1972 und die Gegenwart

Die Neue Zürcher Zeitung berichtetet von einem diplomatischen Vorstoß des serbischen Präsidenten Aleksandar Vucic: Er fordert eine Beilegung des seit 1912 schwelenden Konfliktes um die Unabhängigkeit des Kosovo. Als Vorbild soll der Grundlagenvertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR dienen, der 1972 abgeschlossen wurde. (Ein Blick in das Urteil des Bundesverfasssungsgerichts vom 31. Juli 1973 lässt den Vorbildcharakter m.E. indessen etwas fraglich erscheinen…)

Helmut Kohl, das Ende der Bonner und die Geschichtskultur der Berliner Republik

Was seine Beerdigung über Deutschland und Europa verraten könnte

Helmut Kohl ist gestorben und mit ihm die Ära der Bonner Republik – so war es lagerübergreifend zu lesen:

Einen Politiker wie Kohl gibt es nicht mehr. Mit seiner Kanzlerschaft ging eine Ära der Nachkriegspolitik zu Ende: die Ära der Staatsmänner, deren ganzes Sinnen und Trachten auf ein vereintes Europa gerichtet war, weil sie selbst noch erlebt hatten, was die Europäer einander antun können. Kohl wollte die Einheit Deutschlands in Frieden und Freiheit. Er trug vor achtundzwanzig Jahren wie kein Zweiter dazu bei, dass den Deutschen dieses dreifache Glück zuteil wurde.

Ähnlich wie der hier zitierte Berthold Kohler, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, urteilte in einer ersten Reaktion am Freitagabend auch Bettina Gaus für die taz:

Helmut Kohl verkörperte den letzten Abschnitt der westdeutschen Geschichte – und den ersten Abschnitt der Geschichte des vereinigten Deutschlands. Wie kein anderer Regierungschef der deutschen Nachkriegszeit wurde er zum Prototyp des Machtpolitikers, an dem niemand vorbeikam und dem niemand gefährlich werden konnte.

Als das Leitmedium, das „stets ein besonderes Interesse an den Grünen hatte“ (so Gaus Anfang April), scheint die taz offenbar besonders mitgenommen vom Tode des Altkanzlers und entschuldigte sich inzwischen für ihr pietätloses Titelblatt vom Samstag.

Man könnte jetzt von Vaterkomplexen ausgehen, oder aber, mit Axel Schildt, eine allgemeinere Tendenz bei der Historisierung der Bonner Republik erkennen. Der Hamburger Historiker konstatierte 2011 in einem Beitrag für Aus Politik und Zeitgeschichte einen Hang zur Personalisierung von Geschichte:

Es ist faktisch nicht abzustreiten, dass – gemessen an der Ausgangslage – die „alte Bundesrepublik“ einen erfolgreichen Weg beschritten hatte. Dass daraus zum einen keine Glorifizierung der Akteure folgen muss, zum anderen auch innerhalb der „Erfolgsgeschichte“ falsche Weichenstellungen vorgenommen wurden, der Erfolg nicht zum Nulltarif zustande kam und außerdem die Feststellung des Erfolgs keine Garantie für dessen Fortsetzung in der Zukunft, sondern allenfalls eine Ressource für kommende Krisen sein mag, ist oft genug gesagt worden.

Elf Jahre zuvor hatte Schildt noch über fünf Möglichkeiten geschrieben, eine/die Geschichte der Bonner Republik zu schreiben – unabhängig von Einzelpersonen und auf strukturellerer Ebene. Die alte Bundesrepublik bis 1990 können demnach erscheinen als:

  • Erfolgsgeschichte: Die Bonner Republik ist ein Muster politischer Stabilität.
  • Misserfolgsgeschichte: Die Bonner Republik ist geprägt von der Nichtverarbeitung des NS-Unrechts, bzw. ein restauratives Projekt.
  • Modernisierungsgeschichte: Die Bonner Republik der 1980er-Jahre war das Ergebnis umfangreicher soziologischer Umwandlungen.
  • Belastungsgeschichte: Die Bonner Republik hat u.a. durch „1968“ die Ausgangslage, die „düsteren“ 1950er-Jahre, überwunden. (Gewissermaßen eine verspätete Erfolgsgeschichte?)
  • Westernisierungsgeschichte: Die Bonner Republik ist im transatlantischen Wertesystem angekommen.

Zwei Jahrzehnte später kommt noch eine weitere Erzählmöglichkeit in Frage (siehe etwa eine Ringvorlesungsreihe an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf aus dem letzten Wintersemester): Nämlich jene, die nach der (Selbst-)Repräsentation der Bonner Republik fragt. Wie sah ‚Bonn‘ sich im Vergleich zu ‚Weimar‘? Wie war nicht nur das Verhältnis zum ‚Dritten Reich‘, sondern auch zum Kaiserreich und zum Alten Reich?

Schließlich: Wie erinnert die Berliner Republik an die Bonner Republik? Wo knüpft sie an die Zeit am Rhein an, wo distanziert sie sich von ihr?

Damit wären wir wieder bei Helmut Kohl – beziehungsweise bei einem Vorschlag, den sein politischer Wegfährte Jean-Claude Juncker unterbreitet hat: Kohl verdiene als Erster einen europäischen Staatsakt. Sein Leichnam soll dem Vorschlag des EU-Kommissionspräsidenten zufolge von Straßburg/Strasbourg über den Rhein nach Speyer überführt werden.

Käme es zu dieser Zeremonie auf dem  Rhein, wäre das in mehr als einer Hinsicht von großer symbolischer Bedeutung. Ging es doch Kohl, und was wäre in Zeiten Trumps und des Brexits naheliegender, daran zu erinnern, um „die Konstruktion eines in Opposition zum anglophonen Kapitalismus – auch dies eine vereinfachende Konstruktion – stehenden „rheinischen Kapitalismus“.  Außerdem wurde schon einmal ein Bundeskanzler auf diesem „Schicksalsstrom“ überführt: Konrad Adenauer im Jahr 1963, der erste Kanzler der Bonner Republik. Damit würde sich ein Kreis schließen. Aber auch die Frage stellen, ob jemals ein Kanzler/eine Kanzlerin der Berliner Republik am Rhein das letzte Geleit erführe?