Graffiti unter Denkmalschutz

Unter den Staaten, die ab 1914 den Ersten Weltkrieg austrugen, war das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Irland eine Ausnahme: Eine Wehrpflicht kannte man auf den britischen Inseln nicht.

Erst nach langem parlamentarischen Ringen wurde sie 1916 eingeführt. Auf einmal stand die Armee vor einem völlig neuen Problem: Wie mit Kriegsdienstverweigerern umgehen?

Zum Teil wurden sie interniert, etwa in Richmond Castle. In den Zellentrakten bekritzelten sie die Wände -mit Witzen, politischen Sentenzen und Bildern ihrer Verlobten.

Erst allmählich wurde die Schutzwürdigkeit dieser Zeichnungen anerkannt. So „sei der für die Übergabe zuständige Offizier schockiert gewesen, als er die Wände sah, und habe sich entschuldigt, dass sie nicht übertüncht worden seie“, erfährt man in einem Artikel aus der gestrigen Neuen Zürcher Zeitung.

Forschen und Lehren in Archiven (i): Theorie

Carl Johann Peyfuss Erster Archivbesuch Kaiser Franz Joseph[Kaiser Franz Joseph besucht am 18. April 1904 das kürzlich erbaute Haus-, Hof- und Staatsarchiv (Mitte: der Kaiser mit grünem Federhut, ihm gegenüber Archivdirektor Hofrat Dr. Gustav Winter, zwischen ihnen Außenminister Graf Goluchowski), Ausschnitt eines Wandgemäldes im Stiegenhaus des Haus-, Hof- und Staatsarchivs von Karl J. Peyfuss (vollendet 1908); Österreichisches Staatsarchiv via WikiCommons]

 

Unter allen Institutionen, die Macht erhalten und Herrschaft sichern, ist das Archiv die wohl unscheinbarste. Den angeblich verstaubten Kartons traut man wenig zu. Ganz selten ist einmal in den Medien von ihnen zu hören – dann, wenn in Köln das Stadtarchiv beim U-Bahn-Bau einbricht oder wenn die Stasi-Unterlagenbehörde grundlegend reformiert (oder gar aufgelöst) werden soll etwa. Dass etwa das dreiste Schreddern von Akten im Zusammenhang mit dem sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrund“ auch ein eherblicher Verstoß gegen Archivgesetze sein dürfte, konnte man allenfalls in Lokalzeitungen erfahren.

Ihre Macht gründet seit Jahrtausenden auf zwei Mechanismen. Zum einen kontrollieren sie den Zugang zum Archivgut. Zum anderen entscheiden die Archive – oder besser: die Archivare – darüber, was überhaupt als solches Archivgut gilt. „Unsere Hauptaufgabe ist das Wegwerfen. Was übrig bleibt, wird übernommen“, soll der damalige Vorsitzende des Verbandes deutscher Archivarinnen und Archivare, (VdA), Michael Diefenbacher, laut Wikipedia dem Kölner Stadtanzeiger 2009 in die Blöcke diktiert haben. Überprüfen könnte man diese Aussage zuverlässig nur an einem Ort: im Pressearchiv.

Kein Wunder, dass Machttheoretiker wie Foucault und Derrida auf Archive abfuhren (hier ein kurzer Aufsatz von Marlene Manoff). Aber darum soll es hier in den nächsten Tagen nicht gehen – sondern eben darum, wie man mit und in Archiven arbeiten kann; und zwar in Forschung und Lehre. Zur Zielgruppe zähle ich mich selbst: nämlich Archivanfänger, die über zeithistorische Themen forschen. In den letzten Jahren habe ich dabei allerdings einerseits einige schlechte Erfahrungen gemacht, die sich ja nicht unbedingt wiederholen müssen. Andererseits gab es auch sehr viele positive Momente, von denen ich gern berichten möchte.

Archivanfänger – das dürften vor allem Studierende sein. Oft hört man, dass ihnen von Seiten der Lehrenden abgeraten wird, für Haus- und Abschlussarbeiten ins Archiv zu gehen. Das sei zu aufwendig; vor allem dann, wenn sich die erhofften Perspektiven und Inhalte in den Quellen nicht finden. Bei Fragestellungen, die die Zeit nach 1800 verhandeln, würde ich das kalkulierte Risiko dennoch eingehen. Zumindest dann, wenn man vor Ort oder in Reichweite des Semestertickets ein einschlägiges Archiv besuchen kann. Sofern man keine aussagekräftigen Quellen aufspürt, kann man mit nur wenigen Tagen Zeitverlust immer noch umdisponieren…

Sollte sich aber etwas Passendes finden, so schreibt sich die Arbeit meiner Erfahrung nach sehr viel einfacher, als wenn man einer schon hundertmal gestellten Frage auf Grund schon hundertfach analysierter (edierter) Quellen nachgeht. (Was jetzt aber kein Plädoyer gegen edierte und in Sammlungen veröffentlichte Quellen sein soll, bei innovativen Fragestellungen hat das auch durchaus seinen Reiz. Mir persönlich graute es in der vorlesungsfreien Zeit halt immer vor allzu enzyklopädischen Arbeiten; und dagegen gibt es ja durchaus verschiedene Mittel und Wege.)

Aber auch  später, etwa als Tutor oder Referendar, haben Archive ihren Reiz. Sie sind nämlich nicht allein Forschungswerkstätten sondern mittlerweile oft auch Orte historischen Lehrens und Lernens. Wo sonst lässt sich besser nachvollziehen, dass Geschichte eben nicht vom Himmel fällt sondern erst einmal geschrieben werden muss? Woher bekommt man sonst so gut aufbereitetes Material zur Stadtgeschichte, die Lernende meistens besonders interessiert? Und wo sonst lässt sich Vergangenheit mit allen Sinnen erfahren? Das Lernen im Archiv ist spannend, wie auch ein Beispiel von Christiane Artmann zur Vermittlung der Stadtgeschichte Dülmens der 1960er-Jahre zeigt.

Der zweite Teil der Reihe wird von einigen Hindernisse handeln, die sich in der Arbeit in und mit Archiven ergeben können, die aber zum Glück umschiffbar sind.

 

Extremsport und Zeitregimes

Was treibt einen Menschen dazu, sich in einem fledermausartigen Jumpsuit von einer Klippe zu stürzen und mit 200 km/h über die Schweizer Berglandschaft zu gleiten? Oder minutenlang ohne Sauerstoffversorgung in Untiefen zu tauchen? Oder mit dem Rennrad durch die USA zu fahren – fast 5000 Kilometer, in neun Tagen?

Am (sehr späten) Mittwochabend sendete die ARD eine ganz wundervolle Dokumentation („Leben am Limit“), die diese Fragen beantwortet. So viel sei verraten: Der Gedanke an die Ewigkeit spielt eine gewichtige Rolle.

Zur Zukunft der Archive…

… brachte der Deutschlandfunk gestern einen Beitrag (via archivalia):

330 Kilometer Akten lagern hier. Welches Dokument in dieses Bundesarchiv kommt, und wer es dort einsehen darf, ist durch das Bundesarchivgesetz geregelt. Viele Jahre lang hatte niemand etwas an diesem Gesetz auszusetzen, doch nun fordert die Digitalisierung auch hier ihren Tribut: Archivgut ist längst nicht mehr nur aus Papier. Das wirft Fragen darüber auf, was in welcher Form am besten aufbewahrt werden sollte. Der Bundestag wird im September direkt nach der Sommerpause eine Neufassung des Bundesarchivgesetzes verhandeln. (DLF; s.o.)

Das Bundesarchiv plant derweil ein großes Digitalisierungsprojekt zur Weimarer Republik.

In beiden Zusammenhängen stellt sich mir nun die Frage nach den Folgen für die tatsächliche Forschungsarbeit (genauer gesagt: in Bezug auf die Heuristik); Folgen, die im Deutschlandfunkbeitrag leider nicht thematisiert wurden.

Kurz und knapp formuliert: Wie oft werden wohl noch jene analogen Archivgüter analysiert werden, die nicht digitalisiert und vor allem: frei zugänglich im Netz vorliegen (da übersehen oder zum Zeitpunkt der Digitalisierung scheinbar unwichtig)? Was bedeutet eine solche Engführung, die sich aus Pragmatik und Bequemlichkeit ergeben wird, für die Forschung? (Geht bald noch jemand, wenn Findbücher nicht mehr gebraucht werden, Wege wie im Fall Kurras?) Und inwiefern ist Forschenden und Vermittelnden angesichts der scheinbaren Allverfügbarkeit noch bewusst, dass Archive vielfache Selektionsaufgaben haben? Die gesperrten Bestände z.B., dürften in den digitalen Sammlungen kaum erwähnt werden…