Zur Lage der Geisteswissenschaft; auch in geschichtskultureller Perspektive

Vor zwei Jahren hielt Hans Ulrich Gumbrecht („Sein eigener Mann in Stanford“, wie taz mal meinte) vor der Hochulrektorenkonferenz einen sehr interessanten Vortrag (hier die Mitschrift). Es ging unter anderem um Geschichtsbilder, die Konzeption von Studiengängen und die Frage, wann nun die Geisteswissenschaften kollabieren.

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71 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges

Unrunde Jahrestage machen nachdenklich. Eine kleine Analyse über die Bonner Republik und ihre Schwierigkeit, an den 8. Mai 1945 zu erinnern.

V-E-Day Stars and Stripes No 285 Paris 8 May 1945[The Stars and Stripes, die Zeitung der US-Armee, vom 8. Mai 1945 (Ausgabe Paris); Foto: US Army, gemeinfrei]

Am 7. Mai 1945 unterzeichnete Generaloberst Alfred Jodl in Reims die bedingungslose Kapitulation des Deutschen Reiches. Ab dem 8. Mai 1945, 23.01 Uhr, sollten alle Kampfhandlungen in Europa eingestellt werden. Seitdem feiert man in Westeuropa und Nordamerika am 8. Mai als „Tag der Befreiung“. In Moskau wurde die Kapitulation erst einen Tag später verkündet, sodass in der Sowjetunion und auch heute in Russland der 9. Mai als eigentlicher Jahrestag des Kriegsendes gilt. (Und nein, das ist keine kalendarische Petitesse, sondern Ausdruck des Streits darüber, welcher Nation der Verdienst gebührt, das ‚Dritte Reich‘ niedergerungen zu haben. Passender Nachtrag vom 9. Mai 2016: http://www.faz.net/-gpc-8guc1)

In Deutschland war dieser Jahrestag lange umstritten. So recht funktionierte die Befreiungslogik nicht für diejenigen, die den 8. Mai 1945 als Zeitzeugen erlebt hatten. Warum das so war/ist/sein wird, erklärte Reinhart Koselleck vor einigen Jahren in seinem kurzen Text „Der 8. Mai zwischen Erinnerung und Geschichte“ (wiederabgedruckt in: Reinhart Koselleck, Vom Sinn und Unsinn der Geschichte, hrsg. von Carsten Dutt, Berlin 2010, S. 254-265).

Erstens gebe es ein Problem der Nachvollziehbarkei von Ereignissen. Koselleck spricht von „Eigenerfahrungen“, die „in den Leib gebrannte Erfahrungen“ seien, welche nur die Zeitzeugen haben können. Sie „verschließen sich dem Nachbarn, mehr noch den Nachgeborenen.“ (255) Die Nachgeborenen haben demnach nur „Sekundärerinnerungen“, „erlernte Wissensbestände über Erinnerung und Erfahrung jener Menschen, deren Eigenerfahrung eben nicht erlernbar sind.“ (256) (Ob dieses Modell tatsächlich tragfähig ist, werde ich wohl im theoretischen Teil meiner Dissertation untersuchen.)

Was sich damit abzeichnet – Koselleck argumentiert nicht ganz so explizit, und ich fasse nun im Folgenden zusammen -, ist ein Konflikt zwischen zwei Modi des Erinnerns oder vielmehr ein Generationenkonflikt zwischen denjenigen, die den Krieg erlebt haben und den Nachgeborenen. Die Krux liegt eben darin, dass es soziologisch betrachtet kein „Handlungssubjekt“ gibt (im Sinne etwa des deutschen Volkes), das sich ‚wirklich‘ erinnern könnte, sondern immer nur „kollektive Bedingungen der je eigenen Erinnerungen“ (257). Eben um diese Bedingungen wird geschichtspolitisch gestritten.

Im Hinblick auf die „Eigenerfahrungen“ führt Koselleck dann zweitens aus, wie unterschiedlich diese am 8. Mai 1945 waren. Auszumachen sind dabei drei Gruppen: „Die Überlebenden des deutschen Terrorsystems fanden sich, einmal befreit, auf seiten der Sieger. Sie selbst zu den ‚Siegern‘ zu zählen, verbietet sich. Hiergegen sprechen die völlig anderen Erfahrungsgehalte derjenigen, die dem Terror entkommen sind. Und eben deshalb verbietet es sich, die Deutschen, einmal besiegt, zu den in gleicher Weise Befreiten zu rechnen.“ (259) Denn ihre Opfer seien lange Zeit „aktiv“ gewesen, „gedacht für das Vaterland“ und nicht „passiv erlittene“ (259).

Koselleck benennt noch eine dritte Schwierigkeit: Das auch Deutsche Opfer wurden im Kontext von Flucht und Vertreibung, der Luftangriffe sowie der Vergewaltigungen. Im Fall der – nach seiner Zählung – 18 Millionen Vertriebenen „von ‚Befreiung‘ zu sprechen“ sei unangemessen. „Besiegte waren sie allemal, oft dafür haftend, was andere an Verbrechen begangen hatten, einer Rache ausgeliefert für Taten, die nicht die ihren waren.“ (261) (Kosellecks Familie stammte übrigens aus Schlesien, er selbst verbrachte einige Monate in sowjetischer Kriegsgefangenschaft – er schrieb eben auch über die eigenen, „in den Leib gebrannten“ Erfahrungen.)

So viel zur grundsätzlichen Problemlage und zur Frage, warum der 8. Mai in Westdeutschland nie wirklich gefeiert wurde. In der DDR handelt es sich zwischen 1950 bis 1967 (!) und nochmals 1985 um einen gesetzlichen Feiertag. In der BRD hielten die Bundespräsidenten Heinemann (1970), Scheel (1975) und Weizsäcker (1985) Reden zum Jahrestag. Heinemanns Rede ist, soweit ich das überblicke, so gut wie vergessen. An Scheels Rede erinnert immerhin noch seine Partei (https://www.liberale.de/content/walter-scheel-spricht-als-bundespraesident-ueber-den-8-mai-1945). Weizsäckers Ansprache dagegen „gilt als eine der wichtigsten Reden der deutschen Nachkriegszeit“ (http://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/205925/befreiung-vom-nationalsozialismus).

Ernst-von-Weizsäcker[Richard von Weizsäcker (links) im Alter von 28 Jahren als Strafverteidiger seines Vaters Ernst von Weizsäcker (rechts) während des Wilhelmstraßen-Prozesses; Foto: Telford Taylor Papers, gemeinfrei]

Ich verzichte an dieser Stelle auf eine längere Analyse. Der Schlüsselsatz jedenfalls lautete: „Und dennoch wurde von Tag zu Tag klarer, was es heute für uns alle gemeinsam zu sagen gilt: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“ (http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Richard-von-Weizsaecker/Reden/1985/05/19850508_Rede.html)

So furchtbar neu war das alles gar nicht, die Amtsvorgänger Heinemann und Scheel (und davor noch Heuss) hatten sich schon ähnlich geäußert. Dass Weizsäckers Rede eine solche Wirkung hatte, liegt vielmehr an ihren Umständen: Erstens hatte sich endgültig ein Generationenwandel vollzogen. Der Bundeskanzler war 1945 noch minderjährig gewesen, die Weltkriegsteilnehmer verabschiedeten sich allmählich in Pension und Rente. Zweitens gehörte Richard von Weizsäcker eben noch zu dieser Generation, er verfügte über reichlich Eigenerfahrung: als Wehrmachtsoffizier, Diplomatensohn und Strafverteidiger im Wilhelmstraßen-Prozess. Einen besseren (da nationalkonservativen Kreisen unverdächtigeren) Eisbrecher hätte man kaum finden können. Drittens formulierte der Bundespräsident eine Art Minimalkonsens in geschichtspolitisch turbulenten Zeiten. Dem sozial-liberalen Lager, das 1982/83 in Bonn die Mehrheit verloren hatte, graute es vor der „geistig-moralischen Wende“, die Bundeskanzler Kohl angekündigt hatte.

Ehrenfriedhof bitburg[Ehrenfriedhof in Bitburg; Foto: Smiss für Wiki Commons, gemeinfrei]

Drei Tage vor Weizsäckers Rede, am 5. Mai 1985, hatte der Bundeskanzler gemeinsam mit dem US-Präsidenten Ronald Reagan die Kriegsgräberstätte Bitburg besucht und einen Kranz niedergelegt. Pikanterweise waren in Bitburg jedoch auch Mitglieder der Waffen-SS bestattet worden… (https://de.wikipedia.org/wiki/Bitburg-Kontroverse) Die Angst vor einem Rückfall in Sachen „Vergangenheitsaufarbeitungen“ war ein ganz zentrales Thema der späten Bonner Republik (siehe dazu auch https://docupedia.de/zg/Historikerstreit).

Wie sieht es heute aus, in der Berliner Republik, 71 Jahre nach dem Kriegsende?

Ich habe heute um 15.30 Uhr die Homepages der auflagenstarken, überregionalen deutschen Zeitungen abgesucht. Weder taz, noch SZ, Zeit, Welt und FAZ haben einschlägige Berichte auf der Frontseite. Spiegel online bringt aber eine spannendes Gespräch mit Matthias Lohre: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/zweiter-weltkrieg-die-folgen-fuer-die-nachkriegskinder-a-1091027.html

Auch dieses Interview handelt davon, wie viel der Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg von der (alten) Bundesrepublik verrät.

 

Addenda:

http://www.tagesspiegel.de/meinung/8-mai-1945-ein-ende-das-ein-anfang-war/1817120.html (tolle Einführung aus dem Jahr 2010)

http://www.tagesspiegel.de/politik/die-deutschen-wissen-heute-wohl/606844.html (nochmals speziell zu den Bundespräsidenten)