Geschichte, Politik und Hans-Werner Sinn – ein kleines Experiment

Flugblatt 1648

[Flugblatt von 1648, gescannt von Gudrun Meyer via WikiCommons und auf Grund des Alters wohl gemeinfrei]

In einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung meint Hans-Werner Sinn heute:

Wer nun speziell der Eurozone als Reaktion auf den Brexit zu mehr Staatlichkeit verhelfen will, spaltet den Norden und Osten ab, zieht eine Trennlinie quer durch Mitteleuropa und macht Deutschland zum Anhängsel und Zahlmeister einer neuen lateinischen Münzunion.

Dass Frankreich die zwei Geschwindigkeiten will, wundert nicht. Die Spaltung Mitteleuropas ist seit Richelieu ein zentrales Ziel der Politik dieses Landes.

Man könnte jetzt mal ein Experiment anstellen und den Gebrauch von Geschichte als Argument untersuchen, indem man selbst auf die Geschichte zurückgreift. Hans-Werner Sinn etwa sähe nicht sehr gut aus, wenn man ihn neben zwei Münsteraner Bürgermeister stellte, die sich angesichts des hiesigen Friedenssaales im Münsteraner Rathaus über die französische Außenpolitik äußerten. Solche Reden, wie auch Sinns Argument, hängen mit zwei nationalen Symbolen zusammen: dem Dreißigjährigen Krieg und dem Westfälischen Frieden von 1648, der diesen beendete – und den Richelieu schon nicht mehr erlebte.

1898 etwa rechnete Münsters Bürgermeister Jungeblodt ganz ähnlich mit Frankreich ab:

Hülflos und kraftlos blieben die deutschen Lande zunächst lange Zeit eine leichte Beute des aufstrebenden Frankreichs und eine leichte Beute des aufstrebenden Frankreichs und der Feldherrn Ludwig des XIV., welche die Greuel des Krieges erneuerten.

Im Krieg von 1870/71 habe man diese Schmach endlich getilgt und mit der Gründung des Kaiserreiches den Grundstein für ein Wiedererstarken Deutschlands gelegt (womit man im katholischen Münster elegant über so manche Wirren des Kulturkampfes hinwegging):

War vor 1870 deutscher Handel, deutsche Industrie im Auslande kaum bekannt, so sehen wir heute schon, nach kaum 25 Jahren, an der Eifersucht der Engländer, daß Deutschland auf so vielen Gebieten ihnen den Welthandel streitig macht. (Zitate nach dem Westfälischen Merkur vom 4, Oktober 1898)

Deutlicher wären die Parallelen noch beim NS-Oberbürgermeister Hillebrand, der den Friedensaal als „Schmerzensstätte deutschen Schicksals“ bezeichnete, kurz auf Richelieu einging und dann festhielt:

Teile und herrsche!; dieser Grundsatz war die Losung der politischen Klassiker Frankreichs  ebenso wie der Väter von Versailles. (Zitiert nach dem Münsterischen Anzeiger vom 8. April 1938, der einen ‚Gastbeitrag‘ anlässlich des ‚Anschlusses‘ Österreichs druckte.)

Gewinnen wir mit einer solchen Suche nach vermeintlich historischen Vorbildern irgendetwas? Wohl kaum. Sie verstellt den Blick sowohl auf Geschichte als auch auf Gegenwart, weil sie überall historische Bedingtheiten und Kontinuitäten sieht – aber nirgends die Unterschiede, etwa in den Interpretationen Jungeblodts, Hillebrands und Sinns oder zwischen den außenpolitischen Idealen Macrons, de Gaulles und Richelieus. Was wir mit solchen Gleichsetzungen verlieren, ist der Blick auf die Nuancen und damit eben auch auf die Handlungsspielräume in unserer Gegenwart! Damit jedoch ist im Augenblick niemanden geholfen.

Tatsächliche Vergleiche – nicht Gleichsetzungen der Form historia magistra vitae – könnten den Blick auf die Gegenwart dagegen schärfen. (Anders als im 17. Jahrhundert befinden sich US-amerikanische Stützpunkte in Europa, anders als die lateinische Münzunion basiert die Eurozone eben nicht auf einem Goldstandard.)

Wenn man in der Geschichte keine Lehrmeisterin sucht, fallen überdies die Urteile gleich differenzierter aus. Das gilt auch für Richelieu, wie etwa der Katalog zeigt, der zur letzten großen Münsteraner – und sehr europafreundlichen – Friedensausstellung von 1998 erschien (hier online).

Elefant fällt aus der Schwebebahn…

Wuppertal Friedrich-Engels-Allee 0008[Ein Wandgemälde Erika Nagels in der Nähe des ‚Tatortes‘; Atamari für WikiCommons; CC-BY-SA-3.0]

… in die Wupper und überlebt. Es geschah wirklich, am 21. Juli 1950.

Leider existieren keine Bilder – mittlerweile aber zahlreiche Souvenirs, künstlerische Verarbeitungen und eine Kakao-Marke. Nachzulesen ist das Ganze in der Wikipedia.

 

Nachtrag (16.03.2017):

Kollege T. unterbreitet derweil einen Verbesserungsvorschlag für den Beitragstitel: „Vor Schnappi kam Tuffi“.

Meanwhile in Greifswald/Mecklenburg-Vorpommern

Die an dieser Stelle schon kurz thematisierte Umbenennung der Ernst-Moritz-Arndt-Universität scheitert an einem Verfahrensfehler. Das berichtet faz.net; ebenda auch eine ausführlichere Darstellung vom 22.02.2017.

Tage russischer Literatur in Zürich

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[Der Rote Platz in Moskau im Jahre 2005; Alex und Eugen Zelenko via WikiCommons; CC-BY-SA-4.0]

In Zürich debattierte man der Tage ausführlich über die Lage der russischen Hintergründe. Die NZZ berichtete und verwies auf Mitschnitte, die man online nachhören kann.

Kunst, Kommerz und Vergangenheitsbewältigung…

… waren schon vor einiger Zeit (am 13. Februar) ein Thema im Guardian:

“There is an unprecedented interest being shown in German contemporary art,” said a Sotheby’s spokesman. “To have such a representation from one country is remarkable given today’s globalised art world.”

Rechtsstreit um Rezension

Erstmals hat das Rezensionsportal H-Soz-Kult eine Rezension vom Netz genommen – auf Grund eines Rechtsstreites. Im Kern geht es um zweierlei: die Darstellung nationalsozialistischer Verbrechen sowie die Kommunikation in der Geschichtswissenschaft, vor allem im digitalen Zeitalter. Dass die Angelegenheit sehr viel komplizierter sein dürfte, als es zunächst schien, stellt Ben Kaden in einem Blogbeitrag auf Libreas dar.

 

Nachtrag vom 19.03.2017:

Bei Erbloggtes findet sich eine sehr kritische Auseinandersetzung mit Reitzensteins Dissertation, aber auch mit dem Weg, den H-Soz-Kult in der juristischen (Nicht-)Auseinandersetzung eingeschlagen hat.