Skulptur Projekte 2017 – Münster vs. Marl?

Ein paar Einwände gegen eine Pressemitteilung

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Kiepenkerl - Hirshhorn Museum and Sculpture Garden

[Stand auch schon in Münster – Jeff Koons Kiepenkerl aus Edelstahl; Aufnahme aus dem Hirshhorn Museum in Washington, D.C. von AgnosticPreachersKid für WikiCommons, CC-BY-SA-3.0]

Seit 1977 finden in Münster als zehn Jahre die Skulptur Projekte statt. Deren Geschichte wird, soweit ich das überblicke, erst allmählich erforscht [1] – man lehnt sich jedoch nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man behauptet, dass es bei den vier bisherigen Ausgaben immer auch um Geschichte ging.

Erinnert sei etwa nur an Jeff Koons Bronze-Kiepenkerl aus dem Jahr 1987. Oder man denke die noch heute allabendlich zu sehenden „Drei Irrlichter“ am Lambertiturm aus dem selben Jahr. Kontroverser waren noch das Denkmal für Paul Wulf oder Sol LeWitts „Black Form“. Letztere wurde dann letztendlich in Altona aufgestellt – worüber sich heute nicht wenige Münsteraner ärgern. [2]

Auch die fünfte Ausgabe im Jahr 2017 wird – zumindest teilweise – im Zeichen der Geschichtskultur stehen. Geplant ist jedenfalls etwa eine Kooperation mit der Stadt Marl, die als modernistisches Gegenstück zu Münster präsentiert wird.

Gestern erschien folgende Ankündigung zu einem Projekt namens „Heißer Draht“.  Auf der offiziellen Seite der Projekte fand ich noch nichts dazu, auf der Facebook-Seite wurde sie aber fleißig (und kommerziell) beworben.

Münster steht in diesem Gefüge exemplarisch für eine städtebaulich und gesellschaftlich konservative Haltung. Anderorts sah man auch in Deutschland die Bezugspunkte nach dem Krieg viel stärker in den utopischen Ideen der Moderne verwurzelt, die seit den späten 1950er Jahren stadtplanerische Entwürfe überall auf der Welt geprägt haben.
[…]
Die nordrhein-westfälische Stadt Marl mit 85.000 Einwohnern gehört sowohl zum Regierungsbezirk Münster als auch zum Ruhrgebiet. Anders als die kontinuierlich gewachsene Universitäts- und Kaufmannsstadt Münster mit ihren gut 300.000 Einwohnern entstand Marl durch den Zusammenschluss ehemaliger Dörfer mit den Siedlungen der Bergarbeiter und der Chemiebeschäftigten. Von der Jahrhundertwende bis in die 1960er Jahre hinein vollzog sich dabei ein derartiger Bevölkerungszuwachs, dass man zwischenzeitlich davon ausging, Marl werde sich zur Großstadt entwickeln. Als Reaktion auf diese Prognosen und um das fehlende historische Zentrum zu kompensieren, errichtete die Stadt in den 1960er und 1970er Jahren ein modernes Rathaus auf der „grünen Wiese“, mit Wohnhochhäusern und dem Einkaufszentrum Marler Stern. Das von den holländischen Architekten van den Broek und Bakema 1957 entworfene und von 1960-67 errichtete Gebäude steht als innovatives Beispiel deutscher Nachkriegsmoderne heute unter Denkmalschutz und repräsentiert somit eine Epoche, die man in der nach historischem Vorbild wiederaufgebauten Stadt Münster nahezu vergeblich sucht. Kurz: Die nach dem Zweiten Weltkrieg von beiden Städten gewählten Identitäten, Wiederaufbau und Kontinuität in Münster, radikaler Gestus in Marl, könnten unterschiedlicher nicht sein. Die für Marl vorausgesagte Stadtentwicklung ist jedoch nie eingetreten: Im Gegensatz zur wachsenden Stadt Münster, erfüllt das ehemals prosperierende Marl heute alle Kriterien einer schrumpfenden Stadt: Seit den 1970er Jahren mussten etliche Zechen schließen, die Einwohnerzahl blieb unter der 100.000er Grenze und ist seit den 1990er Jahren rückläufig. Wie große Teile des restlichen Ruhrgebiets auch, kämpft die Stadt mit hoher Arbeitslosigkeit, Leerstand und einer Vielzahl von sozialen Problemen, die sich aus dieser Strukturschwäche ergeben.

 

Mir ist klar, dass ein Ausstellungsprojekt kein Historisches Seminar ist und eine Kooperationsankündigung kein Schulbuchtext. In der Pressemitteilung heißt es zudem explizit,  der Gegensatz sei „grob vereinfacht“. Damit kann es aber in meinen Augen nicht getan sein und ein paar Einwände lassen sich guten Gewissens erheben:

– Wer ist hier „man“?

– Warum wird der Einfluss nicht erwähnt, den die Stadtplanung der nationalsozialistischen Zeit sowohl in Münster als auch in Marl hatte? Die Forschung diskutiert darüber jedenfalls schon länger. [3]

– Inwiefern sind – auch unter diesem Gesichtspunkt – die vorgestellten Gegensätze sinnvoll bzw. realistisch? Inwiefern etwa passt der Theaterneubau in Münster (1956) oder der Ausbau der PH am Aasee zu dem einfachen Gegensatz konservativ vs. modern?

– Ist es angebracht, für Marl eine Verfallsgeschichte zu schreiben und für Münster leichter Hand eine Erfolgsgeschichte? Wie passen etwa Coerde und Kinderhaus in dieses Bild?

 

Bisher war die Skulptur Projekte immer ein Ort fundamentaler Kritik an der Symbollandschaft Münster. Hoffentlich bleibt die zitierte ‚grobe Vereinfachung‘ bei der Umsetzung aus.

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[2] Seihe die Projektbeschreibungen auf der offiziellen Seite der Skulptur Projekte bzw. Presseartikel in den Westfälischen Nachrichten (Koons (Kiepenkerl, 1987), Baumgarten (Drei Irrlichter, 1987), das Denkmal für Paul Wulf von Silke Wagner (2007) und die „Black Form“ LeWitt (1987)). Das Kiepenkerl-Denkmal war auch schon auf diesem Blog Thema.
[3] Siehe in Bezug auf Münster etwa Marcus Termeer, Münster als Marke, 2010. Der für Marl so wichtige Chemiepark wurde 1938 eröffnet.

Barkenberg, oder: Neue Stadt Wulfen

Dort, wo das Münsterland allmählich in das Ruhrgebiet übergeht, liegt in ein städtebauliches Kleinod namens Barkenberg. Barkenberg gehört eigentlich zu Wulfen, und Wulfen mittlerweile zu Dorsten, doch der Reihe nach…

Nach dem Zweiten Weltkrieg verschob sich der Steinkohleabbau in Westfalen immer weiter nach Norden.  1963 wurde in Wulfen, bisher eine kleine Gemeinde mit etwa 3.000 Einwohnern, eine Zeche eröffnet. Wohnraum für die erwarteten Kumpel war entsprechend knapp und so wurde auf dem Reißbrett ein ganz neuer Stadtteil geplant: Barkenberg.

In Barkenberg verbanden sich in den 1960er- und 1970er-Jahren neues ökologisches Bauen mit einer Soziologie, die von dörflichen Traditionen wenig hielt sowie eine große Portion Fortschrittsoptismus. Doch auch wenn in der Zeche Wulfen bis Ende des Jahrtausends Kohle gefördert wurde, ging das Projekt nie ganz auf: die Kohlekrise wirkte auch hier, die geplanten Einwohnerzahlen wurden nie erreicht und Wulfen 1975 nach Dorsten eingemeindet. Am Schreibtisch lässt sich eben wohl doch nicht alles planen.

Umso interessanter ist, wie sich dann selbst in solchen Zukunftsprojekten wieder Geschichte niederschlägt: Die Fahrradhauptstraße – Verkehrsmittel wurden in Barkenberg sorgfältig getrennt – heißt weiterhin nach ihrem Erbauer Napoleonsweg.

Eben dort findet man auch folgendes kleines Denkmal, über das ich noch nicht mehr herausfinden konnte, außer dass die örtliche SPD die Patenschaft inne hat. Teile der Sprayerszene scheinen das jedoch wohl nicht ganz so zu respektieren.

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Und an die Industriekultur wird auch noch andernortens und vielleicht unerwarteterweise erinnert: In der modern gebauten (und äußerst beeindruckenden) St.-Barbara-Kirche. Dort verbinden sich der Betonbau mit einem westfälischen Erinnerungsort – der Roten Erde (siehe dazu erneut die Bilder auf dem Wulfen-Wiki; zur Motivwahl jetzt auch: Biederbeck, Rote Erde, in: Krull (Hg.), Westfälische Erinnerungsorte, 2017, S. 181ff.).

Westfälische Erinnerungsorte

Wappen Preußische Provinzen - Westfalen[Vollwappen der preußischen Provinz Westfalen aus dem 19. Jahrhundert;
Illustration von Professor Hugo Gerard Ströhl (1851-1919), via WikiCommons; als Wappen gemeinfrei]

Was ist Westfalen? Das, was darunter verstanden wird – vor allem in historischer Perspektive, denn Verwaltungsgrenzen haben sich an Rhein, Weser, Sieg und Ems mehr als einmal gewandelt. Zwei von Lena Krull geleitete Seminare an der Westfälischen Wilhelms-Universität gingen dieser Perspektive auf den Grund, indem sie nach regionalen Erinnerungsorten suchten. Dabei herausgekommen ist ein Sammelband, der in Kürze erscheint. (Und zu dem ich nachträglich noch einen kleinen Aufsatz zu den ‚Wiedertäufern‘ beisteuern durfte.) Ein tolles Weihnachtsgeschenk!