Anmerkungen zu einer nationalkonservativen Betrachtungsweise deutscher Geschichte

Die Publizistin, Schriftstellerin und Historikerin Cora Stephan behauptet in der NZZ, die deutsche Flüchtkingspolitik folge einem falschen Geschichtsbild. Ich sehe das ganz anders und erkläre, warum der Ansatz falsch gewählt ist.

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In ihrer Ausgabe vom 3. Mai 2016 druckte die Neue Zürcher Zeitung einen Gastkommentar der Publizistin, Romanautorin und promovierten Historikerin Cora Stephan. Unter dem Titel „Abschied von Deutschland – aber von welchem?“ will sie den Einfluss eines spezifischen Geschichtsbildes auf die deutsche Flüchtlingspolitik beschreiben. Der Kommentar artikuliert Ressentiments, die in meinen Augen weit verbreitet sind, und verdient daher eine Analyse und Kritik.
„Es ist ein Missverständnis der deutschen Geschichte, das Land auf das dreckige Dutzend Jahre von 1933 bis 1945 zu reduzieren. Und fragen wir doch einfach einmal die Nachbarn, was sie von einem destabilisierten Deutschland mitten in Europa halten.“ (http://www.nzz.ch/meinung/kommentare/die-folgen-der-masseneinwanderung-abschied-von-deutschland-aber-von-welchem-ld.16818)

Bis zur Formulierung dieser Kernthese wird ein argumentativer Dreischritt exerziert. Die meisten Migranten, die Deutschland im letzten Jahr erreichten, seien keine „Schutzsuchenden“ sondern „Einwanderer“, die der deutsche Sozialstaat anziehe. Dieser sei mit dieser Einwanderung zweitens überfordert, außerdem drohe bald allerorten Gewalt: „Was unsere Politiker (mit abnehmendem Enthusiasmus) begrüssen, wird das Land mitnichten weltoffener machen – bunter vielleicht, wenn man blaue Flecken dazurechnet.“ Dieser Enthusiasmus erkläre sich aus drittens aus dem eingangs zitierten „Missverständnis“, also einem falschen Geschichtsbild, das es zu korrigieren gelte.

So sei das Kaiserreich kein antisemtischer oder „präfaschistischer Staat“ gewesen, der den Ersten Weltkrieg verursacht habe. Die Weimarer Koalition sei an den Vorbehalten im Bürgertum und an an „der zögernden und zaudernden SPD“ gescheitert, Hitler jedoch nie von der Bevölkerungsmehrheit gewählt worden. Ebenso wenig sei die Zukunft des ‚Dritten Reiches‘ im Frühjahr 1933 abzusehen gewesen. Die Besatzungszeit sei in West- und Ostdeutschland grundlegend anders verlaufen. Auf der einen Seite Sicherheit und Wohlstand nach den „Hungerjahren“, auf der anderen die „Knute Stalins … ein Schicksal, das der sowjetische Teil Deutschlands mit anderen Völkern teilte, wie etwa den Polen, die im Krieg gegen Hitler einen hohen Preis bezahlten und dennoch verloren.“ Die Angst vor dem Atomkrieg habe später zur begrenzten Kooperation zwischen BRD und DDR geführt. (Als Grundlage wird interessanterweise das Trauma des Dreißigjährigen Krieges benannt, also ein weiteres Geschichtsbild bzw. ein weiterer Erinnerungsort.) Nach 1990 sei zwar nicht alles, aber  vieles gelungen und bis zur Flüchtlingskrise habe man ein „entspanntes Land“ gehabt, „das so ziemlich beste Deutschland, das es je gab“.

Nun drängt sich die Frage auf, wo man im Jahr 2016 noch von einem präfaschistischen Kaiserreich hört, einer deutschen Kriegsschuld im Sommer 1914 (verwiesen sei hier auf den Publikumserfolg von Christopher Clark), einer Stimmenmehrheit der Nationalsozialisten oder dem Glauben, bereits 1933 seien die kommenden Verbrechen determiniert gewesen. Daneben irritieren die zitierten Wertungen (die SPD stellte bis 1925 den Reichs- und bis 1932 den preußischen Ministerpräsidenten; Polen, die Tschechoslowakei oder die die Balten hatten die UdSSR eben nicht überfallen), aber auch die Leerstellen.

Jede Geschichtserzählung ist selektiv. Daran zu kritteln, hieße, den Charakter von Geschichte als Deutung zu verkennen. Aber man hätte im Artikel doch gern etwas gelesen zur „Nachweisung der beim Heere befindlichen wehrpflichtigen Juden“ von 1916, vom ‚Preußenschlag‘ 1932 und dem Tag von Potsdam im Jahr darauf, vom Überfall unter anderem auf die Tschechoslowakei, Polen und die Sowjetunion, von den großen Debatten in den ersten drei Nachkriegsjahrzehnten und davon, wie Helmut Kohl am 28. November 1989 das In- und das Ausland mit einem Zehn-Punkte-Programm zur deutschen Einheit überraschte.

Auch diese wichtigen Ereignisse und Entwicklungen in eine solche nationale Meistererzählung aufzunehmen, wäre das Mindeste gewesen.

Darüber hinaus hätte man diesem Kontext auch die Geschichte des Einwanderungslandes Deutschland erzählen können – also von der Arbeitsmigration in die westdeutschen Industriezentren um 1900, von der Aufnahme der ‚Volksdeutschen‘ nach 1918, dem Zwangsarbeitereinsatz während des ‚Dritten Reiches‘ und von den Millionen von Gastarbeitern nach 1950. Thematisierungsbedürftig sind ebenso das Verhältnis zu den Nachbarn und ebenso die Frage, welche Transfers in der populären und der politischen Kultur stattfanden. Was ist an an der deutschen Kultur so deutsch? Eine nationalkonservative Meinung, die in der öffentlichen Debatte ihr gute Daseinsberechtigung hat, wäre  sicherlich erhellend. Doch offenbar fällt Cora Stephan dazu nichts ein.

So recht erschließt sich mir der reichlich allgemein gehaltene Rückgriff auf die Vergangenheit also nicht, zumal auch nirgends versucht wird, nachzuweisen, dass eben dieses Geschichtsbild, gewissermaßen ein Schuldkomplex, die Flüchtlingspolitik im großen Stil beeinflusst.

Und hinsichtlich der Gegenwart dominiert ein Alarmismus, der nur zwei Farben kennt. Politische Entscheidungsfindungen werden zu Fragen des Seins oder Nichtseins. Deutschland schafft sich entweder ab oder es bleibt bestehen. Eine solche Denkschablone, die ähnlich geschnitten übrigens auch im linken Lager teilweise anzutreffen ist (Umwälzung oder Untergang), kennt keine Mittelwege, Alternativen und Kompromisse.

Mich persönlich beschleicht übrigens das Gefühl, dass eben diese Kultur des „Ganz oder gar nicht!“, die nach moralischer Überlegenheit trachtet und jedwede Diskussion über unsere Zukunft verunmöglicht, das eigentliche und schwierige historische Erbe Deutschlands ist.

Aber das ist eine Geschichte, die ein anderes Mal zu erzählen wäre.

Schweizer Gegenwart und Vergangenheit

Auf H-Soz-Kult veröffentlichte Michael Junker (Universität Luzern) eine Rezension zur Dissertation von Philippe Rogger über „Geld, Krieg und Macht“ (Baden 2015). Der Rezensent erläuert darin, wie sich in Vergangenheitsbetrachtungen politische Bedürfnisse der Gegenwart spiegeln. Konkret geht es dabei um das Eidgenössische Söldnerwesen im frühen 16. Jahrhundert, dessen ‚innenpolitsche‘ Wirkung und die ökonomische Einbindung der Schweiz in den Wirtschaftsraum Europa.

http://www.hsozkult.de/review/id/rezbuecher-24928?title=p-rogger-geld-krieg-und-macht&recno=5&q=&sort=&fq=&total=13738

Einen dystopischen Gegenentwurf zum nationalkonservativen Isolationismus der Marke SVP bietet bekanntermaßen Christian Krachts kontrafaktischer Geschichtsroman „Ich werde hier sein im Sonnenschein und Schatten“ aus dem Jahr 2008. Dieser wiederum ist nicht ganz ohne realhistorischen Hintergrund, siehe dazu die Arbeit von Lukas Zürcher, Die Schweiz in Ruanda, Zürich 2013 (rezensiert u.a. von http://www.hsozkult.de/review/id/rezbuecher-21786?title=test-url-titel).

Fantasy aus Japan, die Angelsachsen, die Krim, Austria und Adorno

Assoziationen zu einer Roman-Rezension

In der Neuen Zürcher Zeitung las ich eine sehr positive Rezension zu Kazuo Ishiguros Roman „Der begrabene Riese“ (NZZ, Internationale Ausgabe, 2. Mai 2016, S. 22 – bisher leider noch nicht online). Das Werk handelt von einer Heldenreise und zwar in einem phantastischen aber deutlich angelsächsisch konnotierten Britannnien, in dem ein furchtbarer Drache haust. Eingebettet ist die Geschichte in die Konflikte der Völkerwanderungszeit.

Der Rezensent, Martin Zähringer, sieht in dem Werk letztendlich eine Allegorie auf die Frage, ob „die kollektive Verdrängung eines historischen Massakers ein notwendiger zivilisationsbegründener Akt ist“?

Spontan kamen mir nach der Zeitungslektüre zwei Assoziationen:

Zum einen zu Christoph Ransmayrs Buch „Morbus Kitahara“, das ein Morgenthau-Plan-Land imaginiert, aus dem es nur einen Ausweg gibt. (Hätte ich Ressentiments, spräche ich von einer besonders österreichisch anmutenden Erzählung.)

Zum anderen zu einem Interview, das der Historiker Ulrich M. Schmid vor eineinhalb Jahren mit seinen beiden ukrainischen Kollegen Jaroslaw Hrytsak und Georgi Kasianov  führte (und zwar ebenfalls für die NZZ, veröffentlicht am 4. Oktober 2014 unter: http://www.nzz.ch/feuilleton/versoehnung-durch-amnesie-1.18396566). Hrytsak skizzierte darin zwei Wege der „Versöhnung“: ein „deutsches Modell“ (offenbar das der „Vergangenheitsaufarbeitung“) sowie ein spanisches, das auf „Amnesie“ abziele. Unabhängig davon, dass ich Hermann Lübbe und sein Raunen vom kommunikativen Schweigen der Nachkriegszeit nirgends trapsen höre und auch nicht Theodor W. Adornos entschiedene Zweifel an der Aufarbeitung; ebenso unabhängig davon, dass die nationalsozialistischen Verbrechen doch defintiv andere Dimensionen hatten (eben genozidal waren), kurzum: Unabhängig davon, dass ich Hrytsaks Argumentation nicht teile – Kalauer vermeide ich hier bewusst -, scheinen mir die Grundfragen erschreckend und spannend zugleich: Wie viel Amnesie braucht es in der Gegenwart? Ist diese Amnesie dann Ausdruck des (tendenziell passiven) Vergessens oder des (tendenziell aktiven) Verdrängens? Und in welcher Generation vollziehen sich diese Schritte?

Womit wir dann wieder bei Adorno wären und ich persönlich bei der letzten Frage, wann ich Zeit finde für den soeben entdeckten Artikel Ben Watsons über „Fantasy and Judgement. Adorno,Tolkien, Burroughs“ (Historical Materialism, 10/4 (2002), S. 213 – 238). Kazuo Ishiguros Roman interessiert mich zugegebenermaßen deutlich weniger – obschon der Titel ja durchaus inspiriert.

 

Nachtrag: Jaroslaw Hrytsak argumentiert freilich in Bezug auf die gegenwärtige Lage in der (Ost-)Ukraine und entwickelt gewissermaßen zwei geschichtspolitische Optionen. Da er dabei idealtypisierend verfährt, geht meine (‚empirische‘) Kritik wohl zum Teil ins Leere.

Schulklassen in die Museen!

Barbara Welzel (TU Dortmund) erklärt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, was Museumsbesuche gerade bei Nichtbildungsbürgern bewirken können: Überlieferungen zu überdenken und an künftigen Auswahlentscheidungen teilzuhaben.

http://www.faz.net/-gqz-8gdbx

Musical über historischen Finanzminister auf Monate ausverkauft

Ronald D. Gerste berichtet in der Neuen Zürcher Zeitung davon, wie ein puerto-ricanischer Rapper an einen fast vergessenen Gründervater der Vereinigten Staaten erinnert – und wie diese begeistert aufgenommene Geschichte Sehnsüchte in Zeiten Trumps und Clintons artikuliert.

http://www.nzz.ch/feuilleton/buehne/hamilton-in-new-york-ein-musical-erobert-amerika-ld.16900