Helmut Kohl, das Ende der Bonner und die Geschichtskultur der Berliner Republik

Was seine Beerdigung über Deutschland und Europa verraten könnte

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Helmut Kohl ist gestorben und mit ihm die Ära der Bonner Republik – so war es lagerübergreifend zu lesen:

Einen Politiker wie Kohl gibt es nicht mehr. Mit seiner Kanzlerschaft ging eine Ära der Nachkriegspolitik zu Ende: die Ära der Staatsmänner, deren ganzes Sinnen und Trachten auf ein vereintes Europa gerichtet war, weil sie selbst noch erlebt hatten, was die Europäer einander antun können. Kohl wollte die Einheit Deutschlands in Frieden und Freiheit. Er trug vor achtundzwanzig Jahren wie kein Zweiter dazu bei, dass den Deutschen dieses dreifache Glück zuteil wurde.

Ähnlich wie der hier zitierte Berthold Kohler, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, urteilte in einer ersten Reaktion am Freitagabend auch Bettina Gaus für die taz:

Helmut Kohl verkörperte den letzten Abschnitt der westdeutschen Geschichte – und den ersten Abschnitt der Geschichte des vereinigten Deutschlands. Wie kein anderer Regierungschef der deutschen Nachkriegszeit wurde er zum Prototyp des Machtpolitikers, an dem niemand vorbeikam und dem niemand gefährlich werden konnte.

Als das Leitmedium, das „stets ein besonderes Interesse an den Grünen hatte“ (so Gaus Anfang April), scheint die taz offenbar besonders mitgenommen vom Tode des Altkanzlers und entschuldigte sich inzwischen für ihr pietätloses Titelblatt vom Samstag.

Man könnte jetzt von Vaterkomplexen ausgehen, oder aber, mit Axel Schildt, eine allgemeinere Tendenz bei der Historisierung der Bonner Republik erkennen. Der Hamburger Historiker konstatierte 2011 in einem Beitrag für Aus Politik und Zeitgeschichte einen Hang zur Personalisierung von Geschichte:

Es ist faktisch nicht abzustreiten, dass – gemessen an der Ausgangslage – die „alte Bundesrepublik“ einen erfolgreichen Weg beschritten hatte. Dass daraus zum einen keine Glorifizierung der Akteure folgen muss, zum anderen auch innerhalb der „Erfolgsgeschichte“ falsche Weichenstellungen vorgenommen wurden, der Erfolg nicht zum Nulltarif zustande kam und außerdem die Feststellung des Erfolgs keine Garantie für dessen Fortsetzung in der Zukunft, sondern allenfalls eine Ressource für kommende Krisen sein mag, ist oft genug gesagt worden.

Elf Jahre zuvor hatte Schildt noch über fünf Möglichkeiten geschrieben, eine/die Geschichte der Bonner Republik zu schreiben – unabhängig von Einzelpersonen und auf strukturellerer Ebene. Die alte Bundesrepublik bis 1990 können demnach erscheinen als:

  • Erfolgsgeschichte: Die Bonner Republik ist ein Muster politischer Stabilität.
  • Misserfolgsgeschichte: Die Bonner Republik ist geprägt von der Nichtverarbeitung des NS-Unrechts, bzw. ein restauratives Projekt.
  • Modernisierungsgeschichte: Die Bonner Republik der 1980er-Jahre war das Ergebnis umfangreicher soziologischer Umwandlungen.
  • Belastungsgeschichte: Die Bonner Republik hat u.a. durch „1968“ die Ausgangslage, die „düsteren“ 1950er-Jahre, überwunden. (Gewissermaßen eine verspätete Erfolgsgeschichte?)
  • Westernisierungsgeschichte: Die Bonner Republik ist im transatlantischen Wertesystem angekommen.

Zwei Jahrzehnte später kommt noch eine weitere Erzählmöglichkeit in Frage (siehe etwa eine Ringvorlesungsreihe an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf aus dem letzten Wintersemester): Nämlich jene, die nach der (Selbst-)Repräsentation der Bonner Republik fragt. Wie sah ‚Bonn‘ sich im Vergleich zu ‚Weimar‘? Wie war nicht nur das Verhältnis zum ‚Dritten Reich‘, sondern auch zum Kaiserreich und zum Alten Reich?

Schließlich: Wie erinnert die Berliner Republik an die Bonner Republik? Wo knüpft sie an die Zeit am Rhein an, wo distanziert sie sich von ihr?

Damit wären wir wieder bei Helmut Kohl – beziehungsweise bei einem Vorschlag, den sein politischer Wegfährte Jean-Claude Juncker unterbreitet hat: Kohl verdiene als Erster einen europäischen Staatsakt. Sein Leichnam soll dem Vorschlag des EU-Kommissionspräsidenten zufolge von Straßburg/Strasbourg über den Rhein nach Speyer überführt werden.

Käme es zu dieser Zeremonie auf dem  Rhein, wäre das in mehr als einer Hinsicht von großer symbolischer Bedeutung. Ging es doch Kohl, und was wäre in Zeiten Trumps und des Brexits naheliegender, daran zu erinnern, um „die Konstruktion eines in Opposition zum anglophonen Kapitalismus – auch dies eine vereinfachende Konstruktion – stehenden „rheinischen Kapitalismus“.  Außerdem wurde schon einmal ein Bundeskanzler auf diesem „Schicksalsstrom“ überführt: Konrad Adenauer im Jahr 1963, der erste Kanzler der Bonner Republik. Damit würde sich ein Kreis schließen. Aber auch die Frage stellen, ob jemals ein Kanzler/eine Kanzlerin der Berliner Republik am Rhein das letzte Geleit erführe?

 

Elefant fällt aus der Schwebebahn…

Wuppertal Friedrich-Engels-Allee 0008[Ein Wandgemälde Erika Nagels in der Nähe des ‚Tatortes‘; Atamari für WikiCommons; CC-BY-SA-3.0]

… in die Wupper und überlebt. Es geschah wirklich, am 21. Juli 1950.

Leider existieren keine Bilder – mittlerweile aber zahlreiche Souvenirs, künstlerische Verarbeitungen und eine Kakao-Marke. Nachzulesen ist das Ganze in der Wikipedia.

 

Nachtrag (16.03.2017):

Kollege T. unterbreitet derweil einen Verbesserungsvorschlag für den Beitragstitel: „Vor Schnappi kam Tuffi“.

Rio Reisers Todestag

Als seine Freunde am 1. September Abschied nahmen, wurde auch ein  Kapitel deutscher Musikgeschichte zu Grabe getragen. Zerissen zwischen revolutionärem Anspruch und den kommerziellen Realitäten, verkörpert Rio selbst in seinem Scheitern ein deutsches Schicksal.

(Rolling Stone 10/1996, zitiert nach der Scherbenfamily)

Rio Reisers Werk – und das der ihn umgebenden Scherben – ist historisch. Sei es als Quelle („Keine Macht für Niemand„), sei als Produkt der Vergangenheitsbewältigung („Ich will nicht werden, was mein Alter ist„), sei es als Fortschreibung hegelianischer Geschichtsphilosophie („Der Traum ist aus„). Und er ist selbst, wie wir oben sehen bereits kurz nach seinem Tode, zu einer geschichtskulturellen Ikone (v)erklärt worden.

Vor zwanzig Jahren ist Rio Reiser gestorben. In der taz erinnern sich Wegfährten und Freude an ihn.

Ob er, wie der eingangs zitierte Rolling Stone meinte, tatsächlich gescheitert ist, wage ich zu bezweifeln. Rio Reiser dürfte nämlich der wohl meistgecoverteste Liedermacher (sprich: deutschsprachig) der letzten beiden Jahrzehnte gewesen sein. In meinen Ohren klingen die meisten Interpretationen leider ziemlich mies. Aber Grönemeyers „Übers Meer“ – gesungen auf der erwähnten Abschiedsfeier – hat doch etwas für sich:

München, Punks und der Sommer von 1981

Bundesarchiv B 145 Bild-F054524-0019, München, CSU-Wahlkongress, Strauß
[Feindbild der Aktivisten: Franz-Josef Strauß; Bundesarchiv, B 145 Bild-F054524-001, CC-BY-SA 3.0]

Der Bayerische Rundfunk sendete am Samstag ein Radio-Feature über ein fast vergessenes Kapitel der Bonner Republik: die Jugendrevolte „Freizeit 81“ in München (hier nachzuhören oder für die Smartphonenutzer lieber hier). Es geht um Atomkraft, Mietpreissteigerung, Oktoberfestattentat und NATO-Doppelbeschluss, aber eben auch um linksradikale Gewalt; es geht um Ideale und die Frage, was aus ihnen wurde – und um eine Subkultur, deren Codes heute den Mainstream prägen und deren Techniken das Bloggen vorwegnahmen. Dazu gibt’s noch ne Menge tolle Musik. Anspieltipp!

 

71 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges

Unrunde Jahrestage machen nachdenklich. Eine kleine Analyse über die Bonner Republik und ihre Schwierigkeit, an den 8. Mai 1945 zu erinnern.

V-E-Day Stars and Stripes No 285 Paris 8 May 1945[The Stars and Stripes, die Zeitung der US-Armee, vom 8. Mai 1945 (Ausgabe Paris); Foto: US Army, gemeinfrei]

Am 7. Mai 1945 unterzeichnete Generaloberst Alfred Jodl in Reims die bedingungslose Kapitulation des Deutschen Reiches. Ab dem 8. Mai 1945, 23.01 Uhr, sollten alle Kampfhandlungen in Europa eingestellt werden. Seitdem feiert man in Westeuropa und Nordamerika am 8. Mai als „Tag der Befreiung“. In Moskau wurde die Kapitulation erst einen Tag später verkündet, sodass in der Sowjetunion und auch heute in Russland der 9. Mai als eigentlicher Jahrestag des Kriegsendes gilt. (Und nein, das ist keine kalendarische Petitesse, sondern Ausdruck des Streits darüber, welcher Nation der Verdienst gebührt, das ‚Dritte Reich‘ niedergerungen zu haben. Passender Nachtrag vom 9. Mai 2016: http://www.faz.net/-gpc-8guc1)

In Deutschland war dieser Jahrestag lange umstritten. So recht funktionierte die Befreiungslogik nicht für diejenigen, die den 8. Mai 1945 als Zeitzeugen erlebt hatten. Warum das so war/ist/sein wird, erklärte Reinhart Koselleck vor einigen Jahren in seinem kurzen Text „Der 8. Mai zwischen Erinnerung und Geschichte“ (wiederabgedruckt in: Reinhart Koselleck, Vom Sinn und Unsinn der Geschichte, hrsg. von Carsten Dutt, Berlin 2010, S. 254-265).

Erstens gebe es ein Problem der Nachvollziehbarkei von Ereignissen. Koselleck spricht von „Eigenerfahrungen“, die „in den Leib gebrannte Erfahrungen“ seien, welche nur die Zeitzeugen haben können. Sie „verschließen sich dem Nachbarn, mehr noch den Nachgeborenen.“ (255) Die Nachgeborenen haben demnach nur „Sekundärerinnerungen“, „erlernte Wissensbestände über Erinnerung und Erfahrung jener Menschen, deren Eigenerfahrung eben nicht erlernbar sind.“ (256) (Ob dieses Modell tatsächlich tragfähig ist, werde ich wohl im theoretischen Teil meiner Dissertation untersuchen.)

Was sich damit abzeichnet – Koselleck argumentiert nicht ganz so explizit, und ich fasse nun im Folgenden zusammen -, ist ein Konflikt zwischen zwei Modi des Erinnerns oder vielmehr ein Generationenkonflikt zwischen denjenigen, die den Krieg erlebt haben und den Nachgeborenen. Die Krux liegt eben darin, dass es soziologisch betrachtet kein „Handlungssubjekt“ gibt (im Sinne etwa des deutschen Volkes), das sich ‚wirklich‘ erinnern könnte, sondern immer nur „kollektive Bedingungen der je eigenen Erinnerungen“ (257). Eben um diese Bedingungen wird geschichtspolitisch gestritten.

Im Hinblick auf die „Eigenerfahrungen“ führt Koselleck dann zweitens aus, wie unterschiedlich diese am 8. Mai 1945 waren. Auszumachen sind dabei drei Gruppen: „Die Überlebenden des deutschen Terrorsystems fanden sich, einmal befreit, auf seiten der Sieger. Sie selbst zu den ‚Siegern‘ zu zählen, verbietet sich. Hiergegen sprechen die völlig anderen Erfahrungsgehalte derjenigen, die dem Terror entkommen sind. Und eben deshalb verbietet es sich, die Deutschen, einmal besiegt, zu den in gleicher Weise Befreiten zu rechnen.“ (259) Denn ihre Opfer seien lange Zeit „aktiv“ gewesen, „gedacht für das Vaterland“ und nicht „passiv erlittene“ (259).

Koselleck benennt noch eine dritte Schwierigkeit: Das auch Deutsche Opfer wurden im Kontext von Flucht und Vertreibung, der Luftangriffe sowie der Vergewaltigungen. Im Fall der – nach seiner Zählung – 18 Millionen Vertriebenen „von ‚Befreiung‘ zu sprechen“ sei unangemessen. „Besiegte waren sie allemal, oft dafür haftend, was andere an Verbrechen begangen hatten, einer Rache ausgeliefert für Taten, die nicht die ihren waren.“ (261) (Kosellecks Familie stammte übrigens aus Schlesien, er selbst verbrachte einige Monate in sowjetischer Kriegsgefangenschaft – er schrieb eben auch über die eigenen, „in den Leib gebrannten“ Erfahrungen.)

So viel zur grundsätzlichen Problemlage und zur Frage, warum der 8. Mai in Westdeutschland nie wirklich gefeiert wurde. In der DDR handelt es sich zwischen 1950 bis 1967 (!) und nochmals 1985 um einen gesetzlichen Feiertag. In der BRD hielten die Bundespräsidenten Heinemann (1970), Scheel (1975) und Weizsäcker (1985) Reden zum Jahrestag. Heinemanns Rede ist, soweit ich das überblicke, so gut wie vergessen. An Scheels Rede erinnert immerhin noch seine Partei (https://www.liberale.de/content/walter-scheel-spricht-als-bundespraesident-ueber-den-8-mai-1945). Weizsäckers Ansprache dagegen „gilt als eine der wichtigsten Reden der deutschen Nachkriegszeit“ (http://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/205925/befreiung-vom-nationalsozialismus).

Ernst-von-Weizsäcker[Richard von Weizsäcker (links) im Alter von 28 Jahren als Strafverteidiger seines Vaters Ernst von Weizsäcker (rechts) während des Wilhelmstraßen-Prozesses; Foto: Telford Taylor Papers, gemeinfrei]

Ich verzichte an dieser Stelle auf eine längere Analyse. Der Schlüsselsatz jedenfalls lautete: „Und dennoch wurde von Tag zu Tag klarer, was es heute für uns alle gemeinsam zu sagen gilt: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“ (http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Richard-von-Weizsaecker/Reden/1985/05/19850508_Rede.html)

So furchtbar neu war das alles gar nicht, die Amtsvorgänger Heinemann und Scheel (und davor noch Heuss) hatten sich schon ähnlich geäußert. Dass Weizsäckers Rede eine solche Wirkung hatte, liegt vielmehr an ihren Umständen: Erstens hatte sich endgültig ein Generationenwandel vollzogen. Der Bundeskanzler war 1945 noch minderjährig gewesen, die Weltkriegsteilnehmer verabschiedeten sich allmählich in Pension und Rente. Zweitens gehörte Richard von Weizsäcker eben noch zu dieser Generation, er verfügte über reichlich Eigenerfahrung: als Wehrmachtsoffizier, Diplomatensohn und Strafverteidiger im Wilhelmstraßen-Prozess. Einen besseren (da nationalkonservativen Kreisen unverdächtigeren) Eisbrecher hätte man kaum finden können. Drittens formulierte der Bundespräsident eine Art Minimalkonsens in geschichtspolitisch turbulenten Zeiten. Dem sozial-liberalen Lager, das 1982/83 in Bonn die Mehrheit verloren hatte, graute es vor der „geistig-moralischen Wende“, die Bundeskanzler Kohl angekündigt hatte.

Ehrenfriedhof bitburg[Ehrenfriedhof in Bitburg; Foto: Smiss für Wiki Commons, gemeinfrei]

Drei Tage vor Weizsäckers Rede, am 5. Mai 1985, hatte der Bundeskanzler gemeinsam mit dem US-Präsidenten Ronald Reagan die Kriegsgräberstätte Bitburg besucht und einen Kranz niedergelegt. Pikanterweise waren in Bitburg jedoch auch Mitglieder der Waffen-SS bestattet worden… (https://de.wikipedia.org/wiki/Bitburg-Kontroverse) Die Angst vor einem Rückfall in Sachen „Vergangenheitsaufarbeitungen“ war ein ganz zentrales Thema der späten Bonner Republik (siehe dazu auch https://docupedia.de/zg/Historikerstreit).

Wie sieht es heute aus, in der Berliner Republik, 71 Jahre nach dem Kriegsende?

Ich habe heute um 15.30 Uhr die Homepages der auflagenstarken, überregionalen deutschen Zeitungen abgesucht. Weder taz, noch SZ, Zeit, Welt und FAZ haben einschlägige Berichte auf der Frontseite. Spiegel online bringt aber eine spannendes Gespräch mit Matthias Lohre: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/zweiter-weltkrieg-die-folgen-fuer-die-nachkriegskinder-a-1091027.html

Auch dieses Interview handelt davon, wie viel der Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg von der (alten) Bundesrepublik verrät.

 

Addenda:

http://www.tagesspiegel.de/meinung/8-mai-1945-ein-ende-das-ein-anfang-war/1817120.html (tolle Einführung aus dem Jahr 2010)

http://www.tagesspiegel.de/politik/die-deutschen-wissen-heute-wohl/606844.html (nochmals speziell zu den Bundespräsidenten)