Bundestagswahl zum Fünften

In der Faz.net beschäftigen sich acht Doktoranden des Graduiertenkollegs „Romantik“ (Jena) mit der Frage, warum es die Alternative für Deutschland allherbstlich an den Kyffhäuser zieht – an die angebliche Ruhestätte Kaiser Barbarossas.

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Nachtrag zu „Finis Germania“

In der Jüdischen Allgemeinen seziert Volker Weiß den in diesem Blog schon einmal kurz erwähnten Essayband „Finis Germania“ Hans Peter Sieferles: Das „Pamphlet strotzt vor völkischen und judenfeindlichen Aussagen – und stürmt die Bestsellerlisten“.

Weiß ist mit der Materie bestens vertraut, sein Buch über die „Autoritäre Revolte“ ist eine herausragende Analyse jenes neurechten Diskurses, der sich bei Pegida, der Jungen Freiheit, dem Institut für Staatspolitik und auch der AfD findet. Denn die Studie bringt sehr klare Befunde zum Biologismus, Antirepublikanismus (beides S. 115) und NS-Kult der Szene (S. 114ff.) (in dem Punkt irrte Jörg Retterath in seiner Rezension auf HSozKult) – und all das ist umso überzeugend-erschreckender dargestellt, als Weiß auf den bei diesem Thema üblichen Duktus von 3Sats „Kulturzeit“ verzichtet.

Meanwhile in Greifswald/Mecklenburg-Vorpommern

Die an dieser Stelle schon kurz thematisierte Umbenennung der Ernst-Moritz-Arndt-Universität scheitert an einem Verfahrensfehler. Das berichtet faz.net; ebenda auch eine ausführlichere Darstellung vom 22.02.2017.

Namensstreit an der Universität Greifswald

Rubenowplatz Greifswald

[Das Hauptgebäude der Universität Greisfwald am Rubenowplatz; Markus Studtmann via WikiCommons, alle Rechte bei ihm]

In Greifwald tobt ein heftiger Streit um den Namen der Universität, der laut Senatsbeschluss nicht länger an Ernst Moritz Arndt erinnern soll (siehe hier eine Stellungnahme der Hochschulleitung und des Senatsvorsitzes zum Vorgehen und den Hintergründen).

Heute fanden gar zwei Kundgebungen statt, wie der NDR berichtet. Insbesondere der Pegida-Bewegung nahstehende Kreise machen offenbar unter dem Motto „Das ist unser Ernst“ Front gegen den Beschluss.

Über die historischen Hintergründe des Bennungsaktes 1933 und dem Festhalten der DDR und des wiederbegründeteten Landes Mecklenburg-Vorpommern am Nationalisten Arndt („Was ist des Deutschen Vaterland?“) informierten der Tage Knut Langewand und Niels Hegewisch im Blog des Merkur.

Die Libertines, James Bond und der Brexit

Was Geschichtsbilder in der britischen Popkultur mit dem Referendum vom 23. Juni zu tun haben könnten…

Am 23. Juni 2016 wird in Großbritannien über die Zukunft der Europäischen Union entschieden, denn es steht ein „Brexit“ im Raum. Stimmen die Wahlberechtigten im Referendum für einen Austritt aus der Union, verlöre diese ihre zweitgrößte Volkswirtschaft, das Land, das 2050 unter den gegenwärtigen Mitgliedstaaten die größte Bevölkerung haben dürfte sowie eine Atommacht mit Sitz im UN-Sicherheitsrat – von der ungewissen Zukunft Schottlands im Falle eines Austrittes und der Signalwirkung auf andere Mitgliedsstaaten ganz zu schweigen.

Eine historische Entscheidung also, die zum Teil auch nur historisch erklärbar ist. Dominik Geppert, Professor an der Universität Bonn und vormals langjähriger Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut London, merkte dazu schon vor einigen Monaten in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung an: „Die Gründungsgeschichte der europäischen Integration handelte vom Wiederaufstieg des Kontinents aus den Trümmern zweier verheerender Kriege, von der Überwindung der Feindschaft zwischen den Nationen, der Sicherung der Zukunft durch Zusammenarbeit. Großbritannien dagegen blieb auch deswegen stets ein schwieriger Partner in der europäischen Gemeinschaft, weil dem Land das Erlebnis der Niederlage ebenso fehlte wie die Erschütterung der politischen Institutionen und der Vertrauensverlust in die nationale politische Führung, wie ihn die meisten kontinentaleuropäischen Völker erlitten hatten.“

Dieser Ansatz, britische Vorbehalte gegenüber ‚Brüssel‘ geschichtskulturell zu erklären, lässt sich meines Erachtens noch erweitern, indem man untersucht, welcher Blick von der Insel aus auf die Antike geworfen wird. Die Antike eignet sich in der gegenwärtigen Situation besonders für Versuche, Sinn über Tradition zu stiften, da sie nicht wenigen – vor allem in Gestalt des Römischen Reiches – als Vorläufer der supranationalen EU scheint. Als Quellen für die kurze Untersuchung dienen dabei im Folgenden zwei Ikonen der britischen Popkultur, die zudem echte Exportschlager sind: The Libertines und James Bond.

„There are fewer more distressing sights than that of an Englishman in a baseball cap“ – um markige und durchaus nationalistische Textzeilen waren die Libertines, wie hier in „Time for Heroes“ (2002), noch nie verlegen und ebenso wenig um Auftritte in Uniformröcken. Aus ihrer antirassistischen Grundhaltung machen sie jedoch ebenfalls keinen Hehl. Am deutlichsten artikulierte sich diese wohl in „Arbeit macht frei“. Letzteres erschien auf dem Album „The Libertines“, das 2004 im Vereinigten Königreich die Spitze der Charts erklomm und auch in Deutschland immerhin noch einen 20. Platz erreichte.  In Bezug auf die Antike ist vor allem die dortige letzte Nummer interessant, „The Good Old Days“.

Pete Doherty beschwört darin eingangs den großen Aufstand der Kelten in Britannien gegen die relativ junge römische Herrschaft im Jahr 61 nach Christus: „If Queen Bodecia is long dead and gone / Still then the spirit in her children’s children’s children it lives on.“ Man mag sich das einmal in Deutschland vorstellen: Ein Nummer-Eins-Album, in dem vom Sieg in der Hermannsschlacht die Rede ist… (Selbst in Frankreich – so vermute ich zumindest – nähme man das Pendant, eine Eloge auf die Belagerung von Alesia, spätestens seit „Asterix und der Avernerschild“ nicht mehr ernst.)

Die nächsten Passagen dagegen sind dem Heroin und dann Dohertys anderer Hassliebe gewidmet, nämlich dem besten Freund beziehungsweise dem Gitarristen der Band, Carl Barât: „If you’ve lost your faith in love and music / Oh the end won’t be long / Because if it’s gone for you then I too may lose it / And that would be wrong.“ Verquickt wird diese schwierige Beziehung abschließend wieder mit gesellschaftlichen Fragen. Das Lied endet nämlich mit einer Hymne auf die Seefahrernation Großbritannien:

The arcadian dream has all fallen through /
But the Albion sails on course /
So let’s man the decks and hoist the rigging /
Because the pig mans found the source /
And theres twelve rude boys on the oars

Wie genau dieser „arkadische Traum“ aussieht, deutet sich in einem weiteren, mit „Albion“ betitelten Song an. Offiziell veröffentlicht wurde die Nummer zwar erst auf dem Debüt des zwischenzeitlichen Libertines-Surrogat The Babyshambles („Down in Albion“ (2005), Platz 10 in den UK-Charts; Platz 8 für die Single). Die Libertines hatten es jedoch schon bereits zuvor gespielt, hier eine Sessionversion:

„Albion“ ist der keltische Name für die britischen Inseln und gefeiert werden unter dieser Bezeichnung nun allerlei Ikonen der britischen Popkultur: Gin in Teebechern, Reeboks und vieles mehr (hier eine echte Analyse im Guardian). Besonders interessant sind dabei die Auftaktverse:

Oh Down in Albion /
They’re black and blue /
But we don’t talk about that /
Are you from ‚round here? /
How do you do? /
I’d like to talk about that

Reichlich mitgenommen und verdroschen ist also dieses Land, das sich seine Wunden lecken will, indem es wieder auf sich selbst und seine Traditionen bezieht.

Womit wir beim nächsten und jüngeren Beispiel wären: James Bond beziehungsweise dem bisher vorletzten Film der Reihe, „Skyfall“ (2012). Vom dessem geschichtskulturellen Anspruch zeugt die Szene, in der Bond und sein Tüftler Q sich in der National Gallery treffen:

Das Gemälde, das den beiden als Vergleichsfolie für Bonds Situation dient, ist William Turners „Fighting Temeraire“ von 1839. Vor Trafalgar hatte sie 1805 noch zum Sieg der Royal Navy beigetragen, 1838 wurden Temeraire abgewrackt.

Ebenfalls aus den 1830er-Jahren stammt das Gedicht „Ulysses“, das M vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss vorträgt:

We are not now that strength which in old days /
Moved earth and heaven, that which we are, we are; /
One equal temper of heroic hearts, /
Made weak by time and fate, but strong in will /
To strive, to seek, to find, and not to yield

 

Dreierlei findet sich, wie schon in den anderen Beispielen, auch in diesen Zeilen: Der Aufruf, an alte Größe anzuknüpfen. Das Bekenntnis zur Navy und dem Inseldasein Britanniens – immerhin zieht es Ulysses/Odysseus nach Ithaka. Und, beides kombinierend, eine mythische Zukunftsvision für das Vereinigte Königreich, das sich darin seiner Widerstandstraditionen wieder bewusst wird.

Ich möchte von diesen kleinen Beobachtungen nicht zu weit schließen, aber mir scheint, dass dies der Nährboden ist, auf dem der Wunsch nach einem Brexit gedeiht, sind doch die Libertines und  James Bond keine Randphänomene der britischen Popkultur.

Prognosen für den 23. Juni zu treffen, fällt vielleicht auch wegen dieser diffusen aber weitverbreiteten mythischen Geschichtsbilder schwer. Es sieht jedenfalls nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen aus.

 

Nachträge:

Die Rezension von FM4 (ORF) zum letzten Album der Libertines „Anthems for Doomed Youth“ (2015) geht ebenfalls auf Geschichtsbilder der Band ein.

Zur Rolle der Kulturschaffenden in der Brexit-Diskussion siehe zudem einen Artikel in der NZZ.