Ist die Treuhand ein ostdeutscher Erinnerungsort?

Dieser Frage gingen Constantin Goschler und Marcus Böick (Ruhr-Universität Bochum) nach, und zwar im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. Die (auch methodisch sehr spannende) Studie kann man direkt auf der Ministeriumsseite herunterladen.

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1972 und die Gegenwart

Die Neue Zürcher Zeitung berichtetet von einem diplomatischen Vorstoß des serbischen Präsidenten Aleksandar Vucic: Er fordert eine Beilegung des seit 1912 schwelenden Konfliktes um die Unabhängigkeit des Kosovo. Als Vorbild soll der Grundlagenvertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR dienen, der 1972 abgeschlossen wurde. (Ein Blick in das Urteil des Bundesverfasssungsgerichts vom 31. Juli 1973 lässt den Vorbildcharakter m.E. indessen etwas fraglich erscheinen…)

Namensstreit an der Universität Greifswald

Rubenowplatz Greifswald

[Das Hauptgebäude der Universität Greisfwald am Rubenowplatz; Markus Studtmann via WikiCommons, alle Rechte bei ihm]

In Greifwald tobt ein heftiger Streit um den Namen der Universität, der laut Senatsbeschluss nicht länger an Ernst Moritz Arndt erinnern soll (siehe hier eine Stellungnahme der Hochschulleitung und des Senatsvorsitzes zum Vorgehen und den Hintergründen).

Heute fanden gar zwei Kundgebungen statt, wie der NDR berichtet. Insbesondere der Pegida-Bewegung nahstehende Kreise machen offenbar unter dem Motto „Das ist unser Ernst“ Front gegen den Beschluss.

Über die historischen Hintergründe des Bennungsaktes 1933 und dem Festhalten der DDR und des wiederbegründeteten Landes Mecklenburg-Vorpommern am Nationalisten Arndt („Was ist des Deutschen Vaterland?“) informierten der Tage Knut Langewand und Niels Hegewisch im Blog des Merkur.

Ein Stadtspaziergang – Berlin und die Geschichtskultur der DDR

Vom Umgang mit einem schwierigen Erbe

Nichts ahnend, aber die günstige Gelegenheit einmal nutzend, kauft man sich in einem Pressefachhandel am Berliner Hauptbahnhof eine Ausgabe der „New York Times“ und stößt prompt auf ein Stück lokaler Geschichtskultur. Für 21,4 Millionen Dollar, hieß es dort,  stehe in Miami ein Kunstwerk zum Verkauf, das pikanterweise von Erich Mielke in Auftrag gegebenen worden war, dem langjährigen Minister für Staatssicherheit (hier der Bericht vom 22. November).

Es geht um Richard Wilhelms Glaswand „Revolution – Frieden unserem Erdenrund“. Zwischen 1982 und 1990 stand sie im Hauptquartier der Staatsicherheit, danach verschwand sie in einem Schiffscontainer (mehr zu den Hintergründen auch auf der Seite „The Lost Relic“ ). Auf dem aus Sakralbauten bekannten Glaswerk ist unter anderem Lenin abgebildet. Die Motiv- und Materiawahl zeigen einmal mehr, in welch hohen Maße sich die Deutsche Demokratische Republik geschichtskulturell legitimierte. Doch wie soll eine plurale Gesellschaft mit diesem schwierigen Erbe der proletarischen Diktaktur umgehen?

Neben einem solchen ökonomischen Zugang zur Geschichtskultur der DDR stehen einige weitere, die mir ebenfalls in Berlin auffielen. Zweitens nämlich die damnatio memoriae; die bereits in der Antike praktizierte Verdammung des Andenkens. Das betrifft besonders den Palast der Republik am einstigen (und wohl auch künftigen) Prachtboulevard „Unter den Linden“. Sein Abriss wurde vor zehn Jahren letztendlich vom Bundestag besiegelt (hier ein bericht auf FAZ.net vom 19. Januar 2006), wobei zur Begründung die Asbestbelastung angegeben wurde. An seine Stelle tritt jetzt eine Rekonstruktion des alten Stadtschlosses, das die SED 1950 sprengen ließ – damnatio hoch zwei oder Kaiserreich reloaded gewissermaßen.

Die Geschichtskultur der DDR findet sich jedoch durchaus – drittens – weiterhin im öffentlichen Raum. Ein solche alltägliche Tradierung ist etwa im U-Bahnhof Magdalenestraße zu bestaunen (siehe Halbrock, Mielkes Revier, 2010, S. 83f.).

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Abgebildet sind hier drei Bilder aus einem insgesamt 20-teiligen Zyklus (vollständig fotografiert zu finden bei Thomas Lamp). Wolfgang Frankenstein und Hartmut Hornung entwarfen diese Bilderreihe 1986 – angesichts des 750jährigen Stadtjubiläums im Folgejahr, ganz in der Nähe von Mielkes Schreibtisch und ebenfalls in dessem Auftrag.

Es gibt noch eine vierte Umgangsweise, die zwischen den beiden eben vorgestellten vermittelt: die Überschreibung der DDR-Geschichtskultur. So steht etwa vor der Riesenbaustelle des Stadtschlosses, am Lustgarten, folgender Gedenkstein:

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Seit 1981 erinnert er an die Wiederstandsgruppe Baum, die 1942 einen Brandanschlag auf eine NS-Propagandaausstellung verübte. In der Folge tötete die Gestapo in zwei Racheakten hunderte Menschen. Am 4. März 2001 wurde der darüber bisher schweigende Stein, mit erläuternden Tafeln versehen, wiedereingeweiht:

So dokumentiert dieser Gedenkstein heute die mutige Widerstandsaktion des Jahres 1942, das Geschichtsverständnis 1981 und unser andauerndes Gedenken an den Widerstand gegen das NS-Regime. Bezirksamt Mitte von Berlin, Dezember 2000

Vielleicht liegt in dieser vierten Verfahrensweise des Kontextualisierens der Königsweg im Umgang mit der deutsch-demokratischen Geschichtskultur?

Ostalgie im Spiel

Bundesarchiv Bild 183-1990-0103-006, Altenburg, Spielkartenherstellung

[Aufnahme aus dem VEB Altenburger Spielkartenfabrik im Januar 1990; Bundesarchiv ADN-ZB/Kluge 3.1.1990 via WikiCommons, CC-BY-SA-3.0-DE]

Auch in der DDR spielte man. Warum einige dieser Spiele und Firmen, die sie hergestellt hatten, wenige Jahre nach 1989/90 ein echtes Revival erlebe(t)en, erklärt Andreas Schulz im soziologieblog.

Nachtrag vom 21. August 2016:

Soeben erst stieß ich auf einen Blogbeitrag aus dem Januar dieses Jahres. Daniel Bernsen systematisiert darin das Phänomen im Hinblick auf den Geschichtsunterricht und benennt weitere Beispiele (no pun intended) sowie einschlägige Artikel.