Filmtipp: „Django – Ein Leben für die Musik“

Die Ardennen. 1943. Ein kalter Wintertag, wohl eher im Januar oder Februar. Ein Mann, blind, Gitarre spielend und dabei singend. Nach wenigen Takten wird er aus der Ferne erschossen – von Deutschen -, weil er Sinto ist.

Nächste Szene: Ein bis zum letzten Platz gefüllter Saal, Gemurmel auf Deutsch und Französisch, auffallend viele Wehrmachtsuniformen. Alle warten auf einen Mann: Django Reinhardt – ebenfalls Gitarrist, Sinto, aber von den Besatzern so verehrt, dass sie ihn im Laufe des Films in das Deutsche Reich einladen, wo er vor Hitler und Goebbels spielen soll.

Einen größeren Kontrast hätte sich Étienne Comar, Drehbuchautor und Regisseur von „Django – Ein Leben für die Musik“, für den Einstieg kaum aussuchen können. Der „Stern“ will darin das zentrale Thema dieses Films erkennen: „Darf ein Künstler Kompromisse mit dem Bösen eingehen?“

Doch diese Frage ist nicht nur seltsam unhistorisch, sie wird zudem „Django – Ein Leben für die Musik“ meines Erachtens nicht gerecht.

Da ich den Film für unbedingt sehenswert halte, möchte ich nicht spoilern und belasse es bei  fünf kurzen Begründungen, die hoffentlich Niemandes Filmgenuss beeinträchtigen:

Erstens erzählt der Film unaufdringlich, aber in eingängigen Beispielen von Verfolgung und Flucht. Bezüge zur Gegenwart sind denkbar, werden einem als Zuschauer aber nicht aufgedrängt. Kino ohne Moralkeule – aber mit Empathie.

Etwas aufdringlicher erzählt der Film zweitens von der Frage, was Kunst im Allgemeinen und Musik im Besonderen zu leisten vermag. Das gilt insbesondere im Falle von Djangos Depressionen und Trauer.

Deutlich wird die Wirkung aber auch, und dieser Kontrast ist mitunter wirklich verstörend, angesichts der Leidenschaft deutscher Offiziere für die moderne Swing- und Jazzmusik. Verkörpert wird dieses Interesse vor allem durch den historisch verbürgten Dietrich Schulz-Köhn, der nach dem Krieg als „Dr. Jazz“ beim Westdeutschen Rundfunk Karriere machen sollte und 1939 zur „Schallplatte auf dem Weltmarkt“ promoviert hatte.  Die taz sieht hier Parallelen zu heutigen Islamisten, die die moderne Technik ja ebenfalls nicht rundherum ablehnen, sondern nur allzu gern für Propagandazwecke nutzen. (Angemerkt sei hier noch, dass – soweit das den Trailern zu entnehmen ist – die deutsche Synchronisation dem Film nicht gut getan hat. Der Wechsel zwischen den Sprachen und Registern und Akzenten scheint in der deutschen Fassung nicht mehr so recht zu funktionieren. In Münster z.B. zeigt das Schlosstheater den Film im Original mit Untertiteln.)

Drittens: Leerstellen, die das Wissen über Jean „Django“ Reinhardts Werdegang in der Besatzungszeit zu genüge aufweisen soll, bleiben Leerstellen. Étienne Comar macht hier, soweit ich das überblicken kann, nur eine Ausnahme – im Falle des von Django geschriebenen Chorals „Lacrimosa“, dessen Noten verschollen sind und der nun von Warren Ellis und Pierre Bertrand rekomponiert wurde.

Viertens kommt dabei die Ästhetik nicht zu kurz: Ich habe den Film bereits vor über sieben Tagen mit K. und D. gesehen, manche Bilder gehen mir aber immer noch nicht aus dem Kopf – Bilder vom Genfer See bei Nacht, der verschneiten Alpen, einer ebenfalls im Grenzgebiet zur Schweiz gelegenen Kirche; aber auch eine berührende Szene, in der geangelt wird (le pêcheur kann Angler und Sünder heißen…).

Fünftens ist der Film zwar langsam erzählt und erinnert auch in dieser Hinsicht an Louis Malles „Au revoir, les enfants“. Aber diese Langsamkeit ist nicht unmotiviert und dürfte ein Fest für alle sein, die der Erzähltheorie Juri Michaolowitsch Lotmans etwas abgewinnen können. Der russisch-estnische Literaturwissenschaftler machte eine scheinbar simple Beobachtung, dass nämlich jede (gute) Geschichte auf einem Grenzübertritt basiert. Wie sich diese Grenzen verschieben, wie sie allmählich räumlich werden, wie die Protagonisten sie vielleicht doch noch überschreiten können – das hat mich über ganze zwei Stunden sehr gefesselt und angesichts der historischen Verfolgungsgeschichte auch berührt.

Fazit: Ein toller Film, den man sich ansehen sollte.

 

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Perlen der Wikipedia (v)

Der Film kostete den Südwestfunk etwa 10 Millionen DM (umgerechnet ca. 5 Millionen €). Das war für die damaligen Verhältnisse teuer, was auch später der Rechnungshof Baden-Württemberg monierte. So hinterfragte er unter anderem, ob es wirklich notwendig gewesen sei, für die Dreharbeiten eine aufwändig handgestickte Regimentsfahne zu verwenden.

(Lemma „Lenz oder die Freiheit“)

Klack Zwo B

1994 produzierten die Bochumer Filmemacher „Klack Zwo B“ eine kurze Dokumentation, die von Kriegerdenkmälern handelt. Ein sehenswertes Stück Geschichtskultur über Geschichtskultur.

http://www.bochumschau.de/video/soldaten-denkmal-stadtpark-bochum-2012.htm

Ruhrpott auffer Leinwand

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[Adolf Winkelmann vor ’seinem‘ Dortmunder U; Wuselig für Wikimedia CC-BY-SA-3.0]

Auf dem Dach der ehemaligen Union-Brauerei in Dortmund, weithin sichtbar durch ihr großes und leuchtendes U, thront seit der RUHR.2010 eine Videoinstallation. Verantwortlich dafür ist der Künstler Adolf Winkelmann (*1946). Wenn er nicht gerade Industriekultur verschönert, dreht Winkelmann Filme, von denen schon einige mit dem Grimme-Preis prämiert wurden.

Sein jüngstes Werk heißt „Junges Licht“ (Deutschland, 2016) und basiert auf dem gleichnamigen Roman von Ralf Rothmann (*1953).

„Junges Licht“ spielt in Dortmund – kurz vor dem Strukturwandel und ’68. Der zwöfjährige Julian verbringt mit seinem Vater, dem Bergmann Waller, einen Sommer allein in der Mietwohnung, während Schwester und Mutter an die See fahren. Auf sich allein gestellt lernen Julian und Waller allerhand kennen: über (zum Teil unerwünschte) erotische Nachstellungen, Freundschaft und Familie. Als Zuschauer erfährt man zudem noch einiges über den Kohlebergbau, das Koksen und das katholische Arbeitermilieu – oder vielleicht doch eher darüber, wie diese Vergangenheit heute gesehen wird? Eine sehenswerte Hommage an das alte Ruhrgebiet jedenfalls.

 

Wenn ein fliegendes Schwein von der Geschichte erzählt

Schweine und Faschisten, oder: Warum nicht länger über einen meiner Lieblingsfilme gelacht werden sollte.

Ich gehöre zu denjenigen, die schallendes Gelächter ernten, wenn sie auf die Frage nach den persönlichen Lieblingsfilmen ehrlich antworten.

Das hat vor allem damit zu tun, dass ich in diesem Zusammenhang sehr schnell auf „Porco Rosso“ (Japan, 1992) zu sprechen komme. „Porco…?!“ – „Ja.“ – „Ein Schwein…?!“ – „Ja.“ – „Und das ist rot?!“ – „Nein, nicht direkt…“ – „Aber?“ – „Ähhm, sein Flugzeug.“

Kennengelernt habe ich den Film des Oscar-Peisträgers Hayao Miyazaki, als ich ein Praktikum bei Arte machte. Das ist etwa drei Jahre her und seitdem lässt mich dieses Kleinod im Zeichentrickformat nicht mehr los.

Von der Handlung ist rasch erzählt: Der Film spielt, das wird recht bald deutlich, in den 1920er-Jahren und zwar am adriatischen Meer. Luftpiraten treiben in dieser Gegend ihr Unwesen. Der Kopfgeldjäger Porco, ein Pilot in Schweinsgestalt, hält sie in Schach. Das auf einem ungeschriebenen Ehrenkodex basierende Gleichgewicht gerät jedoch bald doppelt in Gefahr: zum einen durch einen neuen Konkurrenten Porcos, zum anderen dadurch, dass die Luftwaffe des faschistischen Italien aufrüstet. In dieser Situtation muss das fliegende Schwein ein buchstäbliches Himmelfahrtskommando übernehmen…

Man kann „Porco Rosso“ einfach genießen und sich verzaubern lassen von dieser Geschichte, die nicht allein um Politik kreist, sondern auch um die Themen Freundschaft und Liebe. Oder man kann ihn, wie Markus Mähler für die Süddeutsche Zeitung, dekonstruieren und in dem Werk eine Abhandlung über das „männliche Prinzip“ sehen, das in der Zwischenkriegszeit in eine Krise geriet (http://www.sueddeutsche.de/medien/porco-rosso-auf-arte-schwein-mit-herz-1.1807402).

Abwegig ist das nicht: Porco ist versoffen, raucht zu viel, über seine Vergangenheit möchte er nicht sprechen, insbesondere nicht über seine Traumatisierung im Ersten Weltkrieg. Mit den Luftpiraten ritualisiert er eine merkwürdige Kameradschaft. Und die asketische/zölibatäre Nicht-Beziehung zu seiner großen Liebe Gina ist eigentlich ein Fall für den Paartherapeuten.

Einschlägiger für diesen Blog ist  die historische Einbettung dieses Sujets. Gerade wegen der Faszination, die „Porco Rosso“ auf mich ausübt, möchte im Folgenden kurz zwei Fragen nachgehen. Wie gelingt es dem Film, so etwas wie eine historisch-authentische Stimmung herzustellen? Und welche Wirkung entfaltet diese Stimmung bzw. welche politischen Grundannahmen liegen ihr zu Grunde und werden durch sie vermittelt? (Grundsätzlich haben wir es ja mit einer fiktiven Parallelwelt zu tun. Spannend ist nun zu sehen, mit welchen poetischen Verfahren Bezüge zur ‚Realität‘ hergestellt werden und was dadurch geleistet wird.)

Was die Authentizität – im Sinne einer Zuschreibung – betrifft, so ist schon das Thema zeitgenössisch. Die Luftfahrt war spätestens nach 1918 das große Ding und selbst Provinzkapitalen wie Münster hatten bereits einen eigenen Flugplatz. Besonders begeistert vom Fliegen waren der italienische Futurismus sowie der Faschismus, worauf zuletzt Fernando Esposito hingewiesen hat (Mythische Moderne. Aviatik, Faschismus und die Sehnsucht nach Ordnung in Deutschland und Italien, München 2011; siehe dazu kritisch: http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-15376). Zu nennen ist in diesem Kontext besonders die Stilrichtung der „Aeropittura“, also der Luftmalerei, von deren abstrakten Formen sich „Porco Rosso“ sich in seinem Anime-Stil jedoch deutlich abhebt (vgl. http://www.nytimes.com/slideshow/2013/12/06/books/review/08artbooks-3.html?_r=0 oder http://www.artnet.com/artists/tullio-crali/bombardamento-aereo-oh15WLW-Lf1f-FcY5NuAgQ2, letzteres ist übrigens fünf Jahre vor dem Luftangriff von Guernica entstanden).

Des Weiteren werden fortwährend einschlägige Hinweise dargeboten, die dazu reizen, sich das Geschehen als Zuschauer noch weiter auszumalen (furchtbar viel sieht man nämlich gar nicht von der lauernden Gefahr). Besonders auffällig wird das in der Passage, in der Gina „Le Temps des Cerises“ singt – der Chanson ist ein Liebeslied und das Requiem auf die Pariser Kommune zugleich.

Und auch die Erzählweise nimmt deutliche Anleihen an die zeitgenössische Kunst, genauer gesagt am magischen Realismus; in der schweinsköpfigen Metamorphose etwa, oder wenn Porcos getötete Kameraden im Traum zum Formationsflug ansetzen.

Gleichwohl kann man den Film natürlich nicht als Quellendokument auffassen, das von und aus der Zwischenkriegszeit berichtet. Quellenwert hat „Porco Rosso“ vielmehr für das Jahr 1992. Japans Wirtschaft geriet damals allmählich in die Depression. Und auf der anderen Seite des Pazifiks rief der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama das „Ende der Geschichte“ aus, weil die großen Ideologien, die das kapitalistisch-liberaldemokratische System des Westens herausgefordert hatten, untergegangen seien.

Wollte Hayao Miyazaki, ideologiekritisch gefragt, seinen Landsleuten in dieser politischen Großwetterlage nun die Männlichkeitsideale der klassischen Moderne als rettenden Anker präsentieren? Sein (zumindest offiziell) letzter Film, „Himmelwärts“ (Japan, 2014), trug ihm jedenfalls den Vorwurf der Indifferenz zumindest gegenüber der japanischen Spielart des Faschismus und dessen Heldenkult ein (http://www.tagesspiegel.de/kultur/der-anime-meister-hayao-miyazaki-himmelwaerts/10210540.html). (In dieses Bild fügte sich die Darstellung des US-amerikanischen Kopfgeldjägers Curtis in „Porco Rosso“, der nicht allein wegen seiner Kavallerie-Uniform wie die Karikatur eines Yankees wirkt.) Im vorliegenden Fall sprechen dagegen jedoch meines Erachtens die individualisierende Präsentation der Hauptfigur und ganz besonders die starken Frauenfiguren, die die naiven Männer mehr als einmal zur Raison bringen müssen.

Für mich ist es daher sehr viel plausibler, in „Porco Rosso“ eine Art Seitenblick zu sehen, der – am Ende des „Jahrhunderts der Extreme“ (Eric Hobsbawm) – historische Alternativen zum Faschismus aufzeigt, gerade hinsichtlich seiner frühen Jahre. Ich möchte nun nicht spoilern. Aber Konzepte wie Ehre, Mannhaftigkeit, Tapferkeit und Gemeinschaftssinn, die den Faschismus anleiteten, dürften den meisten Zuschauern am Ende des Films nicht mehr als taugliche Ordnungskategorien eines gesellschaftlichen Zusammenlebens erscheinen – dennoch wird der Faschismus, folgert man als historisch informierter Beobachter den Gang der Erzählung unwillkürlich weiter, vorerst gewinnen und die bessere Alternative unterliegen.

Weil die Figurationsphase des italienischen Faschismus durchaus künstlerisch geprägt war (und auch Hitler Künstler war, siehe Wolfram Pyta, Hitler. Der Künstler als Politiker und Feldherr, München 2015; dazu: http://www.faz.net/-gpf-82e84), drängt sich noch eine dritte und letzte Betrachtungsweise auf: „Porco Rosso“ als Reflexion über die Ästhetisierung und Darstellbarkeit von kriegerischer Gewalt anzusehen. Wie kann der Versehrte davon erzählen? Wann ist eine solche künstlerische Adaption Ausdruck einer individuellen Verarbeitungen und wann eines  – an sich schon wieder gewalttätig auf den einzelnen Betroffenen wirkenden – kollektiven Musters, mit dem Gemeinschaftlichkeit inszeniert werden soll? Welche Rolle spielen Metamorphosen und Tier-Allegorien im Erzählen von Krieg? Was meint Verfremdung in den bisher aufgeworfenen Fragen (#Schlkowski)? Und warum laufen solche Filme bei uns nur im – Entschuldigung nach Straßburg! – Spartenprogramm?

Vielleicht schaut Ihr Euch „Porco Rosso“ einfach mal an. Denn, wie gesagt, neben alldem ist er auch einfach ein sehr, sehr schöner Film.