Was bleibt?

Einen großen Teil meines Lebens habe ich mich mit dem Reformator Thomas Müntzer befasst, dem Anführer der Bauernkriege im 16. Jahrhundert. In der DDR haben sie einen Sozialisten aus dem gemacht und in jedem Dorf Straßen und Plätze nach ihm benannt. Das ist Unsinn! Von meiner Forschung wird aber letztendlich nichts bleiben. Andere werden meine Ergebnisse überschreiben. Bücher bedeuten keine Unsterblichkeit und mein Eintrag bei Wikipedia auch nicht.

(Der in einem Hospiz lebende Reformationshistoriker Siegfried Bräuer gegenüber der taz.)

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Ein Jahrestag, ein Mathematiker und die Funktion der Geschichtskultur

In Nordrhein-Westfalen werden am 23. August die Flaggen gehisst, um an die Landesgründung im Jahr 1946 zu erinnern. Im europäischen Ausland hat die Beflaggung einen ganz anderen Hintergrund: Seit 2009 wird am 23. August an den Hitler-Stalin-Pakt beziehungsweise Molotow-Ribbentrop-Pakt erinnert (siehe dazu etwa einen entsprechenden Sammelband von Kaminsky/Müller/Troebst und weitere, frei abrufbare Veröffentlichungen; in Deutschland ist der Jahrestag nicht umunstritten und eben auch deshalb die Beflaggungspraxis ein andere – siehe dazu eine kleine Debatte zwischen Wolfgang Benz und Horst Schüler im Tagesspiegel).

Bundespräsident Steinmeier wird in Tallinn eine Gedenkrede halten, die der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorab vorliegt:

In einem friedlichen Europa herrscht die Stärke des Rechts – und nicht das Recht des Stärkeren. Der Hitler-Stalin-Pakt markiert den Tiefpunkt einer zynischen Politik von Einflusszonen und von Großmächten, die sich Staaten und Völker Untertan machen wie Figuren auf einem Schachbrett. Nie wieder dürfen wir dorthin zurück! Wir haben heute in Europa diese Politik überwunden. Ja, es gibt immer noch größere und kleinere Länder in Europa – aber es gibt ausschließlich gleichwertige Mitglieder der Europäischen Union, mit gleichen Rechten und gleichen Pflichten.

[…]

Und deshalb: Wer das Völkerrecht bricht, wer die Institutionen des Friedens gefährdet, der erntet unseren gemeinsamen Widerstand.

International anerkannte Grenzen dürfen nicht einseitig und gewaltsam verändert werden. Deshalb werden wir die völkerrechtswidrige Annexion der Krim durch Russland nicht anerkennen.

Ist das vielleicht auch ein Seitenhieb auf das liberale Duo Lambsdorff/Lindner?

Man erlebe Steinmeier zufolge in diesem Zusammenhang auch „mehr und mehr, dass Politiker die Geschichte zu Waffen schmieden.“

Rein zufällig stieß ich heute Morgen im aktuellen Merkur auf einen längeren Artikel Felix Philipp Ingolds, der die „Neue Chronologie“ vorstellt. Der „Neuen Chronologie“ zufolge ist die Antike eine Erfindung des Mittelalters – das wiederum sehr viel russischer geprägt gewesen sei, als wir heute glauben. Der bekannteste Vertreter dieser obskuren Lehre ist der Mathematiker Anatolij Fomenko. Bei ihm handelt es sich dabei nicht um einen Außenseiter: Er ist Mitglied der der Russländischen Akademie der Wissenschaften und Professor gleich an mehreren russischen Universitäten.

Für den Fall, einmal nach dem Sinn und Unsinn von Geschichtskulturen gefragt zu werden, könnte man auf diese Beobachtung verweisen.

Rechtsstreit um Rezension

Erstmals hat das Rezensionsportal H-Soz-Kult eine Rezension vom Netz genommen – auf Grund eines Rechtsstreites. Im Kern geht es um zweierlei: die Darstellung nationalsozialistischer Verbrechen sowie die Kommunikation in der Geschichtswissenschaft, vor allem im digitalen Zeitalter. Dass die Angelegenheit sehr viel komplizierter sein dürfte, als es zunächst schien, stellt Ben Kaden in einem Blogbeitrag auf Libreas dar.

 

Nachtrag vom 19.03.2017:

Bei Erbloggtes findet sich eine sehr kritische Auseinandersetzung mit Reitzensteins Dissertation, aber auch mit dem Weg, den H-Soz-Kult in der juristischen (Nicht-)Auseinandersetzung eingeschlagen hat.

 

Zur Zukunft der Archive…

… brachte der Deutschlandfunk gestern einen Beitrag (via archivalia):

330 Kilometer Akten lagern hier. Welches Dokument in dieses Bundesarchiv kommt, und wer es dort einsehen darf, ist durch das Bundesarchivgesetz geregelt. Viele Jahre lang hatte niemand etwas an diesem Gesetz auszusetzen, doch nun fordert die Digitalisierung auch hier ihren Tribut: Archivgut ist längst nicht mehr nur aus Papier. Das wirft Fragen darüber auf, was in welcher Form am besten aufbewahrt werden sollte. Der Bundestag wird im September direkt nach der Sommerpause eine Neufassung des Bundesarchivgesetzes verhandeln. (DLF; s.o.)

Das Bundesarchiv plant derweil ein großes Digitalisierungsprojekt zur Weimarer Republik.

In beiden Zusammenhängen stellt sich mir nun die Frage nach den Folgen für die tatsächliche Forschungsarbeit (genauer gesagt: in Bezug auf die Heuristik); Folgen, die im Deutschlandfunkbeitrag leider nicht thematisiert wurden.

Kurz und knapp formuliert: Wie oft werden wohl noch jene analogen Archivgüter analysiert werden, die nicht digitalisiert und vor allem: frei zugänglich im Netz vorliegen (da übersehen oder zum Zeitpunkt der Digitalisierung scheinbar unwichtig)? Was bedeutet eine solche Engführung, die sich aus Pragmatik und Bequemlichkeit ergeben wird, für die Forschung? (Geht bald noch jemand, wenn Findbücher nicht mehr gebraucht werden, Wege wie im Fall Kurras?) Und inwiefern ist Forschenden und Vermittelnden angesichts der scheinbaren Allverfügbarkeit noch bewusst, dass Archive vielfache Selektionsaufgaben haben? Die gesperrten Bestände z.B., dürften in den digitalen Sammlungen kaum erwähnt werden…

 

Der Geburtstag Marc Blochs…

…war gestern Thema im archivamtblog des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe.

Geboren am 6. Juli 1886 setzte Marc Bloch im Rahmen der Zeitschrift „Annales“ neue Standards in der Geschichtswissenschaft. Er lehrte unter anderem in Straßburg und Paris. 1939/40 kämpfte er als Offizier gegen die Wehrmacht, nach dem deutschen Sieg durfte er wegen seiner jüdischen Herkunft nur noch eingeschränkt arbeiten. Er schloss sich der Résistance an. Die Gestapo verhaftete Marc Bloch im Frühjahr 1944 und folterte ihn. Am 16. Juni 1944 wurden er und 27 Mitstreiter bei Lyon ermordet.

Die Université Strasbourg II trug bis zur ihrer Fusionierung mit den übrigen Hochschulen der Stadt seinen Namen, auf dem Gelände erinnert weiterhin diese Plakette an Marc Bloch:

Strasbourg-Plaque Marc Bloch (2)
[Ji-Elle für WikiCommons; CC-BY-SA-1.0]