Jan Böhmermann…

 

… wird jetzt von einem Kollegen des Antisemitismus‘ bezichtigt (siehe einen Bericht der Vice)

Frank Lübberding, den ich für seine kritische Medienbeobachtung in der FAZ sehr schätze, findet den Vorwurf übertrieben:

Es passt nur leider zu einem Böhmermann, der sich für die Inkarnation des Weltgeistes hält und dabei das Geschichtsbewusstsein eines Dreijährigen an den Tag legt; kurzum: keine Perspektiven kennt.

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Erdogans Politik mit der Geschichte – zwei Artikel in der NZZ

Heute gab die Staatsanwaltschaft Mainz bekannt, dass das vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan angestrengte Strafverfahren gegen Jan Böhmermann eingestellt wird.

Und jetzt?

Das Zivilverfahren steht noch aus.

Böhmermann nervt weiterhin, wenn er über Geschichte spricht.

Und Erdogan betreibt munter seine Geschichtspolitik. Davon berichtete die Neue Zürcher Zeitung heute in Bezug auf Erdogans Interpretation des Vertrages von Lausanne. Bereits am 22. September analysierte Joseph Croitoru am selben Ort in einem Gastkommentar die übergeordneten Ideen dieses Geschichtsgebrauchs.

Warum Jan Böhmermann nervt – auch aus geschichtskultureller Perspektive

Von einem Geschichtsbewusstsein, das viele liken, und das irgendwann einmal dialektisch zurückschlagen könnte.

Jan Böhmermann zu bashen, ist in. Die Frankfurter Allgemeine macht es (http://www.faz.net/-gqz-8fph9), als dortige Gastautoren auch ehemalige Mannschaftsmitglieder der Titanic (http://www.faz.net/-gpf-8fzhp). Die Taz basht auch irgendwie (http://www.taz.de/!5295335/) und Bernd Lucke sowieso (http://www.faz.net/-gpf-8fzv7).

Mir geht es im Folgenden um einen Aspekt, der bisher jedoch kaum eine Rolle spielte, nämlich um Jan Böhmermanns Geschichtsbewusstsein – das langfristig gefährlich werden könnte, momentan aber leider ziemlich gut ankommt.

Als erstes Beispiel sei ein Tweet vom 20. Januar 2016 genannt:

Das Argument, Vorschläge aus dem Nachbarland seien nicht immer gut, weil es mal einen Adolf Hitler gab, ist an Denkfaulheit kaum zu überbieten: Erstens behauptet Andreas Scheuer nirgends, dass die Idee gut sei, weil sie aus Österreich kommt. Und zweitens argumentiert er in seinem Tweet nicht historisch. Böhmermann wählt eigenständig und ohne Not den (klugerweise: impliziten) NS-Vergleich, weil es so schön einfach ist; einfacher anscheinend, als sich an Scheuers eigentlicher und gegenwartsbezogener These von der „Macht des Faktischen“ abzuarbeiten, gegen die es genug einzuwenden gäbe, etwa Österreichs geographische Lage auf der sogenannten Balkan-Route, nämlich ‚vor‘ Deutschland.

Dieselbe rhetorische Figur der reductio ad hitlerum (gibt’s wirklich als Fachbegriff) begegnet uns – doppelt indirekt – 11 Tage später.

Um es hier gleich klarzustellen: Ich lehne so ziemlich alle Positionen ab, die Beatrix von Storch vertritt. Aber das ist ebenfalls argumentativ lösbar und zwar ohne Rückgriffe auf Verwandtschaftsbeziehungen. Böhmermanns Prinzip dagegen bleibt simpel: Man finde eine Teilmenge mit dem Nationalsozialismus (Österreich oder den Reichsminister in der Ahnenreihe) und bringe ihn dann einfach mal als Strohmann ins Spiel.

Ende März wurde der Ansatz mit „Be deutsch!“ auf die Spitze getrieben:

Ich überspringe einfach ein paar Szenen, vor allem die etwas – nennen wir es einmal wohlwollend: schwierige – Analogisierung von ‚Reichskristallnacht‘ und Gunpowder Plot ganz zu Beginn. Spätestens an den Stellen „We are here to remind you, that we have once been stupid, too“ (min 2.05) und „We’ve learned our lessons, so take our advice“ (min 2.33) stellen sich mir die Nackenhaare auf.

Jetzt könnte man von Ironie ausgehen; davon, dass Böhmermann einfach nach allen Seiten austeilt und insbesondere etwas aufs Korn nimmt, das Jeffrey Olick mal als „Sühnestolz“ der Deutschen bezeichnete. Dieser Erklärungsansatz greift jedoch nicht. Denn was der Kulturschaffende später durch die Figur des kleinen Gretchens vortragen lässt, ist eine ernst gemeinte republikanische Botschaft und in der Gesamtschau erscheint die Truppe unter der EU-Flagge durchaus als sympathisch. Das „Be deutsch!“ ist also ehrlich gemeint – die Ironie im Beitrag beschränkt sich auf die ramsteinige Vortragsweise sowie die birkenstockige Bildebene und erstreckt sich nicht auf den Liedtext und dessen politischer Botschaft.

Die Tendenz ist klar: Wie angeblich die mustergültige Bundesrepublik Deutschland muss man aus der Vergangenheit lernen. Und zwar, indem man wie im Clip gegenwärtige Phänomene – darunter fallen sowohl eindeutige Verbrechen (Schutzsuchende zu bedrohen) als auch politisch missliebige Entscheidungen (für Trump oder eben, wie oben, seitens Scheuer) – eins zu eins gleichsetzt mit Entwicklungen aus der Vergangenheit. Jörn Rüsen spräche von einem exemplarischen Geschichtsbewusstsein. Die Vergangenheit hat darin keinen Eigenwert, sondern dient bloß als beispielgebende Lehrmeisterin für die Gegenwart, deren Mehrdeutigkeit überdies dadurch auch noch geleugnet wird.

Geschichte ist folglich nicht länger Gegenstand von Interpretationen bzw. nicht länger ein Vermittlungsversuch zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Vielmehr wird jeder Unterschied zwischen zwei Zeiten nivelliert und zugleich so etwas wie die eine historische Wahrheit gepachtet. Diese Weltsicht ist nicht bloß intellektuell unterkomplex, sondern gefährdet einen Meinungspluralismus, den der Satiriker doch eigentlich verteidigen wollte.

Seine wiederholt betriebene Form historisch-politischen Denkens bricht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit allen Prinzipien des Beutelsbacher Konsenses (http://www.bpb.de/die-bpb/51310/beutelsbacher-konsens). Sie öffnet langfristig Menschen, die es weitaus weniger gut meinen als Böhmermann, Tür und Tor zur Manipulation des Geschichtsbewusstseins der Zuschauer. Denn was uns ‚die‘ Geschichte lehren sollte, ist, dass es nicht die eine historische Lehre gibt.