Schweizer Gegenwart und Vergangenheit

Auf H-Soz-Kult veröffentlichte Michael Junker (Universität Luzern) eine Rezension zur Dissertation von Philippe Rogger über „Geld, Krieg und Macht“ (Baden 2015). Der Rezensent erläuert darin, wie sich in Vergangenheitsbetrachtungen politische Bedürfnisse der Gegenwart spiegeln. Konkret geht es dabei um das Eidgenössische Söldnerwesen im frühen 16. Jahrhundert, dessen ‚innenpolitsche‘ Wirkung und die ökonomische Einbindung der Schweiz in den Wirtschaftsraum Europa.

http://www.hsozkult.de/review/id/rezbuecher-24928?title=p-rogger-geld-krieg-und-macht&recno=5&q=&sort=&fq=&total=13738

Einen dystopischen Gegenentwurf zum nationalkonservativen Isolationismus der Marke SVP bietet bekanntermaßen Christian Krachts kontrafaktischer Geschichtsroman „Ich werde hier sein im Sonnenschein und Schatten“ aus dem Jahr 2008. Dieser wiederum ist nicht ganz ohne realhistorischen Hintergrund, siehe dazu die Arbeit von Lukas Zürcher, Die Schweiz in Ruanda, Zürich 2013 (rezensiert u.a. von http://www.hsozkult.de/review/id/rezbuecher-21786?title=test-url-titel).

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Fantasy aus Japan, die Angelsachsen, die Krim, Austria und Adorno

Assoziationen zu einer Roman-Rezension

In der Neuen Zürcher Zeitung las ich eine sehr positive Rezension zu Kazuo Ishiguros Roman „Der begrabene Riese“ (NZZ, Internationale Ausgabe, 2. Mai 2016, S. 22 – bisher leider noch nicht online). Das Werk handelt von einer Heldenreise und zwar in einem phantastischen aber deutlich angelsächsisch konnotierten Britannnien, in dem ein furchtbarer Drache haust. Eingebettet ist die Geschichte in die Konflikte der Völkerwanderungszeit.

Der Rezensent, Martin Zähringer, sieht in dem Werk letztendlich eine Allegorie auf die Frage, ob „die kollektive Verdrängung eines historischen Massakers ein notwendiger zivilisationsbegründener Akt ist“?

Spontan kamen mir nach der Zeitungslektüre zwei Assoziationen:

Zum einen zu Christoph Ransmayrs Buch „Morbus Kitahara“, das ein Morgenthau-Plan-Land imaginiert, aus dem es nur einen Ausweg gibt. (Hätte ich Ressentiments, spräche ich von einer besonders österreichisch anmutenden Erzählung.)

Zum anderen zu einem Interview, das der Historiker Ulrich M. Schmid vor eineinhalb Jahren mit seinen beiden ukrainischen Kollegen Jaroslaw Hrytsak und Georgi Kasianov  führte (und zwar ebenfalls für die NZZ, veröffentlicht am 4. Oktober 2014 unter: http://www.nzz.ch/feuilleton/versoehnung-durch-amnesie-1.18396566). Hrytsak skizzierte darin zwei Wege der „Versöhnung“: ein „deutsches Modell“ (offenbar das der „Vergangenheitsaufarbeitung“) sowie ein spanisches, das auf „Amnesie“ abziele. Unabhängig davon, dass ich Hermann Lübbe und sein Raunen vom kommunikativen Schweigen der Nachkriegszeit nirgends trapsen höre und auch nicht Theodor W. Adornos entschiedene Zweifel an der Aufarbeitung; ebenso unabhängig davon, dass die nationalsozialistischen Verbrechen doch defintiv andere Dimensionen hatten (eben genozidal waren), kurzum: Unabhängig davon, dass ich Hrytsaks Argumentation nicht teile – Kalauer vermeide ich hier bewusst -, scheinen mir die Grundfragen erschreckend und spannend zugleich: Wie viel Amnesie braucht es in der Gegenwart? Ist diese Amnesie dann Ausdruck des (tendenziell passiven) Vergessens oder des (tendenziell aktiven) Verdrängens? Und in welcher Generation vollziehen sich diese Schritte?

Womit wir dann wieder bei Adorno wären und ich persönlich bei der letzten Frage, wann ich Zeit finde für den soeben entdeckten Artikel Ben Watsons über „Fantasy and Judgement. Adorno,Tolkien, Burroughs“ (Historical Materialism, 10/4 (2002), S. 213 – 238). Kazuo Ishiguros Roman interessiert mich zugegebenermaßen deutlich weniger – obschon der Titel ja durchaus inspiriert.

 

Nachtrag: Jaroslaw Hrytsak argumentiert freilich in Bezug auf die gegenwärtige Lage in der (Ost-)Ukraine und entwickelt gewissermaßen zwei geschichtspolitische Optionen. Da er dabei idealtypisierend verfährt, geht meine (‚empirische‘) Kritik wohl zum Teil ins Leere.