Ist die Treuhand ein ostdeutscher Erinnerungsort?

Dieser Frage gingen Constantin Goschler und Marcus Böick (Ruhr-Universität Bochum) nach, und zwar im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. Die (auch methodisch sehr spannende) Studie kann man direkt auf der Ministeriumsseite herunterladen.

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Koalitionsverhandlungen und die Geschichtskultur

Schwarz-gelb-grün, respketive Jamaica respektive die schwarze Ampel ist gescheitert. Berthold Kohler schreibt darüber in einem Leitartikel für faz.net – mit allerlei Bezügen zu deutschen Erinnerungsorten.

Bundestagswahl zum Fünften

In der Faz.net beschäftigen sich acht Doktoranden des Graduiertenkollegs „Romantik“ (Jena) mit der Frage, warum es die Alternative für Deutschland allherbstlich an den Kyffhäuser zieht – an die angebliche Ruhestätte Kaiser Barbarossas.

Westfälische Erinnerungsorte

Wappen Preußische Provinzen - Westfalen[Vollwappen der preußischen Provinz Westfalen aus dem 19. Jahrhundert;
Illustration von Professor Hugo Gerard Ströhl (1851-1919), via WikiCommons; als Wappen gemeinfrei]

Was ist Westfalen? Das, was darunter verstanden wird – vor allem in historischer Perspektive, denn Verwaltungsgrenzen haben sich an Rhein, Weser, Sieg und Ems mehr als einmal gewandelt. Zwei von Lena Krull geleitete Seminare an der Westfälischen Wilhelms-Universität gingen dieser Perspektive auf den Grund, indem sie nach regionalen Erinnerungsorten suchten. Dabei herausgekommen ist ein Sammelband, der in Kürze erscheint. (Und zu dem ich nachträglich noch einen kleinen Aufsatz zu den ‚Wiedertäufern‘ beisteuern durfte.) Ein tolles Weihnachtsgeschenk!

Anmerkungen zu einer nationalkonservativen Betrachtungsweise deutscher Geschichte

Die Publizistin, Schriftstellerin und Historikerin Cora Stephan behauptet in der NZZ, die deutsche Flüchtkingspolitik folge einem falschen Geschichtsbild. Ich sehe das ganz anders und erkläre, warum der Ansatz falsch gewählt ist.

In ihrer Ausgabe vom 3. Mai 2016 druckte die Neue Zürcher Zeitung einen Gastkommentar der Publizistin, Romanautorin und promovierten Historikerin Cora Stephan. Unter dem Titel „Abschied von Deutschland – aber von welchem?“ will sie den Einfluss eines spezifischen Geschichtsbildes auf die deutsche Flüchtlingspolitik beschreiben. Der Kommentar artikuliert Ressentiments, die in meinen Augen weit verbreitet sind, und verdient daher eine Analyse und Kritik.
„Es ist ein Missverständnis der deutschen Geschichte, das Land auf das dreckige Dutzend Jahre von 1933 bis 1945 zu reduzieren. Und fragen wir doch einfach einmal die Nachbarn, was sie von einem destabilisierten Deutschland mitten in Europa halten.“ (http://www.nzz.ch/meinung/kommentare/die-folgen-der-masseneinwanderung-abschied-von-deutschland-aber-von-welchem-ld.16818)

Bis zur Formulierung dieser Kernthese wird ein argumentativer Dreischritt exerziert. Die meisten Migranten, die Deutschland im letzten Jahr erreichten, seien keine „Schutzsuchenden“ sondern „Einwanderer“, die der deutsche Sozialstaat anziehe. Dieser sei mit dieser Einwanderung zweitens überfordert, außerdem drohe bald allerorten Gewalt: „Was unsere Politiker (mit abnehmendem Enthusiasmus) begrüssen, wird das Land mitnichten weltoffener machen – bunter vielleicht, wenn man blaue Flecken dazurechnet.“ Dieser Enthusiasmus erkläre sich aus drittens aus dem eingangs zitierten „Missverständnis“, also einem falschen Geschichtsbild, das es zu korrigieren gelte.

So sei das Kaiserreich kein antisemtischer oder „präfaschistischer Staat“ gewesen, der den Ersten Weltkrieg verursacht habe. Die Weimarer Koalition sei an den Vorbehalten im Bürgertum und an an „der zögernden und zaudernden SPD“ gescheitert, Hitler jedoch nie von der Bevölkerungsmehrheit gewählt worden. Ebenso wenig sei die Zukunft des ‚Dritten Reiches‘ im Frühjahr 1933 abzusehen gewesen. Die Besatzungszeit sei in West- und Ostdeutschland grundlegend anders verlaufen. Auf der einen Seite Sicherheit und Wohlstand nach den „Hungerjahren“, auf der anderen die „Knute Stalins … ein Schicksal, das der sowjetische Teil Deutschlands mit anderen Völkern teilte, wie etwa den Polen, die im Krieg gegen Hitler einen hohen Preis bezahlten und dennoch verloren.“ Die Angst vor dem Atomkrieg habe später zur begrenzten Kooperation zwischen BRD und DDR geführt. (Als Grundlage wird interessanterweise das Trauma des Dreißigjährigen Krieges benannt, also ein weiteres Geschichtsbild bzw. ein weiterer Erinnerungsort.) Nach 1990 sei zwar nicht alles, aber  vieles gelungen und bis zur Flüchtlingskrise habe man ein „entspanntes Land“ gehabt, „das so ziemlich beste Deutschland, das es je gab“.

Nun drängt sich die Frage auf, wo man im Jahr 2016 noch von einem präfaschistischen Kaiserreich hört, einer deutschen Kriegsschuld im Sommer 1914 (verwiesen sei hier auf den Publikumserfolg von Christopher Clark), einer Stimmenmehrheit der Nationalsozialisten oder dem Glauben, bereits 1933 seien die kommenden Verbrechen determiniert gewesen. Daneben irritieren die zitierten Wertungen (die SPD stellte bis 1925 den Reichs- und bis 1932 den preußischen Ministerpräsidenten; Polen, die Tschechoslowakei oder die die Balten hatten die UdSSR eben nicht überfallen), aber auch die Leerstellen.

Jede Geschichtserzählung ist selektiv. Daran zu kritteln, hieße, den Charakter von Geschichte als Deutung zu verkennen. Aber man hätte im Artikel doch gern etwas gelesen zur „Nachweisung der beim Heere befindlichen wehrpflichtigen Juden“ von 1916, vom ‚Preußenschlag‘ 1932 und dem Tag von Potsdam im Jahr darauf, vom Überfall unter anderem auf die Tschechoslowakei, Polen und die Sowjetunion, von den großen Debatten in den ersten drei Nachkriegsjahrzehnten und davon, wie Helmut Kohl am 28. November 1989 das In- und das Ausland mit einem Zehn-Punkte-Programm zur deutschen Einheit überraschte.

Auch diese wichtigen Ereignisse und Entwicklungen in eine solche nationale Meistererzählung aufzunehmen, wäre das Mindeste gewesen.

Darüber hinaus hätte man diesem Kontext auch die Geschichte des Einwanderungslandes Deutschland erzählen können – also von der Arbeitsmigration in die westdeutschen Industriezentren um 1900, von der Aufnahme der ‚Volksdeutschen‘ nach 1918, dem Zwangsarbeitereinsatz während des ‚Dritten Reiches‘ und von den Millionen von Gastarbeitern nach 1950. Thematisierungsbedürftig sind ebenso das Verhältnis zu den Nachbarn und ebenso die Frage, welche Transfers in der populären und der politischen Kultur stattfanden. Was ist an an der deutschen Kultur so deutsch? Eine nationalkonservative Meinung, die in der öffentlichen Debatte ihr gute Daseinsberechtigung hat, wäre  sicherlich erhellend. Doch offenbar fällt Cora Stephan dazu nichts ein.

So recht erschließt sich mir der reichlich allgemein gehaltene Rückgriff auf die Vergangenheit also nicht, zumal auch nirgends versucht wird, nachzuweisen, dass eben dieses Geschichtsbild, gewissermaßen ein Schuldkomplex, die Flüchtlingspolitik im großen Stil beeinflusst.

Und hinsichtlich der Gegenwart dominiert ein Alarmismus, der nur zwei Farben kennt. Politische Entscheidungsfindungen werden zu Fragen des Seins oder Nichtseins. Deutschland schafft sich entweder ab oder es bleibt bestehen. Eine solche Denkschablone, die ähnlich geschnitten übrigens auch im linken Lager teilweise anzutreffen ist (Umwälzung oder Untergang), kennt keine Mittelwege, Alternativen und Kompromisse.

Mich persönlich beschleicht übrigens das Gefühl, dass eben diese Kultur des „Ganz oder gar nicht!“, die nach moralischer Überlegenheit trachtet und jedwede Diskussion über unsere Zukunft verunmöglicht, das eigentliche und schwierige historische Erbe Deutschlands ist.

Aber das ist eine Geschichte, die ein anderes Mal zu erzählen wäre.