Gedenken an NS-Verfolgte in Münster – Neue App vorgestellt

Wie in vielen anderen Städten erinnern in Münster sogenannte Stolpersteine an Menschen, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden. Gestern wurde eine App vorgestellt, mit deren Hilfe sich diese Form des Gedenkens leichter erschließen lässt.

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Der Holocaust, nicht mehr als ein Lehrbeispiel?

Auf Faz.net erschien heute ein Interview mit dem Soziologen Harald Welzer. Als ausgewiesener Kenner – unter anderem war er Mitverfasser des Publikumserfolges „Opa war kein Nazi“ – sprach er über den großen geschichtskulturellen Bruch, der vor einem Vierteljahrhundert begann und langsam an sein Ende gerät: Das Sterben der Zeitzeugen, die im direkten Gespräch an die Verbrechen des Nationalsozialismus erinnern können.

Vielleicht wurde Welzer nur unglücklich zitiert/zusammengefasst. Oder ich bin hypersensibel. Aber die Aussage, „auch die Geschichtsbearbeitung“ werde durch diesen Verlust „etwas freier“, befremdet mich. Zumal wenn es dann in der direkten Folge heißt:

Ich finde Geschichtspädagogik immer dann richtig, wenn Transfers hergestellt werden können. Das ist eher möglich, wenn es keine Zeitzeugen von beiden Seiten mehr gibt, auf die man aus Gründen der Würde Rücksicht nehmen muss.

Der Holocaust, in Zukunft bloß noch ein transferfähiges Lehrbeispiel?

Das verstört. Gerade angesichts der individuellen Schicksale derjenigen, auf deren Würde keine Rücksicht genommen wurde, die die Nationalsozialisten vor 1945 verfolgten und ermordeten.

„Sara Schloss, Seligenstadt, Kennort: Landkreis Offenbach a/M., Kennummer A00991“. Sara Schloss, 1868 geboren, wurde als Jüdin nach Theresienstadt verschleppt und dort ermordet.  Mehr steht nicht auf ihrem einfachen Pappkoffer, den das RegioMuseum Seligenstadt seit kurzem ausstellt (auch davon berichtete Faz.net).

Auch den Toten, oder hier genauer: der ermordeten Sara Schloss, sollte man die Würde lassen. Geschichte ist mehr als Gegenwartsinteresse.

Wenn ein Einzelner die Erinnerung wach halten muss

Faz.net bringt ein tolles Portrait von Marģers Vestermanis, der 1925 in Riga geboren wurde. Als Sohn einer deutschsprechenden jüdischen Familie überlebte er das Rigaer Ghetto, die lettischen KZ, Todesmärsche und schließlich auch die Zeit als Partisan im kommunistischen Widerstand – er überlebte als Einziger seiner Familie und einer der wenigen Juden in Lettland überhaupt. Nach dem Krieg erforschte und erinnerte Vestermanis an das Schicksal der Juden in Lettland, trotz aller Repressionen, und auch noch als 92jähriger.

Die Deutschen, die Amerikaner und die Erinnerung an den Holocaust

Der aus Deutschland stammende Historiker Jacob S. Eder hat jüngst eine (englische/US-amerikanische) Dissertation vorgelegt, in der ein bis heute bedeutsames Stück (bundes-)deutscher Geschichtspolitik thematisiert. In „Holocaust Angst“ geht es zum einen darum, wie US-Amerikaner seit den 1970er-Jahren an die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden erinnern – nämlich zunehmend mit dem Begriff „Holocaust“.

Zum anderen – und vor allem – untersucht Eder die Frage, inwiefern die Rezeption dieser Geschichtskultur durch die Bundesregierung unter Helmut Kohl deutsche Außenpolitik prägte; und inwiefern dabei besonders Versuche unternommen wurden, das Deutschland-Bild in den USA zu korrigieren.

Peter Hoeres, Professor an der Universität Würzburg, hat das Buch in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung am 2. Januar stark kritisiert.

Nun reagiert Jacob S. Eder auf dem Wissenschaftsportal der Gerda-Henkel-Stiftung.

 

Nachtrag vom 17.03.2017:

Matthias Haß von der Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz rezensierte Eders Arbeit jetzt für H-Soz-Kult – mit einem kleinen Seitenhieb auf die bisherigen Besprechungen.