen in die Museen!

Barbara Welzel (TU Dortmund) erklärt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, was Museumsbesuche gerade bei Nichtbildungsbürgern bewirken können: Überlieferungen zu überdenken und an künftigen Auswahlentscheidungen teilzuhaben.

http://www.faz.net/-gqz-8gdbx