Babylon (im heutigen) Berlin

 

Wenn in einer Geschichtsserie, die im Berlin der 1920er-Jahre spielt, Bryan Farry auftritt, und zwar mit einem Cover von „Bittersweet“ der Gruppe „Ja, Panik“ (DMdKiuLidT, 2011) – dann wird, zumindest in Folge 10 der zweiten Staffel, klar: Hier hatten die Macher keine Angst, heutige (Kultur-)Werte in die Vergangenheit zu übertragen.

Es ist daher vielleicht auch nur bedingt sinnvoll, nach der sachlichen Richtigkeit mancher dargestellten Handlung in „Babylon Berlin“ zu fragen. (Waren Ludendorff und Kaiser Wilhelm II. im Jahre 1929 tatsächlich noch Fixpunkte und Identifikationsfiguren rechtsextremer Kreise?) Beziehungsweise nach der von Hans-Jürgen Pandel so bezeichneten „Typenauthentizität“ so mancher Charaktere. (Warum sind die beiden einzigen in der Serie auftretenden Juden beide Angehörige des linksrepublikanischen Lagers? Wie viele Milieus soll die Hauptfigur Lotte Ritter eigentlich widerspiegeln – Rotlichtwelt, Arbeiterklasse plus auftstrebende Angestelltenschicht?)

Als besonders aussagekräftig in Sachen Gegenwartswahrnehmung erscheinen – mit etwas Augenzwinkern – folgende Punkte, die die Serie recht nonchalant auf das Berlin der 1920er-Jahre „rückprojiziert“ (so C. bei ihrer Vorlesungsvorbereitung):

1. Das Berghain gab es schon 1929 – und zwar in Form des Moka Efti, inklusive eines SM-Salons im Keller. (Auf Belege, dass es im echten Moka Efti so zuging, bin ich gespannt.)

2. Hatespeech: Der Reichsaußenminister Gustav Stresemann erleidet einen (wie es scheint: tödlichen) Herzinfarkt – allerdings, anders als im echten Leben, im Angesicht einer ihn anpöbelnden Meute von SA-Männern (die den realen Stresemann allerdings auch in der Realität aufs perfideste beleidigten).

3. Berlin wird von kriminellen Clans regiert, deren Oberhäupter aus dem Ausland stammen. Im „Babylon Berlin“ der 1920er-Jahre ist es „der Armenier“ – jedoch nur in der Verfilmung, nicht in Volker Kutschers Roman „Der nasse Fisch“, der als Vorlage diente und in der der Obergangster auf gewisse Weise einen sehr deutschen Nachnamen trägt. Er heißt nämlich Marlow, wie Goethes Vorgänger. Gespielt wird „der Armenier“ nun (er wird wirklich immer so genannt) von Mišel Matičević, der schon in „Im Angesichts des Verbrechens“ den charmanten Mafioso aus Osteuropa gab und nur einer von zahlreichen Verweisen auf diese viel zu schnell eingestampfte (weitere) große Serie ist – neben dem Zug, der eine Hauptrolle spielt und der farbigen Darstellung des russischen Migrantenmilieus etwa.

4. Die neue Technik ist gefährlich. Ohne spoilern zu wollen: Letztendlich wird die Hauptfigur, Kriminalkommissar Gereon Rath, durch das damals neue Medium Radio auf eine Art und Weise gesteuert, die man heute mancherseits den digitalen Algorithmen unterstellt.

Ernsthaft: Einige Charakterisierungen erstaunen aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive. Neben den oben ausgeführten Einwänden gegen die Zeichnung der Putschisten sowie einzelner Charaktere betrifft das m.E. auch die Kommunisten, die mir zumindest bis zur letzten Folge doch etwas zu lammfromm beschrieben scheinen. Etwas mehr Mühe hätte sich auch die offizielle Homepage geben können, mit den weiterführenden Literaturhinweisen nämlich – Nachlesenswertes über die Weimarer Zeit gibt es auch außerhalb der Webpräsenz des Deutschen Historischen Museums und Berliner (Lokal-)Zeitungen. Aber dass sie das Interesse an der (echten) Weimarer Republik weckt, vielleicht sogar aufzeigt, wie sehr sich unsere Gegenwart des Jahres 2018 glücklicherweise von ihr unterscheidet, das ist ein wichtiger Verdienst dieser tollen Serie.

Und außerdem ist der Soundtrack einfach großartig.

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„This opportunistic instrumentalization of history…“

James Kirchick ist ein Journalist und Publizist, dessen Expertise auf der Außenpolitik liegt – und ein ziemlicher Freigeist. Als Neokonservativer unterstützte er Hillary Clinton, bei einem Interview mit dem Kreml-Sender „Russia Today“ spricht er auch gern einfach mal mehrere Minuten – ungefragt – über die Diskriminierung von Homosexuellen in Russland.

 

Zum Jahresende hat er sich auf politico die deutsche Außenpolitik vorgeknöpft, die er für nationalistisch hält und scheinheilig. In von Faz.net heute veröffentlichten Übersetzung heißt es:

Heute sind die Deutschen die einzigen, die Angst vor Deutschland haben. Diese opportunistische Instrumentalisierung der Geschichte – wonach Pazifismus und nicht die Bekämpfung von Diktaturen die wichtigste Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg darstellt – bietet ihnen ein bequemes und moralistisches Alibi gegenüber der Pflicht, globale Verantwortung zu übernehmen.

 

 

Ein Jahrestag, ein Mathematiker und die Funktion der Geschichtskultur

In Nordrhein-Westfalen werden am 23. August die Flaggen gehisst, um an die Landesgründung im Jahr 1946 zu erinnern. Im europäischen Ausland hat die Beflaggung einen ganz anderen Hintergrund: Seit 2009 wird am 23. August an den Hitler-Stalin-Pakt beziehungsweise Molotow-Ribbentrop-Pakt erinnert (siehe dazu etwa einen entsprechenden Sammelband von Kaminsky/Müller/Troebst und weitere, frei abrufbare Veröffentlichungen; in Deutschland ist der Jahrestag nicht umunstritten und eben auch deshalb die Beflaggungspraxis ein andere – siehe dazu eine kleine Debatte zwischen Wolfgang Benz und Horst Schüler im Tagesspiegel).

Bundespräsident Steinmeier wird in Tallinn eine Gedenkrede halten, die der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorab vorliegt:

In einem friedlichen Europa herrscht die Stärke des Rechts – und nicht das Recht des Stärkeren. Der Hitler-Stalin-Pakt markiert den Tiefpunkt einer zynischen Politik von Einflusszonen und von Großmächten, die sich Staaten und Völker Untertan machen wie Figuren auf einem Schachbrett. Nie wieder dürfen wir dorthin zurück! Wir haben heute in Europa diese Politik überwunden. Ja, es gibt immer noch größere und kleinere Länder in Europa – aber es gibt ausschließlich gleichwertige Mitglieder der Europäischen Union, mit gleichen Rechten und gleichen Pflichten.

[…]

Und deshalb: Wer das Völkerrecht bricht, wer die Institutionen des Friedens gefährdet, der erntet unseren gemeinsamen Widerstand.

International anerkannte Grenzen dürfen nicht einseitig und gewaltsam verändert werden. Deshalb werden wir die völkerrechtswidrige Annexion der Krim durch Russland nicht anerkennen.

Ist das vielleicht auch ein Seitenhieb auf das liberale Duo Lambsdorff/Lindner?

Man erlebe Steinmeier zufolge in diesem Zusammenhang auch „mehr und mehr, dass Politiker die Geschichte zu Waffen schmieden.“

Rein zufällig stieß ich heute Morgen im aktuellen Merkur auf einen längeren Artikel Felix Philipp Ingolds, der die „Neue Chronologie“ vorstellt. Der „Neuen Chronologie“ zufolge ist die Antike eine Erfindung des Mittelalters – das wiederum sehr viel russischer geprägt gewesen sei, als wir heute glauben. Der bekannteste Vertreter dieser obskuren Lehre ist der Mathematiker Anatolij Fomenko. Bei ihm handelt es sich dabei nicht um einen Außenseiter: Er ist Mitglied der der Russländischen Akademie der Wissenschaften und Professor gleich an mehreren russischen Universitäten.

Für den Fall, einmal nach dem Sinn und Unsinn von Geschichtskulturen gefragt zu werden, könnte man auf diese Beobachtung verweisen.

Liegt die Krim im Baltikum?

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[Am 23. August 1988, dem 50. Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes protestierten über eine Million Esten, Letten und Litauer gegen die Annexion ihrer Staaten durch die Sowjetunion; hier ein Bild aus Litauen; Kusurija via WikiCommons; CC-BY-SA-3.0]

In Folge des Hitler-Stalin-Paktes wurden die drei baltischen Republiken Estland, Lettland und Litauen bereits 1939 von der Sowjetunion besetzt und im Jahr darauf – zwangsweise und nach der Verschleppung zigtausender Bauern und Intellektueller – in die UdSSR aufgenommen. Nach der Besatzung durch die Deutschen, die insbesondere in Lettland und Litauen Millionen Juden verfolgten und ermordeten, wiederholte sich die Annexion 1944/45. Im Westen machte man auch während des Kalten Krieges gute Miene zum bösen Spiel (die Briten beispielsweise übergaben der Sowjetunion die in London gelagerten baltischen Devisen) und waren nach 1988 auch alles andere als begeistert, als die Balten sich erst für eine größere Autonomie und dann nach 1990 für die Unabhängigkeit ihrer Länder einsetzten – in ihren Augen eben die bloße Wiederherstellung der Souveränität (was letztlich auch völkerrechtlich akzeptiert wurde, mit entsprechenden Folgen für die Mitglieder der russischsprachigen Minderheiten).

Für gewöhnlich wird dieser Aspekt des Kalten Krieges in Westeuropa kaum beachtet. Umso erstaunlicher ist das plötzliche Interesse der FDP an diesem Thema.

Christian Lindner schlug am Wochenende in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung vor, angesichts der Besetzung der Krim zu verfahren wie nach 1945 mit den besetzten baltischen Republiken. Die Außenpolitik der Europäer und Nordamerikaner doch reichlich verklärend (s.o. und s.u.) heißt es bei Lindner: Die Annexion der baltischen Staaten durch die Sowjetunion haben wir auch nie anerkannt, trotzdem konnten Staatsmänner wie Willy Brandt und Walter Scheel eine Ostpolitik entwickeln, die Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher fortgesetzt haben, bis hin zur deutschen Einheit.

 

Die Tageszeitung verweist jetzt darauf, dass diese Lehre im Sinne der historia magistra vitae zum einen nicht ganz den Tatsachen der bundesdeutschen Außenpolitik von 1990/91 entspricht. Bonn war nämlich von einer Desintegration der UdSSR alles andere als begeistert. (Siehe auch diese spannende MA-Thesis, die Heiko von Bremen jüngst an der Universität Tartu vorgelegt hat, und die Arbeiten seines Betreuers Heiko Pääbo, bei dem ich auch einige Seminare besuchen konnte.)

Zum anderen erfährt man im Artikel, dass die Parallele bereits vom FDP-Europaabgeordneten Alexander Lamsdorff gezogen wurde – und insofern die gängige FDP-Position zur Krimbesetzung darstellen könnte. Interessanterweise gehören die Lambsdorffs zu den deutschbaltischen Familien, die bis 1918/39 großen Einfluss in Lettland und Estland hatten – womit sich die Thematisierung der baltischen Frage vielleicht erklären lässt.

Macron, Putin und das Schloss von Versailles

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet sehr ausführlich von den symbolischen und historischen Hintergründen/Implikationen, die dazu führten, dass der neue französische Präsident seinen russischen Amtskollegen nach Versailles einlud.

Kontroverse Ausstellung kommt nach Münster

Die europäische Wanderausstellung „Verschiedene Kriege“ macht Station in Münster! Und zwar ab dem 24. April im Foyer der Bezirksregierung am Domplatz.

Es geht um die Vermittlung des Zweiten Weltkrieges in Schulgeschichtsbücher aus Tschechien, Deutschland, Italien, Polen, Litauen und Russland – wo die Ausstellung, unter anderem auch von MEMORIAL organisiert, in regierungsnahen Medien heftig kritisiert wurde.

Tage russischer Literatur in Zürich

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[Der Rote Platz in Moskau im Jahre 2005; Alex und Eugen Zelenko via WikiCommons; CC-BY-SA-4.0]

In Zürich debattierte man der Tage ausführlich über die Lage der russischen Hintergründe. Die NZZ berichtete und verwies auf Mitschnitte, die man online nachhören kann.