Gab es vor 1900 Theorien der Geschichtskultur?

Die meisten Werke, die einen Überblick geben auf die Entwicklung kulturwissenschaftlicher Theorien zum Zusammenhang von Geschichtskultur und kollektiver Identität, setzen mit den 1920er-Jahren ein. Astrid Erll beginnt mit den Theorien Maurice Halbwachs‘ und Aby Wineburgs (hier ein Link zum Volltext, der in einigen Uni-Netzen verfügbar ist) ; ebenso bereits Jan Assmann (hier das entsprechende Kapitel aus „Kultur und Gedächtnis“ von 1988). Ähnlich hielt es Lutz Niethammer 2000 in einer Monografie mit dem sprechenden Titel „Kollektive Identität. Heimliche Quellen einer unheimlichen Konjunktur“, denn er fokussierte sich ebenfalls auf Maurice Halbwachs, und daneben auf Carl Schmitt, Georg Lukács, Sigmund Freud, C. G. Jung sowie Aldous Huxley.

Gab es vor 1920 beziehungsweise 1900 keine Theorien der Geschichtskultur? Sind sie ein Produkt der klassischen Hochmoderne mit ihrer Massen- und Mediengesellschaft?

Der Begriff „Public History“ jedenfalls ist bereits für 1794 belegt (vgl. Public History Review 10 (2003), S. 5).  Und bereits Karl Marx hatte in seinem „Achtzehnten Brumaire des Louis Napoleon“ über den Geschichtsgebrauch geschrieben (hier zitiert nach der zweiten Auflage von 1869):

Hegel bemerkt irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Thatsachen und Personen sich so zu sagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce. Caussidiere für Danton, Louis Blanc für Robespierre, die Montagne von 1848–51 für die Montagne von 1793–95, der Neffe für den Onkel. Und dieselbe Karrikatur in den Umständen, unter denen die zweite Auflage des achtzehnten
Brumaire herausgegeben wird!

Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition aller todten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neue Weltgeschichtsscene aufzuführen.

Davon las ich heute Morgen bei Claus Leggewie, der in der jüngsten Ausgabe der Blätter für deutsche und internationale Geschichte über die Geschichtspolitik Emmanuel Macrons schrieb.

 

Emmanuel Macron – eher ein Royalist als ein Sozialist?

Diese These vertreten zumindest die Financial Times (12.06.2017) und Le Point (20.08.2016).


Louis XIV, King of France, after Lefebvre - Les collections du château de Versailles

[Macrons Vorbild? Ludwig XIV. auf einem Gemälde von Claude Lefèbvre um 1670]

Macron, Putin und das Schloss von Versailles

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet sehr ausführlich von den symbolischen und historischen Hintergründen/Implikationen, die dazu führten, dass der neue französische Präsident seinen russischen Amtskollegen nach Versailles einlud.

Geschichte, Politik und Hans-Werner Sinn – ein kleines Experiment

Historia Magistra Vitae oder wenn Sch(l)üsse nach hinten losgehen.

Flugblatt 1648

[Flugblatt von 1648, gescannt von Gudrun Meyer via WikiCommons und auf Grund des Alters wohl gemeinfrei]

In einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung meint Hans-Werner Sinn heute:

Wer nun speziell der Eurozone als Reaktion auf den Brexit zu mehr Staatlichkeit verhelfen will, spaltet den Norden und Osten ab, zieht eine Trennlinie quer durch Mitteleuropa und macht Deutschland zum Anhängsel und Zahlmeister einer neuen lateinischen Münzunion.

Dass Frankreich die zwei Geschwindigkeiten will, wundert nicht. Die Spaltung Mitteleuropas ist seit Richelieu ein zentrales Ziel der Politik dieses Landes.

Man könnte jetzt mal ein Experiment anstellen und den Gebrauch von Geschichte als Argument untersuchen, indem man selbst auf die Geschichte zurückgreift. Hans-Werner Sinn etwa sähe nicht sehr gut aus, wenn man ihn neben zwei Münsteraner Bürgermeister stellte, die sich angesichts des hiesigen Friedenssaales im Münsteraner Rathaus über die französische Außenpolitik äußerten. Solche Reden, wie auch Sinns Argument, hängen mit zwei nationalen Symbolen zusammen: dem Dreißigjährigen Krieg und dem Westfälischen Frieden von 1648, der diesen beendete – und den Richelieu schon nicht mehr erlebte.

1898 etwa rechnete Münsters Bürgermeister Jungeblodt ganz ähnlich mit Frankreich ab:

Hülflos und kraftlos blieben die deutschen Lande zunächst lange Zeit eine leichte Beute des aufstrebenden Frankreichs und eine leichte Beute des aufstrebenden Frankreichs und der Feldherrn Ludwig des XIV., welche die Greuel des Krieges erneuerten.

Im Krieg von 1870/71 habe man diese Schmach endlich getilgt und mit der Gründung des Kaiserreiches den Grundstein für ein Wiedererstarken Deutschlands gelegt (womit man im katholischen Münster elegant über so manche Wirren des Kulturkampfes hinwegging):

War vor 1870 deutscher Handel, deutsche Industrie im Auslande kaum bekannt, so sehen wir heute schon, nach kaum 25 Jahren, an der Eifersucht der Engländer, daß Deutschland auf so vielen Gebieten ihnen den Welthandel streitig macht. (Zitate nach dem Westfälischen Merkur vom 4. Oktober 1898)

Deutlicher wären die Parallelen noch beim NS-Oberbürgermeister Hillebrand, der den Friedensaal als „Schmerzensstätte deutschen Schicksals“ bezeichnete, kurz auf Richelieu einging und dann festhielt:

Teile und herrsche!; dieser Grundsatz war die Losung der politischen Klassiker Frankreichs  ebenso wie der Väter von Versailles. (Zitiert nach dem Münsterischen Anzeiger vom 8. April 1938, der einen ‚Gastbeitrag‘ anlässlich des ‚Anschlusses‘ Österreichs druckte.)

Gewinnen wir mit einer solchen Suche nach vermeintlich historischen Vorbildern irgendetwas? Wohl kaum. Sie verstellt den Blick sowohl auf Geschichte als auch auf Gegenwart, weil sie überall historische Bedingtheiten und Kontinuitäten sieht – aber nirgends die Unterschiede, etwa in den Interpretationen Jungeblodts, Hillebrands und Sinns oder zwischen den außenpolitischen Idealen Macrons, de Gaulles und Richelieus. Was wir mit solchen Gleichsetzungen verlieren, ist der Blick auf die Nuancen und damit eben auch auf die Handlungsspielräume in unserer Gegenwart! Damit jedoch ist im Augenblick niemanden geholfen.

Tatsächliche Vergleiche – nicht Gleichsetzungen der Form historia magistra vitae – könnten den Blick auf die Gegenwart dagegen schärfen. (Anders als im 17. Jahrhundert befinden sich US-amerikanische Stützpunkte in Europa, anders als die lateinische Münzunion basiert die Eurozone eben nicht auf einem Goldstandard.)

Wenn man in der Geschichte keine Lehrmeisterin sucht, fallen überdies die Urteile gleich differenzierter aus. Das gilt auch für Richelieu, wie etwa der Katalog zeigt, der zur letzten großen Münsteraner – und sehr europafreundlichen – Friedensausstellung von 1998 erschien (hier online).

Der Anti-Knopp

Bereits 2013 zeigte Arte eine Dokumentation über Wilhelm den Eroberer. Ausnahmsweise sieht man als Zuschauer Historiker bei der Arbeit – und erkennt damit das Gemachtsein von Geschichte. Unterschwellig und unangestrengt nimmt Frédéric Compain zudem immer mal wieder das eigene Genre aufs Korn. Sehr empfehlenswert!

Der Geburtstag Marc Blochs…

…war gestern Thema im archivamtblog des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe.

Geboren am 6. Juli 1886 setzte Marc Bloch im Rahmen der Zeitschrift „Annales“ neue Standards in der Geschichtswissenschaft. Er lehrte unter anderem in Straßburg und Paris. 1939/40 kämpfte er als Offizier gegen die Wehrmacht, nach dem deutschen Sieg durfte er wegen seiner jüdischen Herkunft nur noch eingeschränkt arbeiten. Er schloss sich der Résistance an. Die Gestapo verhaftete Marc Bloch im Frühjahr 1944 und folterte ihn. Am 16. Juni 1944 wurden er und 27 Mitstreiter bei Lyon ermordet.

Die Université Strasbourg II trug bis zur ihrer Fusionierung mit den übrigen Hochschulen der Stadt seinen Namen, auf dem Gelände erinnert weiterhin diese Plakette an Marc Bloch:

Strasbourg-Plaque Marc Bloch (2)
[Ji-Elle für WikiCommons; CC-BY-SA-1.0]

Weltkriegserinnerung und Nahostpolitik

Sykes-Picot-1916 german[Sykes-Picot Agreement 1916. Reproduced from http://www.passia.org with permission (Mahmoud Abu Rumieleh, Webmaster). Free to use with acknowledgement]

Der Erste Weltkrieg wurde auch im Nahen Osten ausgetragen. Dort kämpften Großbritannien, Frankreich und Russland gegen das Osmanische Reich. Dessen Niederlage antizipierend teilten die Briten und Franzosen sein Herrschaftsgebiet 1916 auf – und in großen Teilen unter sich.

Der nach seinen Erfindern benannte Sykes-Picot-Plan wurde zwar nie vollständig realisiert. Er prägt aber die Konflikte in dieser Weltregion bis heute; zum einen, indem er völlig neue Staaten schuf, die bis heute bestehen; zum anderen als Symbol des europäischen Imperialismus.

Die Neue Zürcher Zeitung berichtete am Wochenende sehr ausführlich davon.