Ein Erlaß des Kultusministeriums

Ein Erlaß des Kultusministeriums.

Berlin, 15. Novbr. (W.B. Amtlich.) Das Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung richtete folgenden Erlaß an die Provinzialschulkollegien und Regierungen:

1. Wo bisher der Geschichtsunterricht mit anderen Lehrfächern dazu mißbraucht wurde, Volksverhetzung zu betreiben, hat solches in Zukunft unbedingt zu unterbleiben, vielmehr einer sachgemäßen Kultur und historischen Belehrungen Platz zu machen. Alle tendenziösen und falschen Belehrungen über den Weltkrieg und dessen Ursachen sind zu vermeiden.

2. Aus den Schulbibliotheken sind alle Bücher zu entfernen, welche den Krieg an sich verherrlichen.

3. In keinem Unterrichtsfache sind seitens der Lehrkräfte abfällige oder entstellende Bemerkungen über die Ursachen und Folgen der Revolution sowie die gegenwärtige Regierung zu äußern, welche geeignet sind, bei der Schuljugend das Ansehen und die Errungenschaften dieser Volksbefreiung herabzuwürdigen.

4. Es hat seitens der Schulleiter und Lehrer im Verkehr mit der Jugend alles zu unterbleiben, was geeignet ist, die Stimmung zu einer Gegenrevolution (besonders auf dem flachen Lande) zu schüren, da ein solches Vorgehen im jetzigen Augenblick die größte Gefahr eines Bürgerkriegs für unser Volk in sich birgt.5. Bis zum Erlaß über die Trennung von Schule und Kirche sind die Kinder von Dissidenten und solchen Andersgläubigen, für die ein Religionsunterricht im jetzigen Schulplan nicht vorgesehen ist, auf Antrag der Erziehungsberechtigten ohne jeden weiteren Nachweis vom Religionsunterricht zu befreien.

Frankfurter Zeitung, 16.11.1918, via faz.net

(Die Frankfurter Allgemeine Zeitung sieht sich mit guten Gründen als Nachfolgerin der 1943 eingestellten Frankfurter Zeitung.)

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Jan Böhmermann…

 

… wird jetzt von einem Kollegen des Antisemitismus‘ bezichtigt (siehe einen Bericht der Vice)

Frank Lübberding, den ich für seine kritische Medienbeobachtung in der FAZ sehr schätze, findet den Vorwurf übertrieben:

Es passt nur leider zu einem Böhmermann, der sich für die Inkarnation des Weltgeistes hält und dabei das Geschichtsbewusstsein eines Dreijährigen an den Tag legt; kurzum: keine Perspektiven kennt.

Babylon (im heutigen) Berlin

 

Wenn in einer Geschichtsserie, die im Berlin der 1920er-Jahre spielt, Bryan Farry auftritt, und zwar mit einem Cover von „Bittersweet“ der Gruppe „Ja, Panik“ (DMdKiuLidT, 2011) – dann wird, zumindest in Folge 10 der zweiten Staffel, klar: Hier hatten die Macher keine Angst, heutige (Kultur-)Werte in die Vergangenheit zu übertragen.

Es ist daher vielleicht auch nur bedingt sinnvoll, nach der sachlichen Richtigkeit mancher dargestellten Handlung in „Babylon Berlin“ zu fragen. (Waren Ludendorff und Kaiser Wilhelm II. im Jahre 1929 tatsächlich noch Fixpunkte und Identifikationsfiguren rechtsextremer Kreise?) Beziehungsweise nach der von Hans-Jürgen Pandel so bezeichneten „Typenauthentizität“ so mancher Charaktere. (Warum sind die beiden einzigen in der Serie auftretenden Juden beide Angehörige des linksrepublikanischen Lagers? Wie viele Milieus soll die Hauptfigur Lotte Ritter eigentlich widerspiegeln – Rotlichtwelt, Arbeiterklasse plus auftstrebende Angestelltenschicht?)

Als besonders aussagekräftig in Sachen Gegenwartswahrnehmung erscheinen – mit etwas Augenzwinkern – folgende Punkte, die die Serie recht nonchalant auf das Berlin der 1920er-Jahre „rückprojiziert“ (so C. bei ihrer Vorlesungsvorbereitung):

1. Das Berghain gab es schon 1929 – und zwar in Form des Moka Efti, inklusive eines SM-Salons im Keller. (Auf Belege, dass es im echten Moka Efti so zuging, bin ich gespannt.)

2. Hatespeech: Der Reichsaußenminister Gustav Stresemann erleidet einen (wie es scheint: tödlichen) Herzinfarkt – allerdings, anders als im echten Leben, im Angesicht einer ihn anpöbelnden Meute von SA-Männern (die den realen Stresemann allerdings auch in der Realität aufs perfideste beleidigten).

3. Berlin wird von kriminellen Clans regiert, deren Oberhäupter aus dem Ausland stammen. Im „Babylon Berlin“ der 1920er-Jahre ist es „der Armenier“ – jedoch nur in der Verfilmung, nicht in Volker Kutschers Roman „Der nasse Fisch“, der als Vorlage diente und in der der Obergangster auf gewisse Weise einen sehr deutschen Nachnamen trägt. Er heißt nämlich Marlow, wie Goethes Vorgänger. Gespielt wird „der Armenier“ nun (er wird wirklich immer so genannt) von Mišel Matičević, der schon in „Im Angesichts des Verbrechens“ den charmanten Mafioso aus Osteuropa gab und nur einer von zahlreichen Verweisen auf diese viel zu schnell eingestampfte (weitere) große Serie ist – neben dem Zug, der eine Hauptrolle spielt und der farbigen Darstellung des russischen Migrantenmilieus etwa.

4. Die neue Technik ist gefährlich. Ohne spoilern zu wollen: Letztendlich wird die Hauptfigur, Kriminalkommissar Gereon Rath, durch das damals neue Medium Radio auf eine Art und Weise gesteuert, die man heute mancherseits den digitalen Algorithmen unterstellt.

Ernsthaft: Einige Charakterisierungen erstaunen aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive. Neben den oben ausgeführten Einwänden gegen die Zeichnung der Putschisten sowie einzelner Charaktere betrifft das m.E. auch die Kommunisten, die mir zumindest bis zur letzten Folge doch etwas zu lammfromm beschrieben scheinen. Etwas mehr Mühe hätte sich auch die offizielle Homepage geben können, mit den weiterführenden Literaturhinweisen nämlich – Nachlesenswertes über die Weimarer Zeit gibt es auch außerhalb der Webpräsenz des Deutschen Historischen Museums und Berliner (Lokal-)Zeitungen. Aber dass sie das Interesse an der (echten) Weimarer Republik weckt, vielleicht sogar aufzeigt, wie sehr sich unsere Gegenwart des Jahres 2018 glücklicherweise von ihr unterscheidet, das ist ein wichtiger Verdienst dieser tollen Serie.

Und außerdem ist der Soundtrack einfach großartig.

Sklaverei im Computerspiel?

Eine der bekanntesten, langlebigsten und kommerziell erfolgreichsten Wirtschaftssimulationen überhaupt wird mit Anno 1800 das Zeitalter der Industrialisierung spielbar machen, aber Sklaverei und Sklavenhandel weitestgehend, wenn nicht sogar komplett, aus seiner Spielwelt verbannen — zum einen, weil das den historischen Tatsachen entspräche, zum anderen, weil es nicht ethisch vertretbar sei, SpielerInnen „auf den Weg des Sklavenhalters zu zwingen“.

(Hier der Link zum vollständigen Blogbeitrag auf Archaeogames)

Gedenken an NS-Verfolgte in Münster – Neue App vorgestellt

Wie in vielen anderen Städten erinnern in Münster sogenannte Stolpersteine an Menschen, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden. Gestern wurde eine App vorgestellt, mit deren Hilfe sich diese Form des Gedenkens leichter erschließen lässt.

In eigener Sache

In den letzten Wochen – naja, ehrlich gesagt: Monaten – ist es ziemlich ruhig geworden um „geschichtskultur(kuratieren)“. Das hat zwei Gründe: Zum einen bin ich bei meiner Dissertation mittlerweile in der heißen Phase angekommen. Und zum anderen habe ich ein „Herzensprojekt“ (J.W.) verfolgt, das eben die Wochenenden und Feierabende in Anspruch nahm, an denen ich sonst am Blog gewerkelt hatte.

Am Freitag habe ich die Belegexemplare meines ersten Buches namens Der „Wiedertäufermythos“ erhalten. Es ist im Aschendorff Verlag erschienen (und für 19,90 Euro zu erstehen). Und der Klappentext spricht hoffentlich für sich:

Warum hängen mit den drei Eisenkörben in Münster bis heute Hinrichtungszeugnisse am Kirchturm von St. Lamberti und ist dies wirklich angemessen für die „Stadt der Wissenschaft und Lebensart“? Eine Suche nach den Hintergründen dieses einzigartigen Denkmals führt zum schauspielenden Zoodirektor Hermann Landois, zum Karneval, zu Bischof von Galen und seinen nationalsozialistischen Widersachern, zu Reichs- und Bundeskanzlern, zu Punkern, Dritte-Welt-Aktivisten und Offizieren der US Navy. Denn sie alle nutzten die Täufer als Wertmaßstab und schufen den „Wiedertäufermythos“, von dem dieses Buch handelt. So entsteht eine etwas andere Stadtgeschichte. Sie handelt davon, wie sich Münster sieht beziehungsweise was Menschen von außerhalb darin erkennen. Und sie ist die Grundlage für ein Plädoyer, die Körbe am Turm von St. Lamberti zu lassen – aber anders zu nutzen.

Was den Blog betrifft, hoffe ich – sofern es die Arbeit zulässt – hier bald wieder öfter schreiben zu können.

Wappenänderung zurückgenommen

Als der Sportclub Preußen Münster am Dienstag sein Wappen änderte, schlug das hohe Wellen – auch außerhalb des Netzes, wie diese Bilder vom „PreußenForum“ zeigen:

Der Verein ist am Donnerstagabend zurück gerudert und hat das „Evolutionslogo“ vom Markt genommenwird vorerst von einer Verwendung des Evolutionslogos Abstand nehmen.“