Wappenänderung zurückgenommen

Als der Sportclub Preußen Münster am Dienstag sein Wappen änderte, schlug das hohe Wellen – auch außerhalb des Netztes, wie diese Bilder vom „PreußenForum“ zeigen:

Der Verein ist am Donnerstagabend zurück gerudert und hat das „Evolutionslogo“ vom Markt genommenwird vorerst von einer Verwendung des Evolutionslogos Abstand nehmen.“

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Preußen Münster und die Geschichtskultur (iv) – heute: das neue Vereinswappen

Wenn der Adler vermarktet wird

Ein Trauerspiel war es lange, was der SC Preußen 06 e.V. Münster mit seinem Vereinswappen anstellte. Genauer gesagt zwischen den 1990er-Jahren und dem hundertjährigen Vereinsjubiläum im Jahre 2006. Der preußische Adler sah in diesen (antimilitaristischen) anderthalb Jahrzehnten nämlich aus wie eine Friedenstaube.

Datei:Preussen Munster.png

(http://www.wikiwaldhof.de/index.php/Preussen_M%C3%BCnster)

Das wurde, und das war das einzig erfreuliche im kombinierten Abstiegs- und Jubiläumsjahr, geändert – der Adler kehrte zurück.

Vereinswappen von Preußen Münster

(https://de.wikipedia.org/wiki/Preu%C3%9Fen_M%C3%BCnster)

Im nächsten Jubiläumsjahr, dem 111., durfte sich die Hamburger Agentur Jung van Matt an den Preußen auslassen. Für lau, wie man hört, da es da wohl gewisse Kontakte zu den Gebrüdern Metzelder gibt (Malte ist seit April 2017 Manager, Christoph sitzt im Aufsichtsrat). Da Qualität nun halt nunmal kostet, firmierte die Preußen die letzte Saison als „Torschützenverein“ und standen für so geistreiche Claims wie:

Das Wappen immerhin ließ man fast unangetastet, bloß der Schild wurde ein wenig erweitert.

Bis heute Nachmittag.

Da schlug diese Bombe im Preußen-Universum ein: Der SCP bekommt ein neues Logo, das der Rechte wegen hieren nicht eingebunden, sondern nur verlinkt wird.

Der Adler sieht jetzt aus wie ein Huhn.

Allein schon deshalb klingt der ebenfalls neue Claim „Preußen Münster. Tradition mit Zukunft“ wie Hohn. Doch ist es ja nicht genug:

  • Im Januar 2018 wurde der Profifußballabteilung des Vereins in eine GmbH & Co. KG aA umgewandelt. Der erste Großinvestor ist da, bloß seinen Namen will er nicht verraten.
  • Seit dem Frühjahr haben die beiden Ultragruppierungen, die im Sinne der Traditionspflege sogar wieder zusammengerückt waren, deshalb den Spielsupport eingestellt. Die „Deviants“ haben mittlerweile grundsätzlich die „Einstellung der Aktivitäten im Stadion“ mitgeteilt. Jener Teil der Fanszene, der – vor allem auch bereits vor dem Wechsel in der Führungsebene 2016/17 – immer kritisch auf die Vereinsführung geschaut hat, der zudem das Vereinsleben trug und die Erinnerung an Helden im Adlerdress hochielt – dieser Teil schweigt nun.
  • Das hat auch viel damit zu tun, dass die neue Vereinsführung unbedingt ein neues Stadion bauen möchte. Das geht am bisherigen Stadion an der Hammer Straße aber nicht, zumindest nicht im gewünschten – da renditeträchtigen – Umfang mit einer Kapazität von mehr als 20.000 Zuschauern. Der neue Präsident, Christoph Strässer, saß bis vor Kurzem für die SPD im Bundestag, der starke Mann im Hintergrund, Walter Seinsch, gab seine Karriere als Finanzbeamter auf, um Takko und KiK zu gründen (und später den FC Augsburg von der vierten in die Bundesliga zu hieven). Beides beeindruckende Karrieren – nur mutmaßlich doch denkbar schlechte Voraussetzungen, um mit der konservativen schwarz-grünen Mehrheit in Münsters Stadtrat zu verhandeln. Nun will man die Stadtgrenzen verlassen, wahrscheinlich Richtung Senden, das aufwärts des (Dortmund-Ems-)Kanals liegt. Ob es gut gehen wird?

Doch zurück zum neuen Logo. Geändert wurde es, orakeln die üblichen Verdächtigen, wohl um es auf Merchandisingprodukten besser reproduzieren zu können.

Carsten Schulte (westline) hat bereits auf das dahinter stehende vereinsdemokratische Problem verwiesen:

Eine Spedition muss ihr Logo nicht groß mit Kunden diskutieren. Ein Verein schon. Änderungen am Wappen sind Operationen am Herzen. Das Wappen ist nicht nur ein Bildchen. Es ist das äußere Zeichen der Verbundenheit, ein Symbol für Klub und Fans. Änderungen am Wappen sollten nicht hinter verschlossenen Türen stattfinden.

Mir indessen stellten sich nacheinander vier Gedanken ein. Wie wenig Geschmack kann man – erstens – haben? Schon das scharfe „ß“ passt nicht zur Typographie. Zweitens (und man traut es sich kaum auszusprechen): Wäre so ein unangekündigter Tradtionswandel einem Thomas Bäumer, bei all seinen Eigenwilligkeiten im Umgang mit den Vereinsmitgliedern, jemals eingefallen. Schnell wieder zur Typographie kommend: Wann kommt jemand – drittens – wohl auf die Idee, das „ß“ durch das bei Kapitälchen viel leichter zu realisierende „ss“ zu ersetzen?

Und viertens, einmal ernsthaft: Glauben die Verantwortlichen allen Ernstes, dass ihr am Ende dann völlig durchkommerzialisiertes Produkt – ohne Verein, ohne Ultras, ohne Stadion in Münster – am Markt bestehen wird? Schalke und Dortmund liegen vor der Haustür – wer sich für Hochglanzprodukte interessiert, der geht nicht zum Preußen. Viele der letzten Treuen wird man aber mit diesem Marketing verspielen, ob sie nun (noch) Vereinsmitglieder sind oder nicht. Und wenn es dann mit dem Stadion und der Rendite nicht klappt, wird man höchstwahrscheinlich vor einem Scherbenhaufen stehen, zwangsabsteigen und dergleichen.

Aber lieber (wieder) Oberliga Westfalen als einen Stadionweg, der sich nicht mehr gemütlich mit dem Rad fahren lässt – und diesen gerupften Adler.

 

Update: Der Verein hat auf die Proteste reagiert und verwendet das neue Logo nicht mehr.

Geschichtskultur über Geschichtskultur

Münster nennt sich stolz „Friedensstadt“. Dass das nicht immer so war, zeigt eine Sonderausstellung im Stadtmuseum, die dort bis zum 2. September 2018 zu sehen ist. Ihr äußerer Anlass sind drei Jahrestage: Ausbruch und Ende des Dreißigjährigen Krieges sowie der Waffenstillstand des Ersten Krieges. (Und in der Rezeptionsgeschichte des Westfälischen Friedens sah man nach 1919 durchaus so einige Parallelen….)

Da hier im Blog ja eigentlich das auftauchen soll, was gerade nicht auf dem Dienstschreibtisch liegt, folgt jetzt keine Rezension oder Analyse, sondern nur ein paar Hinweise auf die Highlights:

  • Bis zum Zweiten Weltkrieg stand in Münster ein Friedensdenkmal, dass dann von den Nationalsozialisten eingeschemolzen wurde. Zumindest eine fotografische Reproduktion ist jetzt im Stadtmuseum wieder zu sehen; außerdem erfährt man von den dahinterliegenen Streitereien im Stadtrat.
  • Ebenfalls großformatig gezeigt werden Fotoaufnahmen aus einer Ausstellung, die Münster Stadtarchivar Eduard Schulte 1940 – auf eigene Faust, aber im Auftrag Berliner Behörden – geschaffen hatte.
  • Mein persönliches Lieblingsexponat ist ein Film-Ausschnitt aus dem Jahr 1948, der die damaligen Jubiläumsfeierlichkeiten zeigt, die unter nicht ganz einfachen Umständen (und umso werbewirksamer) umgesetzt wurden.

Inhaltlich würde ich weiterhin an meiner These festhalten, dass der Westfälische Friede in Münster auch nach dem Ersten Weltkrieg nicht durchgängig schlecht beleumundet war (siehe dazu den Beitrag „Erinnerungsorte in Münster“, erschienen in den Westfälischen Foschungen, Jahresband 2015).

Das jedoch nur am Rande – und jetzt vielleicht doch eine Miniaturrezension: Man erfährt als Besucher viel über Münster und sein Marketing, die Gestaltung ist sehr ansprechend und abwechslungsgreich, der gesamte Bereich im besten Sinne überschaubar (wir reden letztendlich von einem großen Raum). Ein Besuch ist lohnenswert – zumal der Eintritt nichts kostet und auch der schöne Begleitband nur mit 9,80 Euro zu Buche schlägt.

 

 

 

 

Was bleibt?

Einen großen Teil meines Lebens habe ich mich mit dem Reformator Thomas Müntzer befasst, dem Anführer der Bauernkriege im 16. Jahrhundert. In der DDR haben sie einen Sozialisten aus dem gemacht und in jedem Dorf Straßen und Plätze nach ihm benannt. Das ist Unsinn! Von meiner Forschung wird aber letztendlich nichts bleiben. Andere werden meine Ergebnisse überschreiben. Bücher bedeuten keine Unsterblichkeit und mein Eintrag bei Wikipedia auch nicht.

(Der in einem Hospiz lebende Reformationshistoriker Siegfried Bräuer gegenüber der taz.)

Dreißigjähriger Krieg und Westfälischer Frieden im Jahr 2018

Lassen sich Linien und Lehren ziehen aus den Jahren 1618-1648 bis in das Jahr 2018? Die Meinungen gehen auseinander:

Der damalige Außenminister und heutige Bundespräsident Steinmeier sah 2016 bei den Osnabrücker Friedensgesprächen und auch auf dem Hamburger Historikertag – bei aller Vorsicht – gewisse Parallelen und Anhaltspunkte. Für Herfried Münkler liegt die Sache (mal wieder?) ganz klar.

Dass man nicht jeder Geschichtsthemensetzung aus Politik und Politologie folgen muss – dafür aber vielleicht die aktuelle Forschung lesen -, hat der Historiker Volker Reinhardt schon vor einiger Zeit in der NZZ herausgestellt. Mit Peter Wilson legt ein weiterer Fachmann nach – in einem lesenswerten Interview mit der taz.

 

„This opportunistic instrumentalization of history…“

James Kirchick ist ein Journalist und Publizist, dessen Expertise auf der Außenpolitik liegt – und ein ziemlicher Freigeist. Als Neokonservativer unterstützte er Hillary Clinton, bei einem Interview mit dem Kreml-Sender „Russia Today“ spricht er auch gern einfach mal mehrere Minuten – ungefragt – über die Diskriminierung von Homosexuellen in Russland.

 

Zum Jahresende hat er sich auf politico die deutsche Außenpolitik vorgeknöpft, die er für nationalistisch hält und scheinheilig. In von Faz.net heute veröffentlichten Übersetzung heißt es:

Heute sind die Deutschen die einzigen, die Angst vor Deutschland haben. Diese opportunistische Instrumentalisierung der Geschichte – wonach Pazifismus und nicht die Bekämpfung von Diktaturen die wichtigste Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg darstellt – bietet ihnen ein bequemes und moralistisches Alibi gegenüber der Pflicht, globale Verantwortung zu übernehmen.