Ein Jahrestag, ein Mathematiker und die Funktion der Geschichtskultur

In Nordrhein-Westfalen werden am 23. August die Flaggen gehisst, um an die Landesgründung im Jahr 1946 zu erinnern. Im europäischen Ausland hat die Beflaggung einen ganz anderen Hintergrund: Seit 2009 wird am 23. August an den Hitler-Stalin-Pakt beziehungsweise Molotow-Ribbentrop-Pakt erinnert (siehe dazu etwa einen entsprechenden Sammelband von Kaminsky/Müller/Troebst und weitere, frei abrufbare Veröffentlichungen; in Deutschland ist der Jahrestag nicht umunstritten und eben auch deshalb die Beflaggungspraxis ein andere – siehe dazu eine kleine Debatte zwischen Wolfgang Benz und Horst Schüler im Tagesspiegel).

Bundespräsident Steinmeier wird in Tallinn eine Gedenkrede halten, die der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorab vorliegt:

In einem friedlichen Europa herrscht die Stärke des Rechts – und nicht das Recht des Stärkeren. Der Hitler-Stalin-Pakt markiert den Tiefpunkt einer zynischen Politik von Einflusszonen und von Großmächten, die sich Staaten und Völker Untertan machen wie Figuren auf einem Schachbrett. Nie wieder dürfen wir dorthin zurück! Wir haben heute in Europa diese Politik überwunden. Ja, es gibt immer noch größere und kleinere Länder in Europa – aber es gibt ausschließlich gleichwertige Mitglieder der Europäischen Union, mit gleichen Rechten und gleichen Pflichten.

[…]

Und deshalb: Wer das Völkerrecht bricht, wer die Institutionen des Friedens gefährdet, der erntet unseren gemeinsamen Widerstand.

International anerkannte Grenzen dürfen nicht einseitig und gewaltsam verändert werden. Deshalb werden wir die völkerrechtswidrige Annexion der Krim durch Russland nicht anerkennen.

Ist das vielleicht auch ein Seitenhieb auf das liberale Duo Lambsdorff/Lindner?

Man erlebe Steinmeier zufolge in diesem Zusammenhang auch „mehr und mehr, dass Politiker die Geschichte zu Waffen schmieden.“

Rein zufällig stieß ich heute Morgen im aktuellen Merkur auf einen längeren Artikel Felix Philipp Ingolds, der die „Neue Chronologie“ vorstellt. Der „Neuen Chronologie“ zufolge ist die Antike eine Erfindung des Mittelalters – das wiederum sehr viel russischer geprägt gewesen sei, als wir heute glauben. Der bekannteste Vertreter dieser obskuren Lehre ist der Mathematiker Anatolij Fomenko. Bei ihm handelt es sich dabei nicht um einen Außenseiter: Er ist Mitglied der der Russländischen Akademie der Wissenschaften und Professor gleich an mehreren russischen Universitäten.

Für den Fall, einmal nach dem Sinn und Unsinn von Geschichtskulturen gefragt zu werden, könnte man auf diese Beobachtung verweisen.

Werbeanzeigen

Wolfsburg: Supermarkt statt Gedenkstätte

Als im Wolfsburger Stadtteil Laagberg im letzten Jahr Tiefbauarbeiten für ein neuen Supermarktkomplex begannen, stieß man auf ein mehr als unrühmliches Kapitel der Stadtgeschichte: Die Volkswagenwerke hatten seit 1941 neben Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen auch KZ-Häftlinge in ihrer Produktion eingesetzt. In diesem Zusammenhang betrieb das KZ Neuengamme (Hamburg) während der letzten beiden Kriegsjahre in Fallersleben-Laagberg (Wolfsburg) ein sogenanntes Außenlager. 

Nach dem Ende des ‚Dritten Reiches‘ wurden die Baracken bis in die 1960er-Jahre genutzt, zum Teil als Kindertagesstätte. Danach gerieten sie anscheinend in Vergessenheit, ihre Fundamente wurden jedenfalls erst beim erwähnten Supermarktbau wiederentdeckt. Seit Mai schwelte in Wolfsburg eine Kontroverse über den weiteren Fortgang der Arbeiten beziehungsweise um die Frage, wie in diesem nun doch etwas speziellen Kontext ein vernünftiges Gedenkkonzept erstellt werden könnte (siehe zu alldem ein Bericht des Deutschlandfunks vom 22. Mai 2017).

Gestern Abend nun fällte der Wolfsburger Stadtrat eine Entscheidung. Dem Beschluss zufolge sollen, wie die Taz kritisch bemerkt, die Ruinen gewissermaßen umziehen.

Nachtrag zu „Finis Germania“

In der Jüdischen Allgemeinen seziert Volker Weiß den in diesem Blog schon einmal kurz erwähnten Essayband „Finis Germania“ Hans Peter Sieferles: Das „Pamphlet strotzt vor völkischen und judenfeindlichen Aussagen – und stürmt die Bestsellerlisten“.

Weiß ist mit der Materie bestens vertraut, sein Buch über die „Autoritäre Revolte“ ist eine herausragende Analyse jenes neurechten Diskurses, der sich bei Pegida, der Jungen Freiheit, dem Institut für Staatspolitik und auch der AfD findet. Denn die Studie bringt sehr klare Befunde zum Biologismus, Antirepublikanismus (beides S. 115) und NS-Kult der Szene (S. 114ff.) (in dem Punkt irrte Jörg Retterath in seiner Rezension auf HSozKult) – und all das ist umso überzeugend-erschreckender dargestellt, als Weiß auf den bei diesem Thema üblichen Duktus von 3Sats „Kulturzeit“ verzichtet.

Der 50. Todestag Benno Ohnesorgs

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung bringt dazu eine tolle Reportage über die Augenzeugin Friederike Hausmann, die sich als erste zu dem tödlich Verwundeten beugte und damit unfreiwillig eine Bildikone wurde. Außerdem liest und sieht man, wie die Aufarbeitung des ‚Dritten Reichs‘ auch diesen Konflikt prägte.

Traditionspflege in der Bundeswehr

In der Bundeswehr und der Öffentlichkeit wird einmal mehr darüber debattiert, wie es die Streitkräfte der Bundesrepublik mit der Wehrmacht halten – unter anderem geht es um ein Portrait, das Helmut Schmidt vor 1945 in seiner Offiziersuniform zeigt. (Siehe auch in Bezug auf Namen aus Zeiten des Ersten Weltkrieges und der Reichswehr.)

Ulrich Schlie, bis 2014 Politischer Direktor im Bundesverteidigungsministerium, äußerte sich dazu in Neuen Zürcher Zeitung grundsätzlich: Die Bundeswehr ist seit je Spiegel der Gesellschaft. Sie muss deshalb in ihrer Gesamtverfassung die staatliche und soziale Grundordnung der Bundesrepublik widerspiegeln.

Warum Gleichsetzungen mit dem Nationalsozialismus Rechtspopulisten eher stärken könnten…

… erklärte Caspar Hirschi letzte Woche in einem Gastbeitrag für die Neue Zürcher Zeitung.

Meanwhile in Greifswald/Mecklenburg-Vorpommern

Die an dieser Stelle schon kurz thematisierte Umbenennung der Ernst-Moritz-Arndt-Universität scheitert an einem Verfahrensfehler. Das berichtet faz.net; ebenda auch eine ausführlichere Darstellung vom 22.02.2017.