Münsters Kiepenkerl-Denkmal (i) – Zeit der Errichtung (um 1896)

Wie kein anderes Denkmal in Münster kann der Kiepenkerl von der Stadtgeschichte erzählen – und das seit seit fast 120 Jahren.

Muenster Kiepenkerl 5972[Das Kiepenkerl-Denkmal in seiner aktuellen Fassung von 1953; Foto: Rüdiger Wölk für Wiki Commons; CC-BY-SA-2.5]

„Ein Denkmal ganz eigener Art“ sei am 16. Oktober 1896 in Münster eingeweiht worden, berichtete der Münsterische Anzeiger am folgenden Tag. Dabei handelte es sich um den Kiepenkerl, der noch heute am Spiekerhof steht. Dass diese Skulptur einmal das populärste Denkmal der Stadt werden sollte, war 1894 noch nicht abzusehen. Damals beauftragte der sogenannte „Verschönerungsverein“ den Bildhauer August Schmiemann mit dem Werk, um dieses dann zwei Jahre später der Stadt zu schenken. Wie und warum das Kiepenkerl-Denkmal in den nächsten 120 Jahren seine erstaunliche Karriere machte, möchte ich hier im Blog schrittweise erklären.

Mit Blick auf die damalige Zeit war die Motivwahl tatsächlich außergewöhnlich. Um die Jahrhundertwende hatten nämlich vor allem Denkmäler für Herrscherpersönlichkeiten Konjunktur, etwa für die Kaiser Wilhelm I. und II. beziehungsweise den „Eisernen Kanzler“ Otto von Bismarck. Ein junger Mann vom Lande, der in der Stadt mit allerlei Frischwaren hausiert, fügte sich nicht so ganz in diese Reihe.

Warum also ließ eine durch und durch (bildungs-)bürgerliche Vereinigung den Kiepenkerlen ein übermannshohes Standbild errichten?

Die Ursachen liegen in den tiefgreifenden Veränderungen, die Münster damals erlebte. 1890 war der Hauptbahnhof eröffnet worden, der den seit etwa 40 Jahren bestehenden Eisenbahnverkehr wesentlich vereinfachte. 1899 folgte der Hafen am Dortmund-Ems-Kanal, um den sich erstmals nennenswert Industrie ansiedelte. (Aus diesem Grund befinden sich die Stadtwerke bis heute dort.) Ab 1901 fuhr eine Straßenbahn durch Münster. Die Bevölkerungszahl war zudem rasant gestiegen: Am 1. Dezember 1871 hatte die Stadt ca. 25.000 Einwohner, am 1. Dezember 1900 waren es bereits fast 64.000. Münster wurde also allmählich zur Großstadt und dehnte sich auch administrativ erstmals über den heutigen Hansa- und Hohenzollern-Ring aus.

Der schroffe Gegensatz zwischen dem katholischen Milieu der Bischofsstadt und dem protestantisch dominierten Zentralstaat verlor dagegen an Bedeutung. Vom Kulturkampf der 1870er-Jahre war nur noch wenig zu spüren. Nicht umsonst wurde 1904 die wiederbegründete Universität nach Kaiser Wilhelm benannt und 1906 der heutige Fußballdrittligist „Preußen Münster“ gegründet (allerdings als F.C.).

Politisch bewegt waren die Zeiten in Münster dennoch. Erstens professionalisierte sich die katholische Zentrums-Partei.  Zweitens hatte man wegen der Industrialisierung und der neuen Verkehrsanbindung Furcht davor, dass sich eine neue, politisierte Unterschicht entwickeln würde – das Proletariat, das vielleicht eines Tages die SPD an die Macht bringen könnte.

Grundsätzlich begrüßten Münsters Deutungseliten die allmähliche Ankunft der Moderne, allerdings wollte man sie hier konservativ moderieren. Dazu bedurfte es gewisser Vorbilder, die Orientierung stifteten. Der Kiepenkerl – als ehrlicher Kaufmann und als Vermittler zwischen Stadt und Land – war dafür der perfekte Kandidat.

So gedachte der Landgerichtsrat Offenberg laut Münsterischem Anzeiger vom 17. Oktober 1896, „in einigen Worten der früheren Bedeutung des ‚Kiepenkäls‘, wie er bei Sturm und Schnee, bei Hitze und Sonnenschein getreulich seines Amtes gewaltet und dadurch seinen Stand zu einem gewissen Ansehen gebracht habe. Bei den modernen Communicationsmitteln, welche es dem Bauersmann selbst ermöglichen, seine Producte zum Markt zu bringen, sei der Kiepenkäl überflüssig geworden, und gehöre sein Dasein nun fast der Vergangenheit an. Um die Erinnerungs daran nicht ganz aussterben zu lassen, sei von unserm Mitbürger Herrn Bildhauer Schmiemann sein Modell entworfen und von der Württemberg.[ischen] Metallwaren-Fabrik zu Garslingen ausgeführt [worden], wie es treffender nicht hätte sein können. Nunmehr übergab [der] Redner das Denkmal der Stadt und schloß mit einem Hoch auf unsere gute alte Vaterstadt Münster. Während die umstehende Menge, wohl 3-400 Personen, in das Hoch begeistert einstimmte, fiel die Hülle und zugleich spie der an der Spiekerhof-Frontseite angebrachte Löwenkopf seinen Wasserstahl in das am Fuße des Postaments angebrachte Wasserbecken.“

Mit einigen Dankesworten seitens der Stadtverwaltung, so der Zeitungsartikel weiter, und einem weiteren, dreimaligen Hoch auf die Stadt „endete denn eine Feier, welche, so einfach sie auch ist, doch einzutragen werden verdient in die unserer an historischen Besonderheiten so reichen Vaterstadt.“

Literaturhinweise:

Ein Blogbeitrag von Bernd Thier (Stadtmuseum Münster) vom 3. Dezember 2013 informiert bereits ausführlich über die Geschichte des Denkmals. Dort sind auch zahlreiche Abbildungen zu sehen. Des Weiteren werden Kiepenkerl-Denkmäler außerhalb Münsters vorgestellt. Ebenda findet sich zudem ein ausführliches Literaturverzeichnis. Unter den dort aufgeführten Titeln sind besonders hervorzuheben:

Hans-Peter Boer, Der westfälische Kiepenkerl. Eine problematische Traditionsfigur?, in: Fritz Dieckmann/Gisbert Strotdees (Hgg.), Münster. Zentrum der Landwirtschaft. Gestern und heute, Münster 1993, S. 110-113.

Wolfgang Gernert, Der vergessene Bildhauer August Schmiemann (1846-1927), in: Westfalen 89 (2011), S. 273-300.

Dietmar Sauermann, Der Kiepenkerl. Eine problematische Erfindung, in: Heimatpflege in Westfalen 4 (1991), S. 1-4.

Analysiert wird der Kiepenkerl daneben auch in: Jan Matthias Hoffrogge, Erinnerungsorte in Münster. Die Droste, die Täufer, der Westfälische Friede und der Kiepenkerl zwischen Weimarer und früher Bonner Republik, in:  Westfälische Forschungen 65 (2015), S. 395-422.