Ein Stadtspaziergang – Berlin und die Geschichtskultur der DDR

Nichts ahnend, aber die günstige Gelegenheit einmal nutzend, kauft man sich in einem Pressefachhandel am Berliner Hauptbahnhof eine Ausgabe der „New York Times“ und stößt prompt auf ein Stück lokaler Geschichtskultur. Für 21,4 Millionen Dollar, hieß es dort,  stehe in Miami ein Kunstwerk zum Verkauf, das pikanterweise von Erich Mielke in Auftrag gegebenen worden war, dem langjährigen Minister für Staatssicherheit (hier der Bericht vom 22. November).

Es geht um Richard Wilhelms Glaswand „Revolution – Frieden unserem Erdenrund“. Zwischen 1982 und 1990 stand sie im Hauptquartier der Staatsicherheit, danach verschwand sie in einem Schiffscontainer (mehr zu den Hintergründen auch auf der Seite „The Lost Relic“ ). Auf dem aus Sakralbauten bekannten Glaswerk ist unter anderem Lenin abgebildet. Die Motiv- und Materiawahl zeigen einmal mehr, in welch hohen Maße sich die Deutsche Demokratische Republik geschichtskulturell legitimierte. Doch wie soll eine plurale Gesellschaft mit diesem schwierigen Erbe der proletarischen Diktaktur umgehen?

Neben einem solchen ökonomischen Zugang zur Geschichtskultur der DDR stehen einige weitere, die mir ebenfalls in Berlin auffielen. Zweitens nämlich die damnatio memoriae; die bereits in der Antike praktizierte Verdammung des Andenkens. Das betrifft besonders den Palast der Republik am einstigen (und wohl auch künftigen) Prachtboulevard „Unter den Linden“. Sein Abriss wurde vor zehn Jahren letztendlich vom Bundestag besiegelt (hier ein bericht auf FAZ.net vom 19. Januar 2006), wobei zur Begründung die Asbestbelastung angegeben wurde. An seine Stelle tritt jetzt eine Rekonstruktion des alten Stadtschlosses, das die SED 1950 sprengen ließ – damnatio hoch zwei oder Kaiserreich reloaded gewissermaßen.

Die Geschichtskultur der DDR findet sich jedoch durchaus – drittens – weiterhin im öffentlichen Raum. Ein solche alltägliche Tradierung ist etwa im U-Bahnhof Magdalenestraße zu bestaunen (siehe Halbrock, Mielkes Revier, 2010, S. 83f.).

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Abgebildet sind hier drei Bilder aus einem insgesamt 20-teiligen Zyklus (vollständig fotografiert zu finden bei Thomas Lamp). Wolfgang Frankenstein und Hartmut Hornung entwarfen diese Bilderreihe 1986 – angesichts des 750jährigen Stadtjubiläums im Folgejahr, ganz in der Nähe von Mielkes Schreibtisch und ebenfalls in dessem Auftrag.

Es gibt noch eine vierte Umgangsweise, die zwischen den beiden eben vorgestellten vermittelt: die Überschreibung der DDR-Geschichtskultur. So steht etwa vor der Riesenbaustelle des Stadtschlosses, am Lustgarten, folgender Gedenkstein:

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Seit 1981 erinnert er an die Wiederstandsgruppe Baum, die 1942 einen Brandanschlag auf eine NS-Propagandaausstellung verübte. In der Folge tötete die Gestapo in zwei Racheakten hunderte Menschen. Am 4. März 2001 wurde der darüber bisher schweigende Stein, mit erläuternden Tafeln versehen, wiedereingeweiht:

So dokumentiert dieser Gedenkstein heute die mutige Widerstandsaktion des Jahres 1942, das Geschichtsverständnis 1981 und unser andauerndes Gedenken an den Widerstand gegen das NS-Regime. Bezirksamt Mitte von Berlin, Dezember 2000

Vielleicht liegt in dieser vierten Verfahrensweise des Kontextualisierens der Königsweg im Umgang mit der deutsch-demokratischen Geschichtskultur?

Preußen Münster und die Geschichtskultur (iii) – heute: das Duell mit dem Prinzipalmarkt

In Münster wird über den Bau einer neuen Fußballstätte gestritten. Das heutige städtische Stadion an der Hammer Straße – besser bekannt als „aufm Preußen“ – steht dort nämlich seit 1927 und wäre eigentlich ein Fall für die obere Denkmalschutzbehörde; weshalb ich zum Beispiel es immer noch sehr gern mag. Neue Dynamik erhielt die Debatte, als der Verein mit Walther Seinsch (ehemals Takko und kik) einen neuen Mäzen gewinnen konnte (beziehungsweise, seitdem dieser den Verein auf links zieht).

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[Das Preußenstadion 2007 – vor dem Neubau der Tribüne; Stahlkocher für WikiCommons, CC BY-SA 3.0]

Fahrlässigerweise wurde die Marke „Preußen Münster“ vom neu installierten Präsidenten Christoph Strässer (MdB, SPD) nun gegen den Prinzipalmarkt ausgespielt.Damit den geht es aber ans Eingemachte (siehe Teppe, Politisches System, in: Jakobi (Hg.), Geschichte der Stadt Münster, Bd. 3, 1992, S. 1ff. und Termeer, Münster als Marke, 2010).

Die Westfälischen Nachrichten zitierten (am 29. November 2016) den Oberbürgermeister  Lewe – nicht eben überraschend: ein Christdemokrat – wie folgt:

Lewe verwies im Gegenzug darauf, dass der nach dem Zweiten Weltkrieg von den Kaufleuten wieder aufgebaute Prinzipalmarkt ein zentraler Bestandteil der münsterischen Identität sei. „Wir sind stolz auf den Prinzipalmarkt.“ Hier zeige sich das mangelnde Verständnis der SPD von Münsters Identität.

Prinzipalmarkt 1863 August Hilbig
[Der Prinzipalmarkt in einem Gemälde von August Hilbig (1863) – vor dem Neubau des Lambertiturms und der Restauration nach 1948; via WikiCommons]

Der Vergleich selbst ist übrigens mindestens 27 Jahre alt:

Aber schon die Umstände der Vergleichsbildung zeigen, wie wenig sinnvoll die Gegenübersetzung zwischen der „guten Stube“ und dem Stadion ist. Es war ein Feiertag. Und Freudentaumel und Politik vertragen sich nicht (etwas anders sieht das offenbar Carsten Schulte auf Westline).

Meine Einschätzung nach wird man innerhalb der Stadtgesellschaft jedenfalls nicht gegen das Symbol „Prinzipalmarkt“ ankommen. Spannende Zeiten für die Preußen nahen also – bald jedoch vielleicht außerhalb der Stadtgrenzen, das heißt mit allen Traditionen brechend?

Nachtrag vom 07.12.2016:

Ebenfalls auf Westline erklärt Thomas Knüwer (bekannt aus „Indiskretion Ehrensache“) den soziologischen Sinn und Zweck eines Stadions – und das sehr anschaulich.

Cocktails und Geschichtskultur

 

In Londoner Pubs wird mittags Bier getrunken, in New York trinkt da jeder Cola. In London stehen die Leute nach der Arbeit auf der Straße vor dem Pub und trinken ihr Feierabendbier, bevor sie zum Abendessen nach Hause gehen. In New York wäre das undenkbar, auf der Straße zu trinken ist sogar verboten. In Skandinavien und Deutschland trinken die Menschen enorme Mengen Bier, aber sie tun es gemeinsam und singen sogar dabei. In den USA trinkt man eher allein und spät nachts. Das verrät schon einiges über die Gesellschaft. Der Cocktail ist einfach sehr amerikanisch: Er ist klein, individuell und effizient in der Wirkung. Du gehst in die Bar, und bäng, schon bist du wieder draußen. Man trinkt ihn schnell. Schon immer.                  

(Aus einem Interview mit dem Anglisten David David Wondrich im SZ-Magazin.)

Fred Turner: On Accellerationism

Umberto Boccioni, Visioni simultanee (Simultanvisionen), oil on canvas, 60.5 × 60.5 cm, Von der Heydt Museum

[Umberto Boccioni, Visioni simultanee (1911/12); via WikiCommons]

Theoretiker wie Benjamin Noys, Armen Avanessian oder Nick Srnicek und Alex Williams diskutieren seit circa 2010, wie sich der Kapitalismus überwinden ließe – mit seinen eigenen Mitteln. Akzelerationismus ist das Stichwort, Überwindung der Verhältnisse durch deren Beschleunigung beziehungsweise Überdrehung.

Kritisch äußerte sich dazu bereits im September Fred Turner auf Public Books (gestern erschien eine Übersetzung in der FAS). Turner wirft den Vordenkern des Akzelerationismus vor, geschichtsvergessen zu sein. Unter anderem erinnert er an den Futurismus, der hier ja bereits schon Thema war.

 Nachtrag vom 8. Dezember 2016:

Achim Landwehr schlägt im Übrigen eine Beschleunigung auch der Geschichtskultur vor: „Wir sollten alle unseren aktiven Beitrag leisten zu einem massiven Jubiläumsüberschuss, der dann – vielleicht, hoffentlich, endlich – zu einem nicht minder massiven Jubiläumsüberdruss führen möge.“

Westfälische Erinnerungsorte

Wappen Preußische Provinzen - Westfalen[Vollwappen der preußischen Provinz Westfalen aus dem 19. Jahrhundert;
Illustration von Professor Hugo Gerard Ströhl (1851-1919), via WikiCommons; als Wappen gemeinfrei]

Was ist Westfalen? Das, was darunter verstanden wird – vor allem in historischer Perspektive, denn Verwaltungsgrenzen haben sich an Rhein, Weser, Sieg und Ems mehr als einmal gewandelt. Zwei von Lena Krull geleitete Seminare an der Westfälischen Wilhelms-Universität gingen dieser Perspektive auf den Grund, indem sie nach regionalen Erinnerungsorten suchten. Dabei herausgekommen ist ein Sammelband, der in Kürze erscheint. (Und zu dem ich nachträglich noch einen kleinen Aufsatz zu den ‚Wiedertäufern‘ beisteuern durfte.) Ein tolles Weihnachtsgeschenk!